„Es droht eine Frühverrentungswelle“

Kornwestheim - Die Situation der älteren Arbeitnehmer hat sich in Deutschland verbessert - allerdings nur bis zum Beginn der Wirtschaftskrise. Inzwischen hat sich das Blatt wieder gewendet. Unternehmer Jens Fahrion aus Kornwestheim (38) erklärt im Interview mit Christian Gleichauf, dass sich Unternehmen ganz aktiv um die über 50-Jährigen kümmern müssten - und warum sie sich viele Firmen wahrscheinlich nur von ihnen trennen wollen.

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Kornwestheim - Die Situation der älteren Arbeitnehmer hat sich in Deutschland verbessert - allerdings nur bis zum Beginn der Wirtschaftskrise. Inzwischen hat sich das Blatt wieder gewendet. Unternehmer Jens Fahrion aus Kornwestheim (38) erklärt im Interview mit Christian Gleichauf, dass sich Unternehmen ganz aktiv um die über 50-Jährigen kümmern müssten - und warum sie sich viele Firmen wahrscheinlich nur von ihnen trennen wollen.

Herr Fahrion, Ihr Vater hat 2000 bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil er in einer Stellenanzeige gezielt ältere Bewerber angesprochen hat. Wird es solche Anzeigen bald wieder geben?

Jens Fahrion: Eine Anzeige, die ein so fulminantes Echo auslösen kann, wird es wohl nicht mehr geben - wegen des Antidiskriminierungsgesetzes. Ein offener Bezug auf das Alter ist da ausgeschlossen. Aber unsere Vorgehensweise bleibt die gleiche. Ältere Mitarbeiter haben bei uns beste Chancen - wenn wir wieder einstellen. Momentan arbeiten auch wir kurz.

Der Jugendwahn hat zuletzt doch wieder etwas nachgelassen. Hat sich das Thema vielleicht erledigt?

Fahrion: Das öffentliche Interesse ist eingeschlafen - vielleicht auch wegen der Krise. Das Problem besteht aber weiter und könnte bald wieder aktuell werden. Es droht eine Frühverrentungswelle, und mancher Firma kommt es sogar ganz gelegen, dass sie die älteren Mitarbeiter loswerden kann.

Warum?

Fahrion: Es gibt viele Gründe, manche sind auch branchenabhängig. Im IT-Bereich gibt es beispielsweise eine Art Jugendkult. Da tut man sich schon schwer, Leute über 40 einzustellen. Dazu kommt das Senioritätsprinzip: Mit dem Alter steigt das Gehalt, die Mitarbeiter sind nicht mehr so leicht zu kündigen. Da nimmt man jede Chance gerne wahr.

Was versprechen Sie sich von älteren Mitarbeitern?

Fahrion: Das sind harte Überlegungen zu Wirtschaftlichkeit und Effizienz. Es hat jedenfalls nichts mit Sozialromantik zu tun. Wir sind Ingenieurdienstleister und planen Fabriken. Und in unserem Unternehmen sind es vor allem die älteren Arbeitnehmer, die am effizientesten neue Kunden akquirieren können. Außerdem brauchen Jungingenieure zehn bis zwölf Jahre Einarbeitungszeit. Ein älterer Mitarbeiter, der zuvor vielleicht als Werks- oder Produktionsleiter gearbeitet hat, braucht vielleicht nur zwei bis drei Jahre.

Eine aktuelle Studie stellt zudem heraus, wie wichtig es ist, dass sich Alt und Jung austauschen.

Fahrion: Das kann ich nur bestätigen. Wir setzen seit langem auf intergenerative Gruppen. Denn das Hauptproblem besteht immer darin, bestimmte Kenntnisse an die richtige Stelle weiterzuleiten.

Also sind die Chancen für ältere Mitarbeiter vielleicht doch gar nicht so schlecht?

Fahrion: Ich gebe zu, dass wir da in einer besonderen Situation sind. Innovation ist vor allem bei hochqualifizierten Mitarbeitern ein Thema. Die breite Masse der Betroffenen ist nicht in diesem Bereich angesiedelt. Trotzdem könnten viele Firmen von älteren Mitarbeitern profitieren. Das haben wir bei vielen Seminaren und Vorträgen erfahren, die mein Vater und ich in den vergangenen Jahren gehalten haben. Doch jene Firmen, die den Nutzen nicht sehen, erreicht man eben nicht.

Chancen für Ältere

Die Arbeitsmarktsituation älterer Arbeitnehmer hat sich zuletzt deutlich verbessert, erklärt das Institut für Arbeitsmark- und Berufsforschung (IAB) in einer aktuellen Analyse. Auch wenn die Krise kurzfristig Rückschläge bewirken könnte, bestehe Grund für Optimismus. Das Signal, dass künftig bis 67 gearbeitet werden muss, zeige Wirkung. Ebenso einige arbeitsmarktpolitische Maßnahmen. Übersetzt heißt das: Wer kurz vor der Rente Gefahr läuft, in Hartz IV abzustürzen, dürfte stark motiviert sein, das zu verhindern. Doch grundsätzlich, das räumt auch das IAB ein, sei die Situation auf dem Arbeitsmarkt noch immer alles andere als rosig. Noch immer würden ältere Mitarbeiter wegen vermeintlicher Leistungsschwäche diskriminiert. Wenn die Konjunktur es wieder zulässt, seien Betriebe und Beschäftigte gefordert, das „wertvolle Erfahrungswissen“ und andere Vorzüge der Älteren auf produktive Weise für sich nutzbar zu machen.

Zur Person: Jens Fahrion

Seit 2001 führt Jens Fahrion (37, Foto: privat) gemeinsam mit seinem Vater Otmar und seinem Bruder Eric die Kornwestheimer Fahrion Engineering. Mit 80 Mitarbeitern plant das Unternehmen Fabriken in Baden-Württemberg und weltweit. Nachdem Otmar Fahrion im Jahr 2000 eine Anzeigenserie geschaltet hatte, in der er „Ingenieure, Techniker, Meister bis 65“ suchte, war das Medienecho groß. Und so reisten Vater Otmar und Sohn Jens mehrere Jahre durch Deutschland und auch ins Ausland, um auf die Chancen hinzuweisen, die ältere Mitarbeiter einem Betrieb bieten.



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