Mehr Stellen als Bewerber

Stuttgart/Region  Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze im Südwesten ist angestiegen. Jedoch haben die Unternehmen Probleme, die Stellen zu besetzen. Zudem ist es schwierig, Schülerinnen für technische und naturwissenschaftliche Berufe zu begeistern.

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Mehr Stellen als Bewerber

Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU, Mitte) lud Vertreter von Arbeitgebern, Gewerkschaften und Arbeitsagentur zum Spitzengespräch zur Ausbildungssituation im Südwesten.

Foto: dpa

Gleich zu Beginn gab Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) Entwarnung. "Der wirtschaftliche Abschwung ist nicht auf dem Ausbildungsmarkt angekommen. Die Unternehmen haben mehr Ausbildungsplätze angeboten als im Vorjahr", erklärte Hoffmeister-Kraut gestern in Stuttgart nach dem Spitzengespräch zur Ausbildungssituation im Südwesten.

Allerdings gebe es einen Wermutstropfen: Es gelingt immer weniger, tatsächlich Ausbildungsverträge abzuschließen. Das Kernproblem ist, dass die angebotenen Stellen nicht genügend nachgefragt werden. Experten sprechen hier von Passungsproblemen auf dem Arbeitsmarkt.

Entwicklung im Südwesten

Mit Blick auf die Zahlen ergibt sich für Baden-Württemberg dann folgendes Bild: In diesem Jahr wurden von den Südwest-Firmen 82 823 Ausbildungsstellen gemeldet - 0,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Bewerber hat sich mit 63 815 jedoch um 3,7 Prozent verringert. Etwas mehr als 1000 Bewerber werden als vollständig unterversorgt bezeichnet, sie haben also derzeit keine Aussicht auf eine Stelle. Hinzu kommen rund 7500, die eine Alternative angenommen haben, aber ebenfalls noch nach einem Ausbildungsplatz suchen.

Rein rechnerisch fasste Christian Rauch, Leiter der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit, die aktuelle Situation wie folgt zusammen: "8661 unbesetzten Ausbildungsstellen stehen 8576 Ausbildungsplatznachfragen gegenüber."

Geringer Frauenanteil

Eines der Probleme ist weiterhin, dass es zu wenige MINT-Bewerberinnen gibt, also für Berufe aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. "Der Anteil der MINT-Stellen ist auf 32 Prozent angestiegen. Jedoch ging der Frauenanteil auf elf Prozent zurück", so Rauch.

Während bei Akademikerinnen technische und naturwissenschaftliche Ausrichtungen durchaus höher im Kurs stünden, sei die Entwicklung bei klassischen Ausbildungsberufen bei Frauen ohne Studium gegenläufig, erklärte Karl Schäuble, Vizepräsident der Landesvereinigung Baden-Württembergischer Arbeitgeberverbände. "Die mangelnde Passung nimmt schon groteske Züge an. Das Matching passt einfach nicht", kritisierte er. Matching steht für die Zuordnung von Arbeitsplatzanforderungen und den Kompetenzen eines Bewerbers.

Bessere Beratung nötig

Allerdings wies Gabriele Frenzer-Wolf, DGB-Vizevorsitzende des Landesbezirks Baden-Württemberg, darauf hin, dass es hier große regionale Unterschiede gebe. "Die Mobilität von Auszubildenden muss mehr gefördert werden", sagte sie. Einstimmigkeit herrschte darin, die Berufsberatung an den Schulen zu verbessern. Deswegen sollen die schon seit zehn Jahren bestehenden Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen intensiviert werden.

Bildungspartnerschaften intensivieren

 

"Bildungspartnerschaften bieten die große Chance, Jugendliche und Ausbildungsbetriebe zusammenzubringen und so möglicherweise ein Ausbildungsverhältnis vorzubereiten", sagte Hoffmeister-Kraut. Seien es Betriebserkundungen, Praktika oder auch Techniktage - hier gebe es zahlreiche Möglichkeiten, um schon in den Schulen mehr Informationen über mögliche Ausbildungsbetriebe zu erhalten. Auf diesem Wege könnten Jugendliche frühzeitig herausfinden, was ihnen beruflich liege, erklärte Kultusstaatssekretär Volker Schebesta (CDU).

Situation bei Flüchtlingen

Ein weiteres Thema war die Situation der Flüchtlinge auf dem Ausbildungsmarkt. So hätten zum Start des Ausbildungsjahrs 2019 insgesamt 3068 Geflüchtete aus den acht Hauptasylherkunftsländern plus Gambia eine Ausbildung begonnen. 2018 waren es zum gleichen Zeitpunkt 2911. Den leichten Anstieg bezeichnete Hoffmeister-Kraut als "großen Erfolg für die gesellschaftliche Integration".

Viele freie Lehrstellen in der Region

Im Bezirk der Arbeitsagentur Heilbronn gab es im Ausbildungsjahr 2018/19 (Ende September) 3158 Bewerber (minus 2,3 Prozent) und 3826 gemeldete Ausbildungsstellen (minus 6,0 Prozent). Damit kommen auf 100 Bewerber 121 Ausbildungsstellen. Die Agentur zählte 17 unversorgte Bewerber und 245 unbesetzte Lehrstellen. Einen Bewerbermarkt gibt es auch im Agenturbezirk Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim. Hier gab es für die 5647 Ausbildungsplätze lediglich 3451 Bewerber. Auf 100 Bewerber entfallen somit 164 Lehrstellen. Ende September waren 449 Ausbildungsplätze unbesetzt und 36 Bewerber unversorgt. In dieser Situation haben auch junge Menschen ohne Traumnoten gute Chancen auf eine Lehrstelle. 


Kommentar: Investition in Köpfe

Die Wirtschaft − auch im Südwesten − steuert in Zeiten von Handelskriegen, Brexit und Technologie-Transformationen auf unruhige Zeiten zu. Auf dem baden-württembergischen Ausbildungsmarkt ist davon aber noch nichts zu spüren. Dies ist zunächst Mal ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass die Unternehmen nicht in Hektik verfallen, sondern weiter in die Köpfe der Zukunft investieren. Zudem können die Herausforderungen − gerade im Mobilitätssektor − ohne junge und technikaffine Arbeitskräfte wohl kaum gemeistert werden. Schließlich wird die Qualität der Arbeitskräfte in den Firmen entscheidend dafür sein, wer sich in Zeiten des Umbruchs an der Spitze behauptet. Dies mag zwar eine Binsenweisheit sein. Aber für die exportorientierten Kernindustrien im Südwesten ist das von zentraler Bedeutung.

Probleme gibt es hingegen bei der Besetzung vieler Ausbildungsstellen. Zum einen kann es sich die Wirtschaft nicht länger leisten, gerade in Technik und Naturwissenschaft weiter auf die Kompetenz vieler Frauen zu verzichten, die es nicht in diese männlich geprägten Berufe zieht. Hier darf das Bemühen von Unternehmen und Schulen nicht nachlassen, verstärkt Schülerinnen anzusprechen. Firmen und Schulen müssen versuchen, deren Technikbegeisterung zu wecken − und Schülerinnen Karriereoptionen aufzuzeigen. Schwierig ist auch die Suche nach Nachwuchs im Einzelhandel oder in der Gastronomie. Hier schrecken viele vor unregelmäßigen Arbeitszeiten zurück. Angesichts des generellen Überangebots an Ausbildungsstellen tun sich diese Berufe besonders schwer.

 


Michael Schwarz

Chefkorrespondent Landespolitik

Michael Schwarz ist seit 2005 bei der Heilbronner Stimme. Landesregierung, Landtag, Parteien, Fraktionen, Politiker - Schwarz beobachtet rund um die Uhr die landespolitischen Akteure in Stuttgart und geht der Frage nach, ob diese einen guten Job machen.

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