Von der Kirche zu Kaufland

Region  Nach dem Wechsel in die Wirtschaft: Was Clemens Dirscherl, der ehemalige Chef des Evangelischen Bauernwerks in Waldenburg-Hohebuch, seit Februar bei Kaufland macht. Tierwohl bleibt das Thema des 59-Jährigen.

Von Manfred Stockburger

Bei der Neuaufstellung bei Kaufland spielen Fleischbedientheken eine zentrale Rolle. Steaks und Würste, die dort verkauft werden, sollen besondere Tierwohlkriterien einhalten. Foto: Kaufland  

Schwarz und weiß, sagt Clemens Dirscherl, gibt es jedenfalls beim Thema Tierwohl nicht. Schon in seiner alten Position als Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks in Waldenburg-Hohebuch hat er immer wieder den Spagat geübt zwischen den Interessen der Landwirte und den gerade in kirchlichen Kreisen oft mit hohen ethischen Ansprüchen gesegneten Verbrauchern.

Wissenschaft, Kirche - und jetzt die Wirtschaft

Nach seinem plötzlichen Ausscheiden beim Bauernwerk im vergangenen Jahr arbeitet Dirscherl seit Februar für Kaufland - das Thema Tierwohl ist ihm geblieben. "Viele Hellgrautöne", so sagt er, habe vorgefunden.

Mit dem Wechsel in die Wirtschaft hadert der Kirchenmann, der gelegentlich noch immer auf der Kanzel steht, also nicht. "Ich habe in der Wissenschaft gearbeitet, beim Staat und bei der Kirche. Nur die Wirtschaft hat noch gefehlt." Durch einen Vorstandswechsel beim Bauernwerk sei er zunehmend eingeengt gewesen, erzählt der 59-Jährige. Keine Personalverantwortung mehr zu haben, sei "entlastend".

Kriterien, aber keine Vorschriften

Von der Kirche zu Kaufland

C. Dirscherl. Foto: Kaufland

 

Die Weiterbildung des Verkaufspersonals ist nahe an der früheren Tätigkeit: Erwachsenenbildung. Dirscherls Aufgabe ist aber auch, Landwirten die strikten Tierwohlkriterien nahezubringen, die der Händler mit Hauptsitz in Neckarsulm für die Produkte an den Bedientheken einfordert. "Wir machen keine Vorschriften, wie die Landwirte die Kriterien erreichen", betont der neue Botschafter, der den Dialog mit den Bauern intensivieren soll. "Es gibt keinen Kaufland-Stall nach Iso-Norm", sagt er. Die unternehmerische Freiheit der Partner sei nicht eingeschränkt.

Nach gut 100 Tagen im neuen Job stellt er aber fest, dass es im Unternehmen beim Tierwohl schneller vorangehe als in der Politik. "Da muss man nicht so sehr die Stimmungslagen und Mehrheiten beachten." Und sich auch nicht aufs Predigen beschränken. Mit 650 Filialen im Inland, 13,7 Milliarden Euro Umsatz, der großen Affinität zu Fleisch und einer eigenen Produktion spielt Kaufland im Markt schließlich eine wichtige Rolle.

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Überzeugungsarbeit im Stall

Kürzlich hat er mit Verkäuferinnen bei einer Schulung einen konventionellen Stall besucht - in der Diskussion mit dem Bauern ging es um die Unterschiede. "Einige Tage später hat mich der Landwirt gefragt, ob er bei dem Programm mitmachen könne." Solche Erfolge bestätigen ihn. Er ist überzeugt, dass das Qualitätsprogramm der Schwarz-Sparte eine Alternative zur nur auf Produktivität getrimmten "No-Name-Produktion" ist. "Wenn die Landwirte so weitermachen, können sie mit Erzeugern in anderen Ländern nicht mithalten."

Dass der Wechsel des Kirchenmanns in die Wirtschaft "ein Spagat" ist, war dem Kaufland-Geschäftsführer Ralph Dausch bewusst, als er ihn nach seinem Ausscheiden in Hohebuch vorsichtig ansprach. Er hatte Dirscherl als Moderator bei einer Veranstaltung kennengelernt, in der er schon 2012 die Tierwohl-Strategie von Kaufland vorstellte.

Die Wogen gingen hoch, als er seine Präsentation mit einem Foto eines Schweins mit Ringelschwanz beendete. Dirscherl habe es geschafft, dass wieder eine vernünftige Gesprächsatmosphäre entstand. Das hat den Kaufland-Geschäftsführer tief beeindruckt.

Der Neue bringt andere Sichtweisen ins Unternehmen

Dirscherl soll den Händler darüber hinaus mit seinen nicht durch eine lange Kaufland-Karriere geprägten Sichtweisen bereichern, sagt Dausch. Ethische Themen werden schließlich immer wichtiger. "Da wird er uns helfen", ist Dausch überzeugt. Und auch im Handel gibt es allerlei Grautöne.