VW übernimmt Audi vollständig

Neckarsulm/Ingolstadt  Am Freitag fand die letzte Hauptversammlung von Audi angesichts der Corona-Pandemie online statt. Entscheidender Tagesordnungspunkt war der sogenannte Squeeze-out: Die Konzernmutter Volkswagen zahlt die letzten Kleinaktionäre aus.

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Heute findet eine Hauptversammlung bei Audi in Ingolstadt statt. Foto: Audi

Audi hat im ersten Halbjahr weltweit 707 200 Fahrzeuge ausgeliefert, das sind 22 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Umsatz brach um etwa ein Drittel auf 20,47 Milliarden Euro ein, unter dem Strich stand ein Verlust von 750 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr erwartet Audi-Chef Markus Duesmann trotz geringerer Auslieferungen ein positives Ergebnis. Im vergangenen Jahr hatte Audi 4,5 Milliarden Euro zum Betriebsgewinn des VW-Konzerns beigesteuert. Genaue Prognosen nannte der Autobauer nicht. Nach Informationen der Heilbronner Stimme erwartet das Unternehmen einen Absatz von etwa 1,6 Millionen Fahrzeugen (2019: 1,85 Millionen Einheiten).

Kleinaktionäre werden abgefunden

Am Freitag fand die letzte Hauptversammlung (HV) des Unternehmens angesichts der Corona-Pandemie online statt. Entscheidender Tagesordnungspunkt war der sogenannte Squeeze-out: Die Konzernmutter Volkswagen zahlt die letzten Minderheitsaktionäre von Audi, die zusammen rund 0,4 Prozent der Aktien hielten, aus. Das hatten die Wolfsburger bereits Ende Februar angekündigt. Im Rahmen der HV wurde nun der formale Beschluss mit den Stimmen von Volkswagen gefasst. Je Papier erhalten die Anteilseigner 1551,53 Euro. Das ist nahezu der doppelte Wert verglichen mit dem Aktienkurs Ende Februar. Der Konzern will durch das Herausdrängen der Kleinaktionäre nach eigenen Angaben den Verwaltungsaufwand reduzieren und Strukturen verschlanken. 

Unternehmen wird auf 66,7 Milliarden taxiert

Im Zusammenhang mit dem Squeeze-out sind interessante Analysen und Ausblicke öffentlich geworden. Audi ist demnach wertvoller als die Rivalen BMW und Daimler. Das ist das Ergebnis eines Wertgutachtens der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) im Auftrag des VW-Konzerns, das die VW-Tochter mit 66,7 Milliarden Euro bewertet. Damit liegt Audi deutlich über dem Börsenwert der direkten Konkurrenten BMW (37 Milliarden Euro) und Daimler (rund 40 Milliarden Euro). Anders als Audi werden Daimler und BMW als Dax-Titel breit gehandelt. Audi-Aktien sind angesichts der wenigen frei gehandelten Aktien kaum im Markt. Für die Bewertung wurden daher mittelund langfristige Absatz-, Umsatz- und Gewinnplanungen betrachtet. Zahlen, die das Unternehmen sonst nicht nach außen gibt. 2021 soll der Gewinn vor Steuern bereits wieder 4,2 Milliarden Euro betragen, für 2023 sind sogar sechs Milliarden Euro angepeilt. Bis 2025 könnte demnach der Absatz auf 2,5 Millionen Autos pro Jahr steigen.

Aktionäre stellen 232 Fragen

Im Rahmen der Hauptversammlung hatten die angemeldeten und online zugeschalteten Aktionäre 232 Fragen zur Beantwortung durch den Vorstand eingereicht. Die Bandbreite reichte dabei von Renten- und Bonuszahlungen an ehemalige Manager bis hin zu künftigen Modellen. Einige Aktionäre wünschten sich den A2 zurück, der einst in Neckarsulm gebaut wurde. 

Projekt Artemis bringt als erstes ein vollelektrisches Luxusauto – den Elektro-A8?

Erstmals gab Audi-Chef Duesmann einen etwas detaillierten Einblick in das von ihm angestoßene Projekt Artemis – eine eigene Einheit, die die Entwicklung neuer Elektroautos beschleunigen soll. Erstes Ergebnis soll „2024 ein Luxusfahrzeug sein, bei dem zum ersten Mal unsere eigens entwickelte Software zum Einsatz kommt“. Diese Aussage befeuert abermals das Gerücht, wonach das Flaggschiff A8 aus dem Werk Neckarsulm in der nächsten Generation vollelektrisch unterwegs sein soll. Der aktuelle A8 läuft 2024 aus. 

Neckarsulmer Betriebsratschef Rolf Klotz rückt in Aufsichtsratspräsidium auf

Bereits am Donnerstag tagte der Aufsichtsrat des Unternehmens. Das Präsidium des Kontrollgremiums wurde von vier auf sechs Mitglieder aufgestockt. Neu hinzugekommen ist der Neckarsulmer Betriebsratschef Rolf Klotz, der bereits im Aufsichtsrat sitzt.


Kommentar: "Zäsur"

Audi hat keine Kleinaktionäre mehr und wird zum Entwicklungszentrum für den VW-Konzern. Audi-Chef Markus Duesmann muss dafür sorgen, dass die Marke mit den vier Ringe ihre Sonderstellung im VW-Konzern behält, kommentiert Alexander Schnell.

Eine Aktie von Audi hat in der Vergangenheit niemand gekauft, weil er auf hohe Gewinne und Dividenden gesetzt hat. Die gab es nie. Audi an der Börse, daswar immer eine Liebhaber-Aktie, mit der viele ihre Verbundenheit zum Unternehmen gezeigt haben. Einmal im Jahr den Vorstand mit Fragen löchern und ein leckeres Mittagessen bekommen – das war für einige einfach ein schöner Tag. Nicht mehr, nicht weniger. 

Volkswagen achtete bisher explizit darauf, dass Audi als eigenständige Marke wahrgenommen wurde. Der Autobauer gehörte nahezu vollständig, aber eben doch nie ganz der übermächtigen Konzernmutter Volkswagen. Das war auch dem verstorbenen Patriarchen Ferdinand Piëch stets ein Anliegen. Audi tut gut daran, sich ein großes Stück Unabhängigkeit und vor allem Eigenständigkeit zu bewahren.

Einer der Gründe für das Herausdrängen der Minderheitsaktionäre hängt zweifelsohne mit der Neuordnung von Kompetenzen innerhalb des VW-Konzerns zusammen. So hat Audi in Person seines Vorstandschefs zukünftig die Führung der Forschung und Entwicklung innerhalb des Zwölf-Marken-Verbunds inne. Wenn es Markus Duesmann schafft, beide anspruchsvollen Jobs unter einen Hut zu bringen und gut zu machen, dann wird Audi langfristig seine Sonderstellung innerhalb des VW-Konzerns behalten können


Alexander Schnell

Alexander Schnell

Ressortleiter Leben und Freizeit

Alexander Schnell leitet seit 1. Juni 2006 das Ressort Leben und Freizeit und ist damit für alle Sonderveröffentlichungen des Medienunternehmens zuständig. Dazu gehören unter anderem auch das Wochenendmagazin Freizeit und die Autostimme. Ein Spezialgebiet des gebürtigen Heilbronners sind alle Themen rund ums Auto und Mobilität. Darüber hinaus ist Schnell Mitglied der Chefredaktion.

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