Rupert Stadler - Gefangen im Dieselskandal

Ingolstadt/Neckarsulm  Im Abgasskandal bekommt der Audi-Chef die harte Hand der Justiz zu spüren. Wegen Verdunkelungsgefahr nahmen Ermittler ihn in U-Haft. Vom schnellen Aufstieg und tiefen Fall des Vorstandschefs Rupert Stadler.

Von Manfred Stockburger und Alexander Schnell

Business as usual: Im Audi-Forum in Neckarsulm war am Montag von der Festnahme des Audi-Chefs nichts zu spüren. Foto: Manfred Stockburger

 

Strahlende Gesichter beim Selfie vor dem neuen Auto und ein Mittagessen im Restaurant Nuvolari: Auf den ersten Blick ist alles wie immer im Neckarsulmer Audi-Forum. Aber nicht ganz alles dreht sich um Lack, Leder und Pferdestärken in der guten Stube des Standorts. Die Dame hinter der Theke am Eingang bekommt hektische Anweisungen, was Journalisten auf keinen Fall zu Gesicht bekommen sollen: Da wird die Nervosität greifbar. Seit der Verhaftung des Vorstandsvorsitzenden Rupert Stadler am Montagvormittag gibt es bei Audi keine Gewissheiten mehr.

Oder doch? Im Kinosaal des Forums bekommen um die Mittagszeit die Führungskräfte des Standorts ein Update. Genau das ist es, was der Presse verborgen bleiben soll. Fast zeitgleich wendet sich die Staatsanwaltschaft München 2 an die Öffentlichkeit. „Der Haftbefehl stützt sich auf den Haftgrund der Verdunkelungsgefahr“, teilt Staatsanwältin Karin Jung mit, als sie im Fall von „Herrn Prof. Rupert Stadler“ Vollzug meldet. Betrug sowie mittelbare Falschbeurkundung wird dem 55-Jährigen zur Last gelegt. Möglicherweise wollte sich Stadler nun mit anderen Beschuldigten im Dieselskandal absprechen und eine gemeinsame Version erarbeiten, um sich ein weiteres Mal herauszureden. Das will jedenfalls die „Bild“-Zeitung erfahren haben. Um das zu verhindern, wurde er am Montagmorgen in Ingolstadt festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt.

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Bis Montagvormittag unvorstellbar

Am Wochenende hatte ein Audi-Sprecher der Heilbronner Stimme noch versichert, dass nichts dran sei an den Berichten, dass die US-Behörden eine Anklage gegen Stadler vorbereiteten. Auch dass sich der Audi-Chef bei der CSU-Spitze über das Vorgehen von Verkehrsminister Andreas Scheuer beklagt habe, sei nicht richtig. Dass Stadler zum Beschuldigten erklärt worden sei, hatte man bei Audi auch mit dem bayerischen Wahlkampf erklärt und dem wachsenden Druck der Opposition. Schließlich sei die Staatsanwaltschaft ja weisungsgebunden.

Dass der Vorstandsvorsitzende in Untersuchungshaft kommen würde? Das war bis Montagvormittag schlicht unvorstellbar. Schließlich hatte der Aufsichtsrat der Konzernmutter VW dem Manager vergangene Woche noch den Rücken gestärkt, nachdem die Münchner Staatsanwälte in ihrem Diesel-Verfahren vergangene Woche Stadlers Haus in Ingolstadt durchsucht und zum Beschuldigten gemacht hatten.

Audi ringt um Normalität

Wer in Neckarsulm offiziell anfragt, wird auf die Stellungnahme aus Ingolstadt verwiesen: „Wir bestätigen, dass Rupert Stadler in Untersuchungshaft genommen wurde“, heißt es da. „Darüber hinaus können wir uns vor dem Hintergrund der laufenden Ermittlungen inhaltlich nicht äußern. Für Herrn Stadler gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.“

Dennoch: Wie damals, als die Betrügereien der Neckarsulmer Motoren bekannt wurden, herrscht Schockstarre. Nur, dass jetzt der Chef hinter Gittern sitzt – ein Mann, der in der Belegschaft immer viel Rückhalt hatte. „Kein Kommentar“, sagt am Montag die Sprecherin des Neckarsulmer Betriebsrats und verweist auf die Unschuldsvermutung.

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Aus dem Nichts zum Vorstandsvorsitzenden 

Rupert Stadler. Foto: dpa  

Elf Jahre ist es her, dass Rupert Stadler fast aus dem Nichts zum Vorstandsvorsitzenden der VW-Premiumtochter gemacht wurde, als Martin Winterkorn aus Ingolstadt nach Wolfsburg wechselte. Bis dahin kannte kaum jemand den Finanzvorstand. Nur zweimal im Jahr stand er bis dahin im Licht der Öffentlichkeit: bei der Hauptversammlung und der Jahrespressekonferenz. Plötzlich stand „der Stadler“ im Rampenlicht: Der ehemalige Büroleiter von VW-Patriarch Ferdinand Piëch, der damals noch alle wichtigen Personalentscheidungen mitbestimmte, setzte sich gegen die bis dahin als gesetzt geltenden Ingenieure durch. 

Anfangs wurde Stadler von der eigenen Mannschaft kritisch beäugt. Doch hinter der Entscheidung für den Nicht-Techniker steckte Kalkül: Die Weichen für die Erweiterung der Modellpalette hatte Winterkorn bereits gestellt, Stadler sollte nun die Finanzen als oberster Mann des Unternehmens noch besser im Blick behalten und die Erträge steigern. Und der dreifache Familienvater lieferte und verschaffte sich auch bei seinen Entwicklern Respekt, weil er sich in viele technische Hintergründe einarbeitete. Ein echter „Car Guy“ wie Winterkorn, der an jedem Auto jede Schraube kannte, der wochenlang im Jahr neue Autos testete, am Wochenende lieber an der Rennstrecke saß als zu Hause, das war Stadler dennoch all die Jahre nie. Für die anstehende Digitalisierung der Branche konnte sich der Finanzmann aber tatsächlich begeistern.

Redaktionsbesuch bei der Heilbronner Stimme

Mehrfach stand Rupert Stadler in den vergangenen Jahren vor dem Aus. Die schützenden Hände der Porsches und Piëchs, die im Konzern unverändert das Sagen haben, retteten den Bayern immer wieder, wenn seine Kritiker lauter wurden. Vergangenen Sommer bekamen zur Präsentation des neuen A8 gleich vier Vorstandsmitglieder ihre Papiere. Rupert Stadler aber durfte bleiben. 

Zuletzt hatte es so ausgesehen, als würde aller Diesel-Schmutz von der weißen Weste des Audi-Chefs abperlen. Vergangenen Dezember präsentierte sich Rupert Stadler beim Redaktionsbesuch der Heilbronner Stimme als Manager, der mit Audi den Aufbruch in neue Zeiten anvisiert – mit einer neuen Unternehmenskultur: „Wir haben das Unternehmen organisatorisch deutlich verändert“, sagte er damals. „Mit goldenen Regeln, wie wir in den Prozessen mit den Zulassungsverfahren umgehen. Ergebnis ist eine komplette Neuaufstellung im Bereich Zulassung und Homologation.“ Audi habe die besten Experten in einer neuen Organisationseinheit zusammengefasst. „Sie führen die Kommunikation mit den Behörden und setzen die Standards um.“

Auch den neuen VW-Konzernchef Herbert Diess hatte Stadler hinter sich gebracht. Der neue starke Mann in Wolfsburg vertraute dem Audi-Chef die Gesamtverantwortung für den Vertrieb aller Konzernmarken an, als er im April den Konzern umkrempelte. Das ist seit gestern ebenfalls Makulatur – auch wenn die Mitarbeiter im Neckarsulmer Audi-Forum bei der Fahrzeugübergabe unverändert freundlich lächeln. Ihren Kollegen in der Diesel-Entwicklung am Standort dürften weniger gut drauf sein: Dort wurden die nur auf dem Papier sauberen Drei-Liter-Motoren schließlich konzipiert, die Stadler nun hinter Gitter gebracht haben.

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