Warum Bechtle in der Schweiz so viel zugekauft hat

Neckarsulm/Mägenwil  Fast könnte der Eindruck entstehen, Bechtle hat momentan nur die Schweiz im Blick: Innerhalb weniger Wochen hat der Neckarsulmer MDax-Konzern drei Systemhäuser im Nachbarland übernommen und seine bisherigen Strukturen dieser Sparte zu einem 560 Mann starken Unternehmen zusammengefasst.

Von unserem Redakteur Heiko Fritze
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Hopp Schwiiz!
Bechtle Steffen, künftig Bechtle Schweiz, hat ihren Sitz in Mägenwil. Foto: Bechtle

1996 gestartet, beschäftigt der IT-Dienstleister dort nun 1050 seiner fast 11.500 Mitarbeiter. Alleine mit der Sparte Systemhaus und Managed Services werden in der Schweiz 300 Millionen Euro erwirtschaftet − konzernweit waren es im Vorjahr in diesem Bereich 2,9 Milliarden Euro.

Dass zuletzt vor allem aus der Schweiz Übernahmen gemeldet wurden, ist für den zuständigen Bereichsvorstand Hanspeter Oeschger zum einen Zufall. Schließlich sei Bechtle auch bereit, Systemhäuser in seinen beiden anderen Märkten Deutschland und Österreich zu übernehmen, wenn sie ins Portfolio passen.

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Hanspeter Oeschger

Fotos: Bechtle

Aber zum anderen spürten viele kleine Schweizer Systemhäuser, dass für sie das Überleben immer schwerer wird und sie sich besser mit einem großen Unternehmen zusammentun − zum Beispiel Bechtle. Viele der bisherigen Inhaber waren seinerzeit die Firmengründer und kämen allmählich ins Ruhestandsalter, erklärt Oeschger den Trend. Außerdem wünschten sich die Hersteller von Hard- und Software als Vertriebspartner größere Betriebe mit höherem Umsatz, breiterer Kompetenz, landesweiter Abdeckung und allen denkbaren Zertifizierungen.

Bechtle erfüllt diese Bedingungen − "Es gibt in der Schweiz für uns keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte", sagt Oeschger. Etwa zwei Drittel der Umsätze würden dabei an Standorten in der Deutsch-Schweiz erzielt, ein Drittel entfällt auf die Westschweiz, wo Französisch gesprochen wird. Andere Regionen, etwa das italienischsprachige Tessin, seien als Märkte für die Neckarsulmer zu klein, erklärt er.

Mehr als 120 neue Mitarbeiter

Konkret wurden im Oktober und November die Firma Abissa mit Sitz in Genf und Lausanne, die Firma Codalis aus Plan-les-Ouates bei Genf und die Firma Algacom aus Basel übernommen. Insgesamt kamen dadurch mehr als 120 Mitarbeiter neu hinzu, der Umsatz der drei Firmen betrug zuletzt aufaddiert 25,9 Millionen Franken.

Doch trotz der Übernahmen im französischsprachigen Teil des Landes − ein Einstieg der Systemhaussparte in Frankreich ist derzeit nicht geplant, erläutert Konzernsprecherin Sabine Brand. Bechtle sei auch nicht auf Einkaufstour. "Der Systemhausmarkt konsolidiert sich einfach fortwährend", sagt sie.

Die Neckarsulmer interessierten sich hier vor allem für Spezialisten auf einzelnen IT-Feldern wie Internet of Things und Robotik oder für einzelne Regionen, wo sie sich noch verstärken wollen. "Es werden weiter Firmen auf den Markt kommen", ist auch Hanspeter Oeschger überzeugt. "Wir wollen aber vor allem organisch wachsen."

Geschäft läuft in diesem Jahr etwas verhalten

Inzwischen sei auch der Zeitpunkt gekommen, dass die Strukturen neu geordnet werden müssen − daher gab es auch die Zusammenfassung von vier Schweizer Systemhausgesellschaften zur Bechtle Schweiz AG, um Synergien zu heben.

Insgesamt laufe das Geschäft in diesem Jahr ohnehin etwas verhalten, sagt Oeschger: Die Kunden hielten sich mit Bestellungen zurück angesichts der Ungewissheit über Strafzölle und der Schwierigkeiten in der deutschen Autobranche, die auch von vielen Schweizer Unternehmen beliefert wird. "Wir gehen aber davon aus, dass 2020 wieder ein stärkeres Wachstum am IT-Markt sein wird."


Branchenjargon

Als Systemhaus wird in der IT-Branche ein Unternehmen bezeichnet, das seinen Kunden alles rund um Informationstechnik liefert: angefangen von Computern, Handys und Druckern über Netzwerke und WLAN bis hin zu Software und der Technik rund um das Internet der Dinge und künstliche Intelligenz. Managed Services sind dabei jene Dienstleistungen, die über Wartungsverträge oder Lizenzen in Anspruch genommen werden. Sie sind in der IT-Dienstleistungsbranche besonders begehrt, da es sich wegen einer Vertragslaufzeit um planbare Umsätze handelt.


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