EBM-Papst will intelligent für gute Luft sorgen

Mulfingen  Der Hohenloher Ventilatoren- und Motorenhersteller verliert seine Ziele nicht aus dem Blick, auch wenn die vor der Corona-Krise ziemlich hoch gesteckt wurden. Fernab der Heimat sorgt jetzt ein Think Tank für Innovationen.

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Die Arbeit in der Produktion von EBM-Papst in Mulfingen lief auch in der Corona-Krise weiter.

Foto: EBM-Papst/Summer

Als EBM-Papst seinen Umsatz 2008 innerhalb von sieben Jahren auf zwei Milliarden Euro verdoppeln wollte, war das ein ambitioniertes Ziel. Erreicht wurde es mit einer kleinen Verspätung 2018. Nun peilt der Mulfinger Lüfter- und Motorenhersteller die noch weit entfernte Drei-Milliarden-Marke an - und muss sich doch erst einmal darum kümmern, die zwei Milliarden nicht zu unterschreiten. Denn nicht alle Sparten laufen rund, und dann gibt es schließlich noch dieses Corona.

Vielfach war EBM-Papst zuletzt als Vorzeigefirma gelobt worden ob ihres vor- und weitsichtigen Umgangs mit der Virusgefahr. Wo sie unter Kontrolle gebracht wurde, wie in China, arbeiten Produktionsstandorte wieder im Normalbetrieb. Wobei Firmenchef Stefan Brandl betont: Es wird künftig ein "neues Normal" geben.

Betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen

Das vergangene Geschäftsjahr war geprägt von einer schwächelnden Autoindustrie, was vor allem der Standort St. Georgen im Schwarzwald zu spüren bekam. Auch die Hausgerätesparte, die in Landshut angesiedelt ist, steht unter Druck. Konkurrenz aus Fernost macht den deutschen Herstellern BSH (Bosch) und Miele zu schaffen. So muss in Landshut sogar über betriebsbedingte Kündigungen gesprochen werden.

Es ist aber der einzige Standort, wo Belegschaft auf diese Weise abgebaut werden könnte. Ansonsten wurden vor allem Leiharbeiter nicht weiter beschäftigt, vor allem in Osteuropa bleibt mit diesem Instrument noch Flexibilität. Insgesamt ging die Belegschaft weltweit inklusive Leiharbeiter von 15.058 auf 14.638 zurück. Bei der Stammbelegschaft wurden zwölf Stellen abgebaut. Leicht zulegen konnte weiter der Stammsitz in Mulfingen. 3790 Mitarbeiter sind hier beschäftigt.

Die Firma setzt jetzt konsequent auf Innovation

Beim Thema Innovation lasse EBM-Papst "keinen Millimeter nach, auch nicht in der Krise", betont Brandl. Das Investitionsvolumen geht zwar etwas zurück, bleibt aber so hoch, dass Kapazitäten erweitert werden, wie Finanz-Geschäftsführer Hans Peter Fuchs erläutert. Auch das zeigt, dass trotz vorsichtiger Prognose von Schrumpfkurs keine Rede sein kann. Knapp an das Rekordniveau des Vorjahres reichen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung. 110 Millionen Euro sind eingeplant.

Große Hoffnung setzt die Firma auf den neuen Ableger EBM-Papst Neo, einen Think-Tank im Umfeld der Uni Dortmund. Dieser soll Impulse setzen bei Themen, die Brandl als die "drei Megatrends" für die Firma benennt: Digitalisierung, Raumluftqualität und Energieeffizienz. Bewusst habe man nicht die Nähe zum Heimatstandort Mulfingen gesucht. "Das hätte zur Folge gehabt, dass immer wieder ein Ventilator entwickelt wird", so Brandl.

 

 

Neue Märkte und der direkte Draht zum Endkunden

Stattdessen sollen von dort neue Ideen kommen. "Die Beteiligung von Start-ups etwa bringt uns Geschwindigkeit", sagt Brandl. Auf neue Märkte hart er es abgesehen, wenn künftig nicht mehr nur die Lüfter an Hersteller von Klimaanlagen geliefert, sondern den Kunden intelligente Systeme angeboten werden, die beispielsweise die Luftqualität in Konferenzräumen anhand zahlreicher Indikatoren vorausberechnen.

Gewinn und Umsatz stabil

Ebenso wie der Umsatz konnte der Gewinn 2018/19 stabil gehalten werden, wie Brandl andeutet. Genaue Zahlen gibt es nur fürs Vorjahr. Damals lag das Konzernergebnis bei 87 Millionen Euro.

Gut voran geht es in China, der zweite Produktionsstandort in Xi"an ist in Betrieb. Allerdings haben die weltwirtschaftlichen Turbulenzen dort im vergangenen Jahr ihre Spuren hinterlassen. In den USA wurde ebenfalls ein zweiter Standort eröffnet. Dort legte das Geschäft um fast sechs Prozent zu und macht Hoffnung auf mehr - trotz Trump. Energieeffiziente Klimaanlagen sind gefragt.

 


Kommentar: Die Schlagzahl erhöht sich

Der Mulfinger Ventilatorenbauer EBM-Papst weiß, dass Motoren und Lüfter irgendwann jeder bauen kann. Es ist nur eine Frage der Zeit. Der Vorsprung, den deutsche Ingenieurskunst in solchen Bereichen hat, muss Jahr für Jahr gesichert werden. Die Automobilindustrie ist hier ein warnendes Beispiel. Mit der Digitalisierung verschiebt sich das, was zur Technologieführerschaft notwendig ist, schneller denn je.

Das hat EBM-Papst erkannt. Und richtigerweise wollen die Firmenlenker auch nicht im eigenen Saft schmoren, sondern Impulse von außen bekommen. Deshalb haben sie einen Think Tank in Dortmund gegründet, wo eine agile Start-up-Kultur Innovationssprünge ermöglichen soll. Das ist der richtige Ansatz. Wer weltweit agiert, darf Heimatverbundenheit nicht mit einer provinziellen "Hohenlohe first"-Strategie verwechseln. Schließlich hat die Geschäftsführung auch Verantwortung für mehr als 14 000 Mitarbeiter.

Natürlich entsteht gerade auch in Heilbronn ein innovationsförderndes Klima. Doch der Bildungscampus war den Mulfingern zu nah - räumliche Entfernung ist hier ausdrücklich gewünscht. Heilbronn kann sich aber noch nicht ohne Weiteres mit Berlin oder Dortmund messen. Das zeigt, wie wichtig es ist, in der Region auf die Innovationsthemen zu setzen. Firmen wie EBM-Papst werden künftig mehr und mehr solche Ökosysteme suchen, wo sie das notwendige Know-how und die richtigen Netzwerke vorfinden. Sobald die Corona-Krise halbwegs überwunden ist, wird sich die Schlagzahl der Digitalisierung weltweit noch einmal deutlich erhöhen.

 

Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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