Otto Rettenmaier ist kurz vor seinem 94. Geburtstag gestorben

Region  Der Vorzeige-Unternehmer und Mäzen baute ein vielfältiges Firmenimperium auf und engagierte sich als großzügiger Sponsor in Heilbronn, Neresheim und Stuttgart. Otto Rettenmaier hat in der Region viele Spuren hinterlassen.

Von Iris Baars-Werner, Jürgen Paul und Carsten Friese
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Ein nachdenklicher Otto Rettenmaier 2012 bei der Einweihung des Heilbronner Hauses der Stadtgeschichte, dessen Aufbau er finanziell großzügig unterstützte. Foto: Archiv/Sawatzki

Otto Rettenmaier war in seinem Leben das, was man einen Patriarchen nennt. Als Ehemann, dreifacher Vater und vielfacher Großvater. Als Unternehmer seiner regional verzweigten und auf der ganzen Welt verstreuten Firmen. Als Bürger seiner Heimatregion Ellwangen und als Einwohner seiner zweiten Heimatstadt Heilbronn. Als Besitzer des Bordeaux-Weingutes La Tour Figeac. Und als großzügiger Mäzen für kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen. Jetzt ist der Multiunternehmer kurz vor seinem 94. Geburtstag gestorben.

Menschen sind ihm immer mit Achtung begegnet

Wer Otto Rettenmaier verstehen wollte, der musste mit ihm nur einmal eine nostalgische Reise in seine Heimat antreten, in die Ellwanger Berge, auf die Ostalb. Der markante Dialekt dieser rauen Gegend hatte stets die Rede des Unternehmers bestimmt, auch als dieser schon Jahrzehnte in Heilbronn lebte. Mit Achtung bis hin zur Ehrfurcht waren ihm die Menschen seiner Heimat immer begegnet.

Das Patriarchalische hatte er von seinem Vater Josef Rettenmaier geerbt, der die urkundlich 1497 erstmals erwähnte Holzmühle zu einem florierenden Faserstoffwerk ausgebaut hatte. Der zur Geburt seiner Söhne einer Erzählung nach gleich der ganzen Dorfjugend schulfrei gegeben hatte. Und der mit Ehefrau Josefine ein überaus gastfreundliches Herrenhaus geführt hatte, in dem Politik und Gesellschaft ein und aus gingen.

Eine Tradition, die sein zweitgeborener Sohn in Heilbronn mit seiner Ehefrau Lore weiterführte. Erst recht als sich das Ehepaar Rettenmaier an der Armsündersteige eine beeindruckende herrschaftliche Villa samt Nebengebäuden hatte errichten lassen mit unverbaubarem Blick auf die Stadt zu seinen Füßen, die Otto Rettenmaier zu seiner zweiten Heimat machte.

Rettenmaier war leidenschaftlicher Unternehmer

Auch wenn er Hauskonzerte, die Hochwildjagd, gutes Essen und noch bessere Weine liebte, so war Otto Rettenmaier nichts fremder als das Dasein eines Lebemanns. "Mein Vater ist ein leidenschaftlicher Unternehmer, 24 Stunden am Tag, sein Kopf ist immer im Unternehmen", erzählte aus Anlass seines 85. Geburtstages seine Tochter Susanne Rettenmaier. Zu dem Zeitpunkt und darüber hinaus war Otto Rettenmaier noch täglich im Büro, immer belesen und bestens informiert über die weltweiten Märkte ließ er nie einen Zweifel daran, wer Herr im Haus ist.

Otto Rettenmaier ist kurz vor seinem 94. Geburtstag gestorben
Im Jahr 2005 verlieh ihm Ministerpräsident Günther Oettinger das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Foto: Archiv/Sawatzki

Ausgehend von der Fasererzeugung der Firma J. Rettenmaier & Söhne hatte sich Otto Rettenmaier im Laufe seines Lebens ein ebenso umfassendes wie höchst vielfältiges Firmenimperium aufgebaut, das er von der Heilbronner Kalistraße aus leitete. Da ist der Pfedelbacher Hersteller von Schwertransportern Scheuerle und dessen Schwesterunternehmen Kamag in Ulm.

In Pfedelbach wurde sogar eine Straße nach dem Unternehmer benannt. Die Baubranche und der Einzelhandel sind in den Obi-Bau- und Heimwerkermärkten vertreten, die zur Firmengruppe gehören. Die Projektentwicklungsgesellschaft Ripeg ist ein weiteres Standbein in der Immobilienbranche, das ganze Stadtquartiere projektierte. Seit 2012 gehören erneuerbare Energien und Windparks zum Rettenmaier-Portfolio.

Den "Homo oeconomicus" Rettenmaier beschrieb bei einem seiner runden Geburtstage in der Heilbronner Festhalle Harmonie ein Laudator als einen Industriellen, dessen Unternehmungen zudem Schiffe, Flugzeuge, Fertigungsstraßen für Linoleumböden - und Erdbeerplantagen umfasste.

Seine Lebensmotto: Spuren hinterlassen

Otto Rettenmaier ist kurz vor seinem 94. Geburtstag gestorben
Otto Rettenmaier als junger Mann im Jahr 1946. Foto: privat

Spuren zu hinterlassen, das war Otto Rettenmaiers Lebensmotto nicht nur als Unternehmer. Als Mäzen war er viele Jahrzehnte der Universität Hohenheim verbunden. Mit seinen Millionen-Spenden wurden Hörsaal und Auditorium geschaffen, die Hohenheimer verliehen ihm die Ehrensenatorwürde. In die Benediktinerabtei Neresheim floss sein Geld ebenso wie in die Sanierung der Kilianskirche Heilbronn und in das Württembergische Kammerorchester.

Und dass das Heilbronner Stadtarchiv Otto-Rettenmaier-Haus heißt, ist auf die großzügige Unterstützung des Um- und Neubaus aus der Schatulle des Heilbronner Unternehmers und Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse zurückzuführen. Drei Millionen Euro steuerte Rettenmaier zum Stadtarchiv bei. Im Rahmen der Bundesgartenschau in Heilbronn 2019, dessen Gelände an seine Fabrik angrenzte, brachte sich Otto Rettenmaier mit einem viel beachteten Beitrag zur Energiewende ein.

Heilbronn ist ihm zu Dank verpflichtet

"Wir verlieren mit Otto Rettenmaier nicht nur einen herausragenden Vertreter des Heilbronner Unternehmertums und echten 'pater familiae' aus Schrot und Korn, sondern auch einen großen Mäzen, dem die Stadt Heilbronn und die Heilbronner Stadtgesellschaft zu bleibendem Dank verpflichtet sind", würdigte Oberbürgermeister Harry Mergel den Verstorbenen.

Für besondere Momente ließ sich der bodenständige, humorvolle Familienvater auch Besonderes einfallen. Zum 60. Geburtstag seiner Ehefrau Lore mietete er im Jahr 1990 den historischen Orient-Express, um mit Familie und Freunden ab Heilbronn durch Süddeutschland zu fahren.


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