Schwarz-Umsatz steigt auf 104,3 Milliarden Euro

Neckarsulm  Lidl lässt Kaufland beim Wachstum weit hinter sich. Die Mitarbeiterzahl der in 30 Ländern aktiven Unternehmensgruppe aus Neckarsulm steigt auf 429.000. Kaufland hat auch ohne Real-Übernahme "genügend Hausaufgaben", sagt Klaus Gehrig.

Von Manfred Stockburger
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Die Schwarz-Gruppe hat im abgelaufenen Geschäftsjahr beim Umsatz erstmals einen dreistelligen Milliardenbetrag erwirtschaftet. Das Geschäftsvolumen wuchs um 7,4 Prozent auf 104,3 Milliarden Euro, wie Klaus Gehrig, der Chef der Unternehmensgruppe, bekanntgab. Seine Marktstellung als größte Handelsgruppe Europas hat das Unternehmen aus Neckarsulm damit weiter ausgebaut. Im laufenden Jahr soll der Umsatz auf mindestens 110 Milliarden Euro gesteigert werden. „Es wird ein bisschen mehr werden, wie viel, hängt davon ab, wie die Expansion und die Reorganisation läuft“, sagte Gehrig. 

Lidl Deutschland mit Umsatz erstmals größer als Kaufland international

Der Löwenanteil des Wachstums entfiel auf Lidl. In knapp 10.800 Filialen erwirtschaftete die Kleinflächensparte der Neckarsulmer Handelsgruppe ein Plus von 8,8 Prozent auf 81 Milliarden Euro. Kaufland wuchs um 1,6 Prozent auf 22,6 Milliarden Euro. Lidl Deutschland ist mit einem Umsatz von 22,7 Milliarden (plus 5,9 Prozent) damit erstmals größer als Kaufland international. Für künftiges Wachstum wird das Unternehmen neue Strategien benötigen, so Gehrig: „Mit Preis, Preis, Preis sind wir am Ende. Noch billiger geht gar nicht mehr.“ 

Auch bei Lidl kamen die meisten Wachstumsimpulse aus dem Ausland. Die Filialen außerhalb des Heimatmarktes steigerten ihren Umsatz um zehn Prozent auf 58,5 Milliarden Euro. „Die Konzernsprache bleibt aber Deutsch“, betonte Gehrig. Im Inland setzten Lidl und Kaufland 37,0 Milliarden Euro um. 

Rund 500 Millionen Euro des Umsatzes steuerte der Bereich Wertstoffmanagement zum Gruppenumsatz bei. Die Integration des zugekauften Entsorgungsdienstleisters Tönsmeier, der zurzeit auf die Schwarz-Marke Pre-Zero umgeflaggt wird, laufe planmäßig, sagte Gehrigs Vize Gerd Chrzanowski.

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Die Mitarbeiterzahl des aktuell in 30 Ländern aktiven Unternehmens stieg um 5,5 Prozent auf 429 000 Beschäftigte. Auch der Inhaber, wie Dieter Schwarz (79) bei Lidl und Kaufland genannt wird, komme „selbstverständlich“ noch jeden Tag ins Büro, sagte Gehrig.

Erstmals konkretisierte Gehrig den Zeitplan für den Generationswechsel an der Spitze der Unternehmensgruppe. „Meine Aufgabe von Herrn Schwarz ist, dass ich bis zum meinem 75. Geburtstag meinen Nachfolger zwei Jahre eingearbeitet habe“, sagte Gehrig, der am Donnerstag 71 wird. Als Altkomplementär werde er danach einer der Gesellschafter der Schwarz Unternehmenstreuhand sein.

 


Filialen der Metro-Tochter inspiziert

Das Interesse von Kaufland am Wettbewerber Real war ernst genug, dass Klaus Gehrig mit Dieter Schwarz per Hubschrauber Deutschland bereiste, um Filialen der Metro-Tochter zu inspizieren. Seit letzter Woche spricht Metro aber exklusiv mit einem Edeka-Konsortium – vorerst ist die Übernahme von gut 100 Real-Filialen also vom Tisch.

„Ich bin nicht böse, dass das jetzt so gelaufen ist“, sagt Gehrig. „Das Ding wäre eine sehr teure Geschichte geworden. Wir haben bei Kaufland genügend Hausaufgaben zu lösen.“

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Kommentar: Widersprüchlich

Die Schwarz-Gruppe muss ihren eigenen Erfolgsweg für die Zukunft dringend definieren.

Manfred Stockburger
Manfred Stockburger

Klaus Gehrig hat unmissverständlich klar gemacht, wer bei Lidl und bei Kaufland das Sagen hat: Er selbst. Teile der erst vor wenigen Wochen angekündigten neuen Führungsstruktur hat er wieder einkassiert. So ist der Beirat, der die Arbeit in der Gruppe koordinieren sollte, Geschichte, bevor er seine Arbeit überhaupt aufnehmen durfte.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass Gehrig – und niemand anders – für den künftigen Erfolg oder Misserfolg der Unternehmensgruppe verantwortlich ist. Auch wenn Dieter Schwarz und die Banken mit ihm zufrieden sind: Auf den hervorragenden Zahlen des vergangenen Jahres kann er sich nicht ausruhen.

Lidl und Kaufland stehen an entscheidenden Wegmarken: Beiden ist im März der Chef abhandengekommen, beide müssen ihr Geschäftsmodell neu definieren. Hinzu kommt das Thema online, bei dem die Zeit drängt. Selbstverständlich ist der weitere Erfolg des Handelsunternehmens also keineswegs – zumal Gehrig selbst das Ende der Preisspirale nach unten ankündigt. Gleichzeitig untergräbt er andere Ansätze wie die Bio-Strategie bei Lidl mit seiner öffentlichen Kritik etwa am Bananen-Sortiment des Discounters. Was also ist sein Weg?

Wenn Gehrig sich für höhere Mindestlöhne, allgemeinverbindliche Tarifverträge oder bessere Arbeitsbedingungen für Paketboten einsetzt, möchte er damit vor allem Wettbewerbern wie Edeka oder Amazon das Leben schwer machen, das räumt er offen ein. Das reicht aber nicht aus, denn – wie er selbst sagt: die Konkurrenz hat aufgeholt.

Wenn das Unternehmen künftig mehr leisten muss, wie Gehrig es einfordert, dann müssen die Rahmenbedingungen auch im Inneren stimmen. Und der oberste Chef darf nicht mehr nur Gründe suchen, warum die Kunden nicht zur Konkurrenz gehen sollen. Er muss auch definieren, warum sie auch künftig zu Lidl und Kaufland kommen sollen.

 

 


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