Regionale Arbeitgeber warnen IG Metall

Öhringen  Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustirie sehen keinen Spielraum für Lohnsteigerungen in der anstehenden Tarifrunde. Ihr Verband Südwestmetall fürchtet bei einem hohen Abschluss Tarifflucht und Verlagerungen ins Ausland.

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Vor der im Frühjahr anstehenden Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie (M&E) rufen die regionalen Arbeitgeber die IG Metall zur Zurückhaltung auf. Vor dem Hintergrund der konjunkturellen Abkühlung, der fortschreitenden Digitalisierung und Automatisierung sowie der Transformation der Autobranche müsse es einen maßvollen Tarifabschluss geben.

"Das Wachstum der letzten zehn Jahre wird sich mit Sicherheit nicht fortsetzen", sagt Karl Schäuble, Vorstandsvorsitzender der Bezirksgruppe Heilbronn/Region Franken von Südwestmetall, bei einem Pressetermin bei Huber Packaging in Öhringen.

Rendite reicht oft nicht für Investitionen

Die Arbeitgeber haben Sorge, dass die IG Metall bei ihren Mitgliedern zu große Erwartungen weckt, nachdem die vorige Tarifrunde 2018 für die Gewerkschaft sehr gut gelaufen war. Doch seither hat sich die Lage in der Branche deutlich verschlechtert. Nach Angaben von Schäuble liegt die durchschnittliche Rendite der M&E-Betriebe bei drei Prozent, vier bis fünf Prozent seien aber nötig, um die notwendigen Investitionen in die Zukunft tätigen zu können.

Jörg Ernstberger, Geschäftsführer der regionalen Südwestmetall-Gruppe, spricht von einer technischen Rezession in der Branche. Dazu passt die gestrige Meldung von Gesamtmetall, dass die Produktion in der Branche 2019 um 5,2 Prozent gesunken sei - das größte Minus seit der Krise 2009.

Sorgen bei Huber Packaging und W.Gessmann

Deutlich werden auch die Unternehmensvertreter. "Wir können uns keinerlei Lohnsteigerungen leisten", sagt Martin Lüer, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Huber Packaging. Das Öhringer Unternehmen mit knapp 600 Beschäftigten am Stammsitz liege bei der Rendite in Deutschland "deutlich unter drei Prozent". Aufgrund des hohen Tarifabschlusses 2018 habe man mit der IG Metall einen Ergänzungstarifvertrag geschlossen, es bestehe ein enormer Investitionsstau, sagt Lüer. Vor einigen Jahren hat Huber bereits einige Tätigkeiten und Produkte nach Ungarn verlagert. "Das war zwingend notwendig."

Auch Alwin Ehrensperger, Geschäftsführer des Leingartener Industrieschaltgeräteherstellers W. Gessmann mit rund 500 Mitarbeitern am Stammsitz, sieht keinen Spielraum für Lohnerhöhungen. "Unsere Personalkostenquote liegt schon deutlich über 40 Prozent." Dieses Geld fehle für die notwendigen Millioneninvestitionen in neue Produkte. "Die Luft wird dünner", stellt Ehrensperger klar.

Am teuren Standort Deutschland fehlen die Fachkräfte

Regionale Arbeitgeber warnen IG Metall

Jörg Ernstberger (Südwestmetall, von links), Martin Lüer (Huber Packaging), Alwin Ehrensperger (W. Gessmann) und Karl Schäuble (Südwestmetall). Foto: Jürgen Paul

Zwar haben die Leingartener aus Kostengründen begonnen, ein Werk in Polen zu errichten. Dennoch sagt Ehrensperger: "Ich bin ein Verfechter des deutschen Standorts." Doch neben den hohen Personalkosten machen W. Gessmann der Fachkräftemangel und die fehlenden Erweiterungsmöglichkeiten in Leingarten zu schaffen.

Die Ankündigung von IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger, in der Tarifrunde weniger auf Lohnerhöhungen statt auf Qualifizierung und Beschäftigungssicherung zu setzen, nehmen die Arbeitgeber zurückhaltend auf. "Weiterbildung und Qualifizierung sind wichtige Themen und werden in den Betrieben schon immer verfolgt", sagt Schäuble, der auch Geschäftsführer des Heilbronner Maschinenbauers Illig ist. Er halte nichts von bundesweiten Weiterbildungsmaßnahmen mit der Gießkanne. Die Betriebe wüssten sehr viel besser, wie sie ihre Mitarbeiter qualifizieren müssten. Dies bestätigten Lüer und Ehrensperger, die den individuellen Weiterbildungsbedarf in ihren Belegschaften jedes Jahr aufs neue ermitteln und möglichst passgenau umsetzen.

In dieser Tarifrunde geht es um Grundsätzliches

Für Schäuble und Ernstberger geht es in der Tarifrunde auch um Grundsätzliches. Sie sehen bei einem hohen und belastenden Abschluss für die Betriebe eine Zunahme der Tarifflucht. Zudem würde sich in den Unternehmen die bereits zu beobachtende Tendenz verstärken, Produktionskapazitäten ins Ausland zu verlagern, fürchten die Arbeitgebervertreter.

Der Fahrplan

Am Dienstag dieser Woche diskutiert der Vorstand der IG Metall die wirtschaftlichen Rahmendaten für die Tarifbewegung. Am Mittwoch äußert sich Südwestmetall. Am Donnerstag debattieren die regionalen Tarifkommissionen die Lage in den Betrieben und mögliche Forderungen. Anfang Februar empfiehlt der Vorstand eine Forderung, die die Tarifkommissionen am 20. Februar beschließen. Die Tarifverhandlungen starten spätestens am 17. März. Am 28. April endet die Friedenspflicht, danach sind Warnstreiks möglich. red

 

Jürgen Paul

Jürgen Paul

Stv. Leiter Politikredaktion

Jürgen Paul arbeitet seit 1998 bei der Heilbronner Stimme. Der gebürtige Pfälzer widmet sich der regionalen und überregionalen Wirtschaft, Schwerpunkte sind das Handwerk, die Bankenbranche, der Arbeitsmarkt und die Konjunktur.

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