Über die problematische Situation von Arbeitern auf Orangenplantagen

Heilbronn  Gewerkschafter aus Brasilien berichten in Heilbronn von Ausbeutung auf den Plantagen. Kaufland will bis Jahresende alle Eigenmarken zertifizieren und sich für Verbesserungen einsetzen.

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Was bei Orangensaft schiefläuft

Ein Glas Orangensaft zum Frühstück, das schmeckt offenbar vielen. Nirgendwo wird so viel O-Saft getrunken wie in Deutschland, insgesamt 7,4 Liter trinkt jeder Bundesbürger im Jahr. Aber wer weiß schon, wie die Orange in die Flasche kommt? Und wie es den Arbeitern geht, die für uns auf Bäume klettern?

Eine Gruppe von Gewerkschaftern aus Brasilien war diese Woche in Heilbronn, um darüber zu sprechen. Der Verdi-Bezirk Heilbronn-Franken hatte die Delegation ins Heilbronner Gewerkschaftshaus eingeladen, damit sie über die Arbeitsbedingungen auf Orangenplantagen in São Paulo berichten. Von dort kommt ein Drittel des weltweiten Orangensafts, meist in Form von Konzentrat.

Drei Anbieter kontrollieren den Markt

Das Problem: Die drei Anbieter Cutrale, Citrosuco und Louis Dreyfus kontrollieren den gesamten Markt in Brasilien - und damit die Arbeitsbedingungen auf Plantagen und in Zulieferbetrieben. Die sind äußerst prekär, wie Mara Lira, Mitglied eines Netzwerks von Landarbeitergewerkschaften, berichtet: "Die Landarbeiter sind der zerbrechlichste Teil der Wertschöpfungskette."

Meist werden sie von Vermittlern im Nordosten des Landes angeheuert und nur während der Erntezeit angestellt. Sie wohnen in heruntergekommenen Hütten und müssen von dort mehrere Stunden auf die Plantagen fahren, berichtet Lira. Dort leisten sie Akkordarbeit ohne Pause, tragen tonnenschwere Orangensäcke und sind Pestiziden ausgesetzt, die in Europa längst verboten sind.

Arbeiter schildern erstmals ihre Probleme

Außerdem werden die Arbeiter nach gepflückter Menge bezahlt. Allerdings würden die Vermittler die Ware selbst wiegen und oft zu wenig aufschreiben und ausbezahlen, erklärt Lira. Deshalb versuchen Gewerkschafter wie sie und Sandra Trilikovski, die Interessen der Arbeiter vorzubringen. Zusammen mit dem Saft-Konzern Louis Dreyfus haben die Frauen ein Pilotprojekt gestartet.

Was bei Orangensaft schiefläuft

Über Arbeitsbedingungen bei der Orangenproduktion sprachen Gewerkschaftsvertreter aus São Paulo wie Sandra Trilikovski (l.) mit Oliver Unruh (3.v.r.), Geschäftsführer Einkauf Eigenmarken bei Kaufland. Den Austausch moderierten Orhan Akman, Verdi-Fachgruppenleiter Einzelhandel (2.v.r.) und Heiner Köhnen (5.v.r.).

Foto: Mario Berger

Bei einem Workshop, dem sogenannten "Mapping", konnten Arbeiter erstmals Probleme am Arbeitsplatz sammeln. "Die Beschäftigten haben selbst bewertet, was Probleme sind und wie sie verändert werden können", sagt Lira. Und die sind vielseitig: Der Shuttlebus geht ständig kaputt, es gibt keine Sonnencreme, Überstunden werden erzwungen. Die Probleme seien Grundlage für Verhandlungen.

Louis Dreyfus habe sich bereiterklärt, die Verbesserungen umzusetzen - wenn auch nur freiwillig. Für die 410 Arbeiter ist das trotzdem ein Erfolg. "Unser Wunsch wäre, dass Unternehmen in Deutschland Druck ausüben auf ihre Zulieferer, damit sie mit Gewerkschaften verhandeln und Kollektivverträge abschließen", sagt Lira.

Acht O-Säfte hat Kaufland im Sortiment, die Orangen dafür kommen aus Brasilien

Wie geht man mit so einer Verantwortung um? Das soll Oliver Unruh erklären, Geschäftsführer Einkauf der Kaufland-Eigenmarken. Die acht O-Säfte, die die Neckarsulmer verkaufen, hat er mitgebracht - die Orangen kommen alle aus Brasilien. "Die Situation ist für uns klar, so etwas wollen wir nicht", sagt Unruh über die geschilderten Arbeitsbedingungen. "Jeder der Orangensaft bei uns kauft, soll das mit gutem Gefühl tun."

Die Lieferkette von der Orange bis ins Regal transparent zu machen, sei schwer. Und was ist ein existenzsichernder Lohn in Brasilien? Dazu hat die Schwarz-Gruppe eine Studie in Auftrag gegeben, die das klären soll. Bis Ende des Jahres sollen zudem alle Säfte mit dem "Rain Forest Alliance"-Siegel zertifiziert sein. "Unser Ziel ist, dass alles, was verkauft wird, zertifiziert ist", sagt Unruh.

Die brasilianischen Gewerkschafter sind sich einig, dass Siegel wenig verbessern und lediglich für ein gutes Gewissen beim Kunden sorgen. Dennoch sei es positiv, wenn sich die Schwarz-Gruppe für Verbesserungen einsetze. "Es geht darum, die Beschäftigten zu stärken, so dass sie ein würdevolles Leben leben können", sagt Mara Lira.

 

Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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