Nische statt Center Court: Das schwere Geschäft mit Tennis-Artikeln

Heilbronn  Spiel, Satz und Sieg? Von wegen - für Sportshops ist das Thema Tennis-Artikel längst keine Erfolgsstory mehr. Könnten neue deutsche Tennis-Stars daran etwas ändern und den Verkauf ankurbeln?

Von Wolf von Dewitz, dpa

Tennis Geschäft
Ein Kunde betrachtet in einem Sportartikelfachgeschäft Tennisschläger. Der Intersport-Verbund verzeichnet beim Verkauf von Tennisartikeln wie Schlägern, Bällen, Schuhen oder Bekleidung seit langem einen Abwärtstrend. Foto: dpa

Wimbledon weckt Emotionen - das dürfte auch ab kommender Woche so sein bei dem wohl bekanntesten Tennisturnier der Welt. In Deutschlands Sportartikel-Handel hingegen halten sich die „Winner“-Emotionen in Grenzen - aus wirtschaftlicher Sicht sind Tennis-Artikel zwar nicht im Aus, aber doch in der Nische gelandet.

So verzeichnet der Intersport-Verbund beim Verkauf von Tennis-Artikeln wie Schlägern, Bällen, Schuhen oder Bekleidung seit langem einen Abwärtstrend. „In den vergangenen zehn Jahren ist der Umsatz um etwa 20 Prozent gesunken“, sagt Intersport-Warenvorstand Jochen Schnell. Nur noch etwa zwei Prozent des Umsatzes des Verbundes entfallen auf Tennis-Artikel. Konkurrent Sport 2000 will zwar keine Zahlen verraten, räumt aber ein, man bewege sich „auf einem anderen Niveau“ als Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. 

Die schwächeren Tennis-Geschäfte treffen laut Marktforschern Deutschlands ganze Sportartikel-Branche. Tennis-Stars wie Steffi Graf und Boris Becker elektrisierten einst die Massen, immer mehr Menschen spielten selbst Tennis - die Nachfrage nach Tennis-Artikeln stieg. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. „Der Umsatz mit Tennis-Artikeln ist inzwischen auf einem deutlich schwächeren Niveau gelandet als noch zu Zeiten von Steffi Graf und Boris Becker“, sagt Dietmar Brandl vom Marktforschungsunternehmen NPDgroup („National Purchase Diary“). 

Laut den Marktforschern machen Tennis-Artikel in der ganzen Sportshop-Branche in Deutschland nur noch zwei Prozent vom Umsatz aus. In den ersten drei Monaten 2016 seien die Erlöse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nochmal um 3,5 Prozent gesunken. „Das ist nur noch eine Nische - etwas für Spezialisten“, so Brandl. „Der Trend ist schon lange weg vom Tennis und hin zu Outdoor- oder Fitness-Sportarten.“ Auch Fußball sei mit einem Sportartikel-Marktanteil von 7,4 Prozent deutlich stärker.

Mangelnde TV-Präsenz

Aber sind die Aussichten wirklich so düster? Angelique Kerber gewann Anfang des Jahres die Australian Open, auch andere deutsche Tennis-Damen sowie der 19-jährige Jungstar Alexander Zverev machten unlängst Furore. Aber: „Die Breitenwirkung solcher Erfolge ist sehr begrenzt“, sagt Marktforscher Brandl.

Früher seien Tennisturniere ein Fernsehereignis gewesen, große Teile der Bevölkerung hätten gebannt vor dem Fernseher gesessen. Heute sei Tennis hingegen kaum noch im Fernsehen - und wenn doch, dann zumeist in Spartenkanälen wie Eurosport. „Als die Tennisheroen der 90er in den Ruhestand gingen, verschwand Tennis allmählich aus den Fernsehkanälen - und das Interesse der breiten Bevölkerung nahm ab“, erklärt Brandl. 

Fehlende Charakterköpfe

Durchschlagende Umsatzimpulse durch neue Tennis-Stars sieht auch Intersport-Vertriebschef Schnell nicht. Aus seiner Sicht haben die heutigen Tennis-Stars längst nicht mehr die Strahlkraft von Boris und Steffi. „Die heutigen deutschen Profis spielen hervorragendes Tennis, aber es sind nicht die Charakterköpfe mit Ecken und Kanten von früher, über die die Menschen sprechen und die eine ganze Generation mitprägten“, sagt der Intersport-Manager.

Tennis sei nun mal nicht mehr der Breitensport der 90er, als noch 2,3 Millionen Menschen Mitglieder in deutschen Tennisclubs waren, sagt Intersport-Vorstand Schnell. Heute seien es nur noch etwa 1,4 Millionen. Immerhin: Bergab geht es laut Schnell nicht. Der Tennis-Umsatz habe sich „auf einem stabilen Niveau eingependelt, so dürfte das in den nächsten Jahren in etwa auch bleiben“.

Ein Sprecher des Deutschen Tennis Bundes äußerte sich zuversichtlich, dass der Tennissport nach den jüngsten deutschen Erfolgen wieder mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommt. „Ein Aufschwung ist unübersehbar“, sagte er. „Wir spüren in den Vereinen eine gesteigerte Nachfrage nach Mitgliedschaften.“ Zahlen zu Mitgliedschaften in deutschen Tennisclubs für das Jahr 2016 gibt es aber erst im Herbst.

Und was, wenn tatsächlich ein deutscher Mega-Star auf der Tennisbühne auftaucht - wenn Kerber dauerhaft groß auftrumpft oder der junge Zverev es unter die Top 10 schafft? „Das würde nichts daran ändern, dass im Sportverhalten in Europa der Trend weggeht vom Tennis“, sagt Marktforscher Brandl. So sei Rafael Nadal seit Jahren ein Megastar in Spanien, habe dort aber nicht - wie Graf und Becker einst in Deutschland - zum Tennisboom geführt. „Selbst lokale Tennis-Stars verhelfen dem Markt heutzutage zu keinem wirklichen Aufschwung mehr.“

 

 

 
 

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