Neues Leben für marode Brücken

Künzelsau  Würth setzt auf ein patentiertes Sanierungssystem für Stahlbetonbauten. Die Behörden haben Relast jetzt ihren Segen gegeben.

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Neues Leben für marode Brücken

Hier zeigt Konzernchef Robert Friedmann mit einem Modell, nach welchem Prinzip das Relast-System zur Brückensanierung funktioniert.

Foto: Würth

Die Infrastruktur ächzt unter dem Gewicht des Verkehrs. Dass Brücken dabei zum Nadelöhr werden, lässt sich nicht nur auf der A6 zwischen Heilbronn und Hohenlohe täglich erfahren. Nicht in allen Fällen, aber häufig genug, dass die Würth-Gruppe darin ein Geschäftsmodell sieht, können Brücken mit einem neuartigen Schraubensystem im laufenden Betrieb renoviert werden. Seit Monaten haben die Hohenloher auf die baurechtliche Zulassung von Relast gewartet - jetzt ist sie da. Damit kann die Vermarktung des Produkts starten.

"Es dürften alleine in Deutschland tausende Brücken sein, für die das System in Frage kommt", sagt Professor Jürgen Feix aus München. Der Ingenieur hat Relast entwickelt, patentiert und der Nürnberger Würth-Tochter Toge eine Lizenz gegeben.

Betonschrauben ersetzen fehlende oder weggerostete Armierungen

Bis zu drei Meter lang sind die Schrauben, die in den Beton gedreht werden, um fehlende oder weggerostete Armierungen zu ersetzen. "Die üblichen Maße von Brücken können wir damit abdecken", sagt Feix. Weil die Reparaturarbeiten von unten erfolgen können, müssen die Brücken dazu nicht einmal gesperrt werden. Das System sei für kleine Projekte mit 30 Schrauben genauso geeignet wie für Großprojekte mit tausenden Relast-Ankern. Ein Spezialmörtel sorgt für zusätzliche Stabilität.

Auch für Eisenbahnbrücken ist die Technologie geeignet, wenngleich dort der Zustand der Bauwerke "nicht ganz so schlimm" sei: "Züge waren ja früher genauso schwer wie heute", sagt der Ingenieur. Parkhäuser und andere Bauten aus Stahlbeton können mit der Technik saniert und nachträglich verstärkt werden. "Würth wird dadurch zum Systemanbieter", sagt Jürgen Feix. Damit könnten sich die Hohenloher vom Wettbewerber Hilti abgrenzen.

Der Münchener Altstadttunnel wurde mit Relast saniert

Neues Leben für marode Brücken

Ein Pilotprojekt, bei dem die Technik schon eingesetzt wurde, ist der Münchener Altstadttunnel. 7354 Verbundankerschrauben haben die Ingenieure eingesetzt und damit der Münchener Hauptverkehrsader, die unter dem Prinz Carl Palais hindurchführt, die Vollsperrung erspart. Außerdem sei die Sanierungsdauer erheblich verkürzt worden, heißt es bei Würth. Ein Abriss und Neubau wäre dort praktisch unmöglich gewesen.

Für Feix ist es jetzt an Würth, aus dem System etwas zu machen. Was das angeht, sind die Künzelsauer über die Planungsphase längst hinaus. Bei Toge in Nürnberg haben "wir die Kapazität massiv erweitert", sagt Peter Zürn, der das Projekt von der Zentrale aus betreut. "Da ist gerade ein Neubau fertig geworden. Er sieht ein "nach oben offenes" wirtschaftliches Potenzial für das System. Auch über Deutschland und Europa hinaus: Auf der ganzen Welt sei die Infrastruktur wurde in den 1970er und 80er Jahren gebaut worden, erklärt der Manager - jetzt herrscht Handlungsbedarf. "40 Prozent der 600.000 Brücken in den USA müssen saniert werden", sagt Zürn. Und die Reparatur mit dem Relast-System koste über den Daumen gepeilt zehn Prozent eines Neubaus. Und weil die Straßen nicht gesperrt werden müssen, gibt es zudem weniger Staus. Weil es schneller geht, können die Bauleute zugleich mehr Projekte stemmen.

Neubauten sind teurer und verbrauchen viel mehr Ressourcen

Auch im Sinne der Ökologie ist das System vorteilhaft. "Abriss und Neubau belasten die Umwelt immens, weil unnötige Ressourcen verschwendet werden", sagt Peter Zürn. Nachhaltigkeit "war für uns ein wesentlicher Faktor bei der Entwicklung des Systems". Studien hätten ergeben, dass bereits ein Tag Streckensperrung eine doppelt so hohe Umweltbelastung verursacht, wie die komplette Ertüchtigung eines Bauwerks.

Toge-Geschäftsführer Andreas Gerhard ist stolz, dass sein System jetzt die Zulassung hat. "Das ist ein neuer Meilenstein für uns."

 

Manfred Stockburger

Manfred Stockburger

Chefkorrespondent Wirtschaft

Manfred Stockburger beschäftigt sich seit 1997 intensiv mit der Wirtschaft in Heilbronn-Franken und darüber hinaus. Die rasante Veränderung der Autobranche und des Lebensmittelhandels interessiert ihn besonders, außerdem die Entwicklung der Firmen in Hohenlohe.

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