Piëchs Vermächtnis bei Audi und VW

Neckarsulm  Unser Kollege beschäftigt sich in seinem Leitartikel mit der Frage, was der Tod Ferdinand Piechs für den VW-Konzern und seine Premiummarke Audi bedeutet.

Manfred Stockburger

Der Konzern, die Familie, die gesamte Autobranche: Nach dem Tod Ferdinand Piëchs herrscht in der Branche, in der es gerade eher turbulent zugeht, seltene Einigkeit, was die Bewertung des Lebenswerks des Verstorbenen angeht. Er war ein ganz Großer.

Umso mehr stellt sich die Frage, was jetzt kommt, wo Piëch nicht mehr ist. An der Oberfläche ist sie schnell beantwortet: Piëch hatte seit 2015 keine Ämter mehr im Konzern und auch die meisten Aktien abgegeben. Es gibt auch kein Machtvakuum, weil der Konzern diese Lücke geschlossen hat. Und auch die Familie: Wolfgang Porsche, er ist mit seinen 76 Jahren auch nicht mehr der Jüngste, fand weise Worte nach dem unerwarteten Tod seines Cousins − gerade weil er die Differenzen nicht aussparte: "Im Mittelpunkt stand dabei das Ringen um das Erbe unseres Großvaters Ferdinand Porsche."

Künftige freiere Hand für die Nachfolger

Und doch wird der Tod des Granden Auswirkungen auf den Konzern haben. Nicht heute und auch nicht in den kommenden Wochen. Künftig werden die Nachfolger aber beim Ringen um die Geschicke des VW-Konzerns und bei dessen Führung aber eine freiere Hand haben. Manche Entscheidung, die zuletzt zurückgestellt worden war − es gibt ja auch wahrlich genug zu tun im Volkswagen-Imperium − könnte mittelfristig wieder auf die Tagesordnung kommen. An der grundlegenden Richtung, die Herbert Diess als Konzernchef zum Beispiel in Sachen E-Mobilität eingeschlagen hat, wird sich dadurch allerdings nicht ändern.

Das betrifft unter anderem die Zukunft der Marken Bugatti − Piëchs Lieblingsspielzeug − und Ducati, die beide mit dem Volkswagen-Kerngeschäft herzlich wenig zu tun haben. Die Diskussion über einen möglichen Verkauf könnte durchaus wieder auf die Tagesordnung kommen. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Konzern gab es schließlich Themen, die als sein Vermächtnis galten und die deswegen sakrosankt waren.

Entscheidender ist aber ein weiterer Themenkreis: die Aufarbeitung des Dieselskandals. Als technischer Pate des TDI-Motors und überhaupt als neugieriger Ingenieur dürfte Piëch enger in die Weiterentwicklung der Technologie eingebunden gewesen sein als ein normaler Konzernaufsichtsratsvorsitzender. Die ungeklärten Umstände seines Ausscheidens aus dem Konzern − just bevor die Diesel-Bombe öffentlich wurde − können auch in diesem Zusammengang interpretiert werden.

Stadler war enger Vertrauter Piëchs

Bei Audi ging es bis zu dessen Verhaftung bei der Diesel-Aufklärung immer auch darum, den damaligen Vorstandschef Rupert Stadler juristisch nicht zu gefährden, der übrigens als ehemaliger Büroleiter Piëchs (1997 bis 2003) und langjähiger Vorstand von Piëchs Privatstiftungen (bis 2017) zu den engsten Vertrauten des "Alten" gehörte.

Und was wusste Piëch bei VW? Wie Stadler dürfte bald auch Piëchs Ziehsohn Martin Winterkorn im Zusammenhang mit dem millionenfachen Betrug auf der Anklagebank sitzen. Ferdinand Piëch droht nun kein juristischer Ärger mehr. 2015 soll er bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig Winterkorn belastet haben, wie der "Spiegel" damals knapp meldete. Weitere Details, die vielleicht bei einem Prozess aufgetischt werden könnten oder die ihn selbst belasten könnten, nimmt er mit ins Grab.

Es ist durchaus denkbar, dass die längst nicht abgeschlossene Aufarbeitung des Dieselskandals in den kommenden Monaten eine ganz neue Dynamik bekommt. Weil man auf den genialen Ingenieur, der − wie VW-Chef Herbert Diess es in seinem Nachruf formulierte − mit seinen Entwicklerteams immer wieder an die Grenzen des Machbaren ging, künftig eben weniger Rücksicht nehmen muss.

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Manfred Stockburger

Manfred Stockburger

Chefkorrespondent Wirtschaft

Manfred Stockburger beschäftigt sich seit 1997 intensiv mit der Wirtschaft in Heilbronn-Franken und darüber hinaus. Die rasante Veränderung der Autobranche und des Lebensmittelhandels interessiert ihn besonders, außerdem die Entwicklung der Firmen in Hohenlohe.

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