Das bedrückende Arbeitsleben der Frau an der Kasse

Heilbronn - Angestellte im Einzelhandel werden "gequält und betrogen", sagt Gewerkschaftssekretär Thomas Müssig im Interview mit Stimme-Redakteurin Franziska Feinäugle.

Das bedrückende Arbeitsleben der Frau an der Kasse
Kann die Kassiererin von ihrem Lohn leben? Darauf kann man sich auch in Geschäften der Region nicht unbedingt verlassen.Fotos: floris70/Fotolia, Feinäugle

Heilbronn - Der flüchtige Kunde hat ein klares Bild vor Augen, wenn von Angestellten im Einzelhandel die Rede ist: Dann sieht er die Kassiererin aus dem Supermarkt vor sich oder die Beraterin im Modegeschäft.

Unter was für Bedingungen diese Menschen heutzutage oft arbeiten müssen, was in den aktuellen Tarifverhandlungen auf dem Spiel steht und weshalb er davon spricht, dass viele Mitarbeiter im Einzelhandel "gequält und betrogen" werden, darüber unterhielt sich unsere Redakteurin Franziska Feinäugle mit Thomas Müssig, dem Heilbronner Gewerkschaftssekretär für Handel.

Wenn ich als Kundin in ein Geschäft in der Region gehe − habe ich es dann mit jemandem zu tun, der so bezahlt wird, dass er davon leben kann?

Thomas Müssig: Darauf kann man sich nicht mehr verlassen, seit im Jahr 2000 die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge aufgehoben wurde. Seither verschaffen sich etliche Unternehmen Wettbewerbsvorteile auf Kosten der Löhne: indem sie einfach schlechter bezahlen. Damit prellen sie nicht nur ihre Angestellten, sondern auch Firmen, die noch tariftreu bleiben wollen.

In welchem Heilbronner Geschäft wird zum Beispiel schlecht bezahlt?

Müssig: Letzte Woche war ich bei einer Betriebsversammlung bei Toys R Us. Dort bekommt eine Teilzeitkraft mit 30-Stunden-Woche 625 Euro weniger als eine, die nach Tarif bezahlt wird. Und das, obwohl sie quasi jederzeit auf Abruf sein muss: Toys arbeitet mit einer derart dünnen Personaldecke, dass, sobald einer ausfällt, das ganze System zusammenbricht. Bei Kaufland auch.

Meinen Sie solche Umstände, wenn Sie davon sprechen, dass im Einzelhandel sehr viele Erwerbstätige "gequält und betrogen" werden?

Müssig: Ja.

Gut, "gequält" passt zu dem Druck, der auf den einzelnen Angestellten lastet. Aber ist "betrogen" nicht zu hoch gegriffen?

Müssig: Nein. Kaufland beispielsweise gruppiert seine Kassiererinnen bewusst eine Gruppe tiefer ein. Und erst, wenn wir aufklären und den Anspruch auf höhere Einstufung geltend machen, erfolgt eine Höhergruppierung − allerdings nur drei Monate rückwirkend.

Das heißt, es wird so lange bewusst falsch bezahlt, bis sich jemand wehrt?

Müssig: Ich hatte vor Kurzem eine Frau hier, die war seit sechs, sieben Jahren bei Kaufland angestellt, in der zu niedrigen Lohngruppe. Worum diese Frau betrogen worden ist, entspricht dem Wert eines Mittelklassewagens, das waren um die 20 000 Euro. Die Frau saß hier und hat geweint.

Wie helfen Sie in solchen Fällen?

Müssig: Der entgangene Lohn, der länger als drei Monate zurückliegt, ist verloren. Da gibt es leider keine Polizei, die sich um die Rechte der Betrogenen kümmert. Ich zeige den Leuten ihre Rechte auf − und die möglichen Konsequenzen, wenn sie auf ihren Rechten bestehen. Ganz grundsätzlich arbeite ich gern beteiligungsorientiert: Die Leute müssen ermächtigt werden, ihre Konflikte selbst zu führen und das auch auszuhalten. Dadurch entwickeln sie sich.

Damit sie ihrem Arbeitgeber gegenüber selbstbewusster werden?

Müssig: Die Arbeitgeber profitieren von Unwissenheit und Angst der Menschen − also ist es gut, wenn wir als Gegenmittel Wissen und Erfahrungen vermitteln, Gewerkschaft spürbar, erlebbar machen. Ich bin gern nah an den Menschen, nichts ersetzt das persönliche Gespräch. Hier im Haus bin ich für manche "der Sekretär, der nie da ist".

Prekäre Löhne in Unternehmen, die nach außen hin ihre Familienfreundlichkeit hochhalten, einschüchternde Abmahnungen, die gezielt zum Wochenende hin adressiert werden − sind solche unmenschlichen Praktiken typisch neokapitalistisch oder gab es das schon immer?

Müssig: Schwer zu beurteilen. Ich habe schon das Gefühl, dass sich in den letzten zehn Jahren durch die Verschärfung des Wettbewerbs die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verschlechtert haben. Das fängt an mit den hohen Renditeerwartungen am Kapitalmarkt − und irgendjemand muss das letztlich bezahlen. Im Endeffekt zahlen es die Näherinnen in Bangladesch.

Billigtextilien sind ein gutes Stichwort. Was kann ich als Kundin tun, um faire Bezahlung zu unterstützen − nicht nur in Bangladesch, sondern auch in den Geschäften meiner Stadt?

Müssig: Sich informieren. Sensibel sein. Versuchen, mit Ihrem Verhalten − Ihrer Kaufentscheidung − die guten Arbeitgeber zu belohnen und die schwarzen Schafe zu bestrafen.

Was interessiert es eine ferne Konzernleitung, ob ich sie boykottiere?

Müssig: Auf lange Sicht sehr viel. Entweder die Unternehmen stellen ihre Personalpolitik um − oder sie ruinieren sich, so wie Schlecker.

 

 

Thomas Müssig ist Heilbronner Verdi-Gewerkschaftssekretär für Handel. Foto: Feinäugle
Hintergrund
 
Zur Person
 
Thomas Müssig (31) kennt die Handelswelt von innen: Bevor er im Herbst 2012 Heilbronner Verdi-Gewerkschaftssekretär für Handel wurde, arbeitete er bei der Textilkette H&M in deren Zentrallager für Süddeutschland im bayerischen Großostheim. Zunächst als Leiharbeiter, später als Angestellter. Sein Engagement im Betriebsrat und als Betriebsratsvorsitzender begeisterten ihn so, dass er nun hauptamtlich Gewerkschafter wurde.
 
Der aktuelle Tarifkonflikt
 
Wenn die Arbeitgeber sich durchsetzen, bekommt eine Vollzeit-Kassiererin im Supermarkt künftig 300 Euro weniger, rechnet Thomas Müssig vor. Verdi fordert für die Beschäftigten im Einzelhandel unter anderem, dass die Löhne um einen Euro pro Stunde steigen und das tarifliche Mindesteinkommen auf 1800 Euro brutto im Monat angehoben wird. Am kommenden Dienstag wird weiter verhandelt. ff