Wird jetzt bei Audi aufgeräumt?

Wolfsburg/Neckarsulm  Analyse: Die Ethik-Messlatte hängt im VW-Konzern inzwischen deutlich höher, Rupert Stadler dürfte dennoch zumindest vorerst Audi-Chef bleiben.

Von Manfred Stockburger

Wird jetzt aufgeräumt?

Die ersten Forderungen nach Rupert Stadlers Rücktritt als Vorstandsvorsitzender der Audi AG sind mittlerweile laut geworden. Rechtsanwalt Andreas Breijs von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), der Stadler auch bei der Hauptversammlung schon heftig kritisiert hatte, schickt zwar voraus, dass die Unschuldsvermutung auch für Stadler gelte – obwohl die Staatsanwaltschaft München ihn mittlerweile wie berichtet als Beschuldigten führt. „Man muss davon ausgehen, dass Stadler etwas wusste“, ist er aber überzeugt.

Thema im VW-Aufsichtsrat

Am kommenden Montag soll sich der Aufsichtsrat der Konzernmutter Volkswagen – Stadler gehört auch dort dem Vorstand an – mit der Causa befassen. Auch wenn der 55-Jährige im Dieselskandal schon mehr überstanden hat, als viele für möglich gehalten hatten – es gibt gute Gründe für die Annahme, dass Rupert Stadler auch in einer Woche noch Audi-Chef ist. 

Wer im Glashaus sitzt...

Warum? Wäre ein Ermittlungsverfahren ein zwingender Rücktrittsgrund, dann müssten auch VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und der neue Vorstandschef Herbert Diess ihre Schreibtische räumen. Im Zusammenhang mit der Diesel-Affäre ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen beide schließlich ebenfalls – allerdings geht es hierbei um die Frage, ob die Aktionäre rechtzeitig informiert wurden.

Klare Sprache Müsste man, gerade weil jetzt auch der Wettbewerber Daimler mit am Pranger steht, Stadler und Audi nicht endlich in Ruhe lassen? Dass der Chef jetzt auch im Fokus der Ermittler steht, bringt den Konzern aber zusätzlich in Erklärungsnöte, schließlich haben VW-Personalvorstand Gunnar Kilian und seine für die Einhaltung von Recht und Gesetz zuständige Kollegin Hiltrud Werner gerade ein neues Programm vorgestellt, mit dem Integrität messbar gemacht werden soll. In „klar verständlicher Sprache“ soll die Kulturveränderung ins Unternehmen gebracht werden.

Wie sieht ein "anständiger" Autobauer aus?

Vorstandschef Herbert Diess hatte dies bereits auf der Hauptversammlung getan, als er ankündigte, dass VW „anständiger“ werden müsse. Bisher hatte VW die interne Aufarbeitung des Dieselskandals nicht unbedingt befördert, wie etwa der Kampf gegen die von der DSW angestrengte Sonderprüfung zeigt.
 
Zuletzt hat der Konzern die Messlatte in Sachen Ethik und Moral also deutlich höher gehängt. Auch dass VW gestern Abend den Bußgeldbescheid der Staatsanwaltschaft Braunschweig akzeptierte (siehe unten), ist ein Indiz dafür, dass es die neue Führung ernst meint und dass sie der Arroganz und Selbstüberschätzung im Unternehmen endlich ein Ende bereiten möchte. Der Fall Stadler hat mit diesem Verfahren allerdings nichts zu tun. 

Branche muss sich wandeln, um ihre Zukunft zu sichern

Eines ist klar: Wenn sich der Konzern und mit ihm die gesamte Branche nicht schnell wandelt, wird es eng. Ja, es geht dabei um hunderttausende gut bezahlte Arbeitsplätze in Deutschland. Jobs von Menschen, die mit dem Dieselbetrug nichts wussten und auch nichts damit am Hut hatten. Im VW-Konzern und möglicherweise auch bei Daimler. Eine Lesart ist deswegen, dass Industriepolitik den Vorrang haben sollte und die Konzerne nicht weiter geschwächt werden dürfen. Schließlich haben sie mit dem autonomen Fahren und der Elektromobilität ohnehin genügend Sorgen. 

Es lässt sich aber auch argumentieren, dass die Branche einen gründlichen Neustart braucht, wenn sie eine gute Zukunft haben möchte. Wirklich saubere Dieselmotoren könnten da durchaus dazugehören. Das kann aber nur gelingen, wenn das Führungspersonal glaubwürdig ist und nicht ständig fürchten muss, welche Fakten noch ans Tageslicht kommen.

Politik drückt die Augen nicht mehr zu

Diess’ Vorgänger Matthias Müller hatte sein Millionengehalt im März damit begründet, dass er „immer mit einem Fuß im Gefängnis“ stehe. Wenig später musste er bekanntlich seinen Stuhl räumen. Die entscheidende Frage, die sich der VW-Aufsichtsrat nun wieder stellen sollte, ist deswegen: Wie und mit welchen Führungspersonal können der Kultur- und der technologische Wandel am besten gelingen? 

Politik ist aufgewacht Dass das Kraftfahrtbundesamt illegale Software mittlerweile auch in Fahrzeugen gefunden hat, deren Motor die Euro-6-Norm einhalten sollten, hilft nicht. Das erklärt auch, warum die Politik beim Thema Abgas ihre Augen nicht mehr zudrückt, wie sie es zu lange getan hatte.

Bei VW ist die Familie Porsche/Piech ein wichtiger Machtfaktor

Ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor im VW-Konzern aber bleibt die Familie Porsche/Piëch, die zumindest bisher die schützende Hand über Stadler gehalten hat. Bei Daimler gibt es einen solchen Ankeraktionär nicht. Für Dieter Zetsche, der nach dem Massenrückruf ebenfalls angeschlagen ist, könnte es schneller eng werden.

 

VW akzeptiert Milliardenbußgeld im Dieselskandal

Zum ersten Mal hat der VW-Konzern am Mittwoch auch in Deutschland im Dieselskandal eine empfindliche Buße akzeptieren müssen: Weil das Unternehmen seine Aufsichtspflichten in der Aggregateentwicklung verletzt hat, verhängte die Staatsanwaltschaft Braunschweig in einem Ordnungswidrigkeitenverfahren eine Geldbuße von fünf Millionen Euro und ordneten zudem die Abschöpfung von Gewinnen in Höhe von 995 Millionen Euro an. Nach Angaben der Behörde handelt es sich dabei eine der höchsten Geldbußen, die jemals in Deutschland verhängt wurde. Binnen sechs Wochen muss die Summe an das Land Niedersachsen überwiesen werden.

Durch die mangelnde Aufsicht seien Fahrzeuge produziert worden, deren Motoren nicht der Typgenehmigung entsprachen, stellt die Staatsanwaltschaft fest. VW hat Organisationsmängel eingeräumt und verzichtet auf Rechtsmittel. Für Aktionärssprecher Andreas Breijs von der DSW stellt sich jetzt die Frage, ob VW das Geld von Vorständen und Aufsichtsräten, die die Mängel zu verantworten hätten, zurückgefordert werden könne.

Ausdrücklich betont die Staatsanwaltschaft, dass sich Strafe lediglich auf die rund 10,7 Millionen Fahrzeuge bezieht, deren Motoren mit den Bezeichnungen EA 198 und EA 288 eine unzulässige Softwarefunktion enthielten. Pro Fahrzeug beträgt die Buße knapp 100 Euro. Nicht Teil des Verfahrens sind entsprechend die von Audi in Neckarsulm entwickelten Drei-Liter-Dieselmotoren. Auch hier wurde die Frage nach Organisationsversagen bereits laut. Audi war für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar.

Auch die Zivilklagen von Kunden sowie strafrechtlichen Ermittlungsverfahren gegen derzeit 49 Personen seien nicht beendet, heißt es in Braunschweig. Volkswagen erwartet nach eigenen Angaben allerdings "erhebliche positive Auswirkungen" auf weitere Verfahren auch gegen Tochterunternehmen.