Trotz neuer Rekorde: SAP streicht 4400 Stellen

Walldorf  Der Softwarekonzern SAP hat ein neues Rekordjahr hinter sich. Nun verordnet er sich aber ein Fitnessprogramm: 4400 Mitarbeiter sollen gehen, um gewisse Abteilungen zu verschlanken. Unter dem Strich soll nächstes Jahr trotzdem ein neuer Mitarbeiterrekord stehen.

Von Heiko Fritze
Email
Bill McDermott (links), Vorstandssprecher des Softwarekonzerns SAP, und Luka Mucic, Finanzvorstand bei SAP, stehen auf dem Podium bei der Bilanzpressekonferenz in der Konzernzentrale. Foto: dpa

Bill McDermott mag's locker. "Wie geht's?" fragt er in die Runde, als er zur Vorlage der Jahreszahlen des Softwarekonzerns SAP Platz genommen hat. Hemdsärmelig-amerikanisch, schließlich ist der Konzernchef ja US-Bürger, gestaltet er wie jedes Jahr den Ritt durch die Bilanz des Unternehmens, schmückt seine Erläuterungen mit Superlativen und reichlich Begeisterung aus.

Grund genug hat er ja: Umsatz und Gewinn sind beim deutschen Vorzeigeunternehmen im abgelaufenen Jahr wieder gestiegen - wenn auch der Gewinn nur leicht. Finanzchef Luka Mucic erklärt dies vor allem mit dem einmaligen Steuereffekt des Vorjahres - da hatte US-Präsident Donald Trump die großzügige Steuerreform in Gang gesetzt, und auch SAP profitierte davon. Schließlich sind die USA die zweitgrößte Landesgesellschaft nach Deutschland.

Kaum Krisenländer zu finden

Wichtiger als Umsatz und Gewinn sind für Mucic und McDermott ohnehin andere Kennzahlen: Die Erlöse mit Cloud-Produkten und Software-Lizenzen sowie das Betriebsergebnis, also vor Steuern. Beide Werte legten deutlich zu, in allen Regionen, selbst in den USA, Großbritannien und China. Krisenländer? Allenfalls Venezuela, vielleicht noch Argentinien, meinte Mucic.

In China hat sich SAP mit Alibaba zusammengetan, größter Handelskonzern des 1,4-Milliarden-Einwohner-Landes. In den USA blicke der Konzern auf eine "solide Performance" zurück, Deutschland sei gewohnt stark gewesen. Und mit dem Zukauf von Qualtrics gebe es nun eine Brückentechnologie, die Kundenwünsche und Angebote analysiere und zusammenführe - McDermott nennt die beiden Seiten "experience" und "operational", kürzt sie mit x und o ab und schiebt lakonisch hinterher: "Wundern Sie sich also nicht, wenn ich meine Mails künftig mit 'xo xo Bill' unterzeichne." In Chats und Foren im Internet steht diese Buchstaben-Kombination für einen Kuss.

Unternehmen will mit weniger Personal auskommen - in gewissen Bereichen

Alles andere als scherzhaft ist ein anderes Vorhaben gemeint, dass die beiden Vorstände bei der Bilanzvorlage verkündeten und heute den Betriebsräten vorstellen: In diesem und im nächsten Jahr sollen etwa 4400 Stellen im Konzern wegfallen, davon etwa ein Viertel in Deutschland.

Zwar schiebt Bill McDermott gleich hinterher, dass die Belegschaft unter dem Strich weiter aufgestockt werde - innerhalb dieses Jahres werde die Marke von 100.000 Mitarbeitern sicher überschritten, insgesamt sei ein Plus von 10.000 Stellen möglich. Aber in gewissen Bereichen will SAP mit weniger Personal auskommen.

Weniger Berater benötigt, mehr Datenanalysten gefragt

Vor allem Beratungstätigkeiten, die auch von anderen Unternehmen erledigt werden könnten, seien davon betroffen, erläuterte Cawa Younasi, Personalleiter Deutschland. Entlassungen sind allerdings ebenso wenig geplant wie Standortschließungen, bekräftigte er. Vielmehr wolle der Konzern wieder Vorruhestandsregelungen und Altersteilzeit anbieten, und zwar für Beschäftigte, die 55 oder älter sind. In Deutschland kämen knapp 3000 Mitarbeiter infrage, Younasi erwartet, dass etwa 1100 das Angebot annehmen.

Auch Jüngere könnten gegen eine Abfindung gehen - aber dabei werde sich die Personalabteilung genau anschauen, welche Tätigkeiten betroffen sind. "Wir suchen händeringend Datenanalysten und Experten für künstliche Intelligenz", erklärt er. Solche Leute lasse SAP nicht im Rahmen dieses Programms gehen, ebenso wenig die selbst ausgebildete Trainees.

Bis April sollen die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern abgeschlossen sein, so der Plan. Spätestens im ersten Halbjahr nächsten Jahres sollen dann die Vorruheständler - auf sie dürften etwa drei Viertel des geplanten Stellenabbaus entfallen - das Unternehmen verlassen haben. SAP hatte bereits 2015 und 2017 auf diesem Weg mehr als 3000 Jobs in nicht mehr benötigten Abteilungen gestrichen. Die Altersteilzeit wird nun zum ersten Mal angeboten.

Große Versprechungen, immer eingehalten

Das Wachstum soll indes weitergehen. Die Orderbücher haben neue Rekordstände erreicht, berichtet Mucic. Nächstes Jahr soll der Umsatz bei 29 Milliarden Euro liegen, 2023 schon bei 35 Milliarden Euro. McDermott ist da zuversichtlich. In seinem zehnten Jahr an der Spitze von SAP kann er schließlich resümieren: "Wir haben immer große Versprechungen gemacht - und sie alle eingehalten."

 


Kommentar hinzufügen