Audi-Zulieferer Fuyao muss Stellen abbauen

Leingarten  Der Autoglashersteller Fuyao entlässt in der Corona-Krise 60 Mitarbeiter. Herbe Verluste bereiteten bereits in den Vorjahren Sorgen. Trotzdem wurde weiter investiert.

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Eine Mitarbeiterin von Fuyao "trimmt" Autoscheiben und sortiert sie für die weitere Verarbeitung. Zahlreiche Stellen in der Produktion fallen weg.

Foto: Christian Gleichauf

Der Autoglashersteller Fuyao in Leingarten reagiert auf die anhaltenden Auftragrückgänge und -ausfälle in der Corona-Krise. Das Unternehmen hat in dieser Woche 60 von 355 Mitarbeitern betriebsbedingt gekündigt.

Die Geschäftsführung möchte den entlassenen Mitarbeitern zeigen, dass sie nicht einfach weggeschickt und ihrem Schicksal überlassen werden. "Unsere Personalabteilung steht im engen Austausch mit der Agentur für Arbeit in Heilbronn", erläutert Jun Sun, seit November 2018 Geschäftsführer der Fuyao Europe GmbH mit Sitz in Leingarten. "Aber wir wollen die bestehende Belegschaft auch so gut wie möglich durch diese Krise bringen." Eine Alternative zum Stellenabbau habe die Firma nicht mehr gesehen, auch nicht mit Kurzarbeit.

Eng mit Audi verbunden

Die Hälfte des Umsatzes hängt an Audi. Als dort die Produktion Ende März gestoppt wurde, standen auch bei Fuyao alle Bänder still. Jetzt sei die Produktion wieder bei 45 Prozent Auslastung, wie Marketing- und Vertriebsleiter Roland Hause erläutert. Damit sei aber klar, dass eine Rückkehr zum Zweischichtbetrieb auf absehbare Zeit nicht möglich ist. Die Firma habe reagieren müssen.

Weitere Zugeständnisse sollen von der Belegschaft nicht eingefordert werden, Stand heute. Auch weiterer Stellenabbau sei nicht geplant, wie Hause versichert. "Wir können uns damit über Wasser halten", ist er überzeugt. Einen Betriebsrat gibt es in dem Unternehmen nicht.

Kurz nach dem Umzug gab es Auftragsrückgänge

Die Tochtergesellschaft der in China ansässigen Fuyao Glass Industry Group wurde 2007 mit der Übernahme des Heilbronner Autoglas-Verarbeiters Fümotec gegründet. 2018 bezog die Firma den Neubau in Leingarten, für den 50 Millionen Euro investiert wurden. Doch mit dem Umzug in die neuen Räumlichkeiten bekam die Firma die Probleme in der Autoindustrie auch schon zu spüren.

Durch verschobene Produktionsanläufe und geringere Stückzahlen waren die Planzahlen nicht zu erreichen. Zwar legte der Umsatz 2019 deutlich zu, doch er blieb trotzdem hinter den Erwartungen zurück. In diesem Jahr steckte sich die Firma hohe Ziele. 58 Millionen Euro peilte sie an. Jetzt rechnet sie noch mit der Hälfte. Entsprechend werden sich die Verluste wohl noch vergrößern. In den vergangenen zwei Jahren erreichten sie zweistellige Millionenwerte.

Ziel war, Marktanteile zu erobern

Trotzdem hat die Firma immer weiter investiert. In den Hallen stehen neue Roboter, zwei Produktionslinien sollen automatisiert werden. Wachstum war angepeilt. Der Weltmarktführer beim Autoglas macht schließlich konzernweit mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz und hat in China einen Marktanteil von 75 Prozent, weltweit von 25 Prozent.

Doch in Deutschland liegt der Marktanteil bislang nur knapp über zehn Prozent. Eigentlich viel Luft nach oben. Mit der Schwächephase der Autoindustrie waren aber auch Windschutzscheiben und Co. weniger gefragt. Stattdessen kamen die Preise unter Druck.

Engagiert

Fuyao-Firmengründer Cho Tak Wong ist über seine Stiftung auch wohltätig aktiv. So hat er an das Land Baden-Württemberg eine Million Medizinische Masken, 20 000 Schutzbrillen, 10 000 Schutzanzüge und 10 000 Paar Überschuhe im Wert von 500 000 Euro gespendet.

Fuyao war durch seine Verbindung nach China eines der ersten Unternehmen in der Region, welches frühzeitig Vorkehrungen zum Coronavirus getroffen hat. Bereits im Februar wurden zum Beispiel Mitarbeiter, die aus China einreisten, für zwei Wochen in Quarantäne geschickt.


Kommentar: Fuyao ist nur die Vorhut

Wer jetzt Leute entlassen muss, dem ging"s schon vor Corona nicht gut. Doch viele werden noch folgen.

Die Autozulieferer kommen zunehmend unter Druck. Das war bereits klar, als die Hersteller für viele Wochen ihre Produktion herunterfuhren. Die Europa-Tochter des chinesischen Autoglas-Spezialisten Fuyao ist deshalb nicht etwa besonders schnell bei der Hand mit den Kündigungsschreiben, auch wenn jetzt ein Sechstel der Belegschaft gehen musste. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass es wohl höchste Zeit war, nachzusteuern. Wer dauerhaft Millionenverluste einfährt, kann nicht einfach weitermachen. Trotzdem ist es für jeden einzelnen Betroffenen bitter, wenn diese letzte Konsequenz gezogen werden muss. Und gleichzeitig muss positiv angemerkt werden, dass der Mutterkonzern offenbar bereit ist, weiter zu investieren. Seine Offenheit im Umgang mit der Situation ist dabei nicht selbstverständlich. Fuyao taugt nicht als Buhmann.

Die Leingartener gehören ohnehin nur zu den ersten Autozulieferern, die ihre Leute zur Arbeitsagentur schicken. Viele weitere werden folgen. Kurzarbeit hin oder her, am Ende müssen Kapazitäten angepasst werden. In der Corona-Krise hat sich ein neuer Lebensstil verfestigt. Wer weniger Menschen treffen kann, legt automatisch weniger Wert auf Status und auf Mobilität. Dazu kommt, dass das Homeoffice manchen Firmenwagen überflüssig macht. Einen großen Nachholeffekt wird es somit nicht geben, und so werden Autohersteller und ihre Zulieferer ihre Sorgen auch nicht so schnell los. Man kann nur hoffen, dass in den nächsten Wochen nichts ins Rutschen kommt, was eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft verhindert.


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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