Lidl fordert verpflichtendes Tierwohl-Label

Neckarsulm  Vor einem Jahr stellte das Unternehmen einen eigenen Haltungskompass vor, der die Branche in Zugzwang brachte. Bei Lidl stammt heute etwa Hälfte der Frischware von Höfen, die höhere Standards als das gesetzliche Mindestmaß anwenden.

Von Manfred Stockburger

Lidl fordert verpflichtendes Tierwohl-Label

Wie viel Platz brauchen Schweine im Stall? Darum geht es unter anderem in der Debatte um mehr Tierwohl in der Landwirtschaft.

Foto: dpa

Ein Jahr ist es nun her, dass Lidl mit seinem Haltungskompass die gesamte Branche und auch Ministerin Julia Klöckner (CDU) in Zugzwang gebracht hat.  Vergangene Woche hat die Ministerin nun ihre Kriterien für ein staatliches Label vorgestellt .

In drei Stufen will sie über dem gesetzlichen Mindeststandard verbesserte Haltungsbedingungen regeln. In den Grundzügen ähneln sie dem Lidl-System. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass Klöckner auch den Transport der Tiere mit in den Fokus nimmt. Lidl hatte dagegen angekündigt, die Tiergesundheit im Auge behalten zu wollen.

Vorschlag der Ministerin geht Lidl nicht weit genug

Das Klöckner-Label geht neben verschiedenen Tierschutzorganisationen allerdings auch Lidl nicht weit genug - weil die Erzeuger nicht zu einer Teilnahme an dem Programm verpflichtet werden. "Ein grundsätzliches Anheben der Tierwohlstandards lässt sich nur umsetzen, wenn alle Branchenteilnehmer aktiv mehr Tierwohl fördern", kritisiert Jan Bock, der Einkaufschef von Lidl Deutschland, die von Klöckner angestrebte Freiwilligkeit.

Dennoch begrüßt der Manager, dass die Ministerin zwölf Monate nach dem Vorstoß des Unternehmens nun Eckpunkte vorgelegt hat: "Diese bilden eine Diskussionsgrundlage für den weiteren Verlauf des Gesetzgebungsverfahrens. Sobald die Kriterien final verabschiedet sind, prüfen wir, wie wir es an unsere bestehende Haltungskennzeichnung anschließen können", erklärt Bock das weitere Vorgehen der Neckarsulmer.

Lidl hat sein Zwischenziel erreicht

Bis zur Einführung des staatlichen Labels wird es aber 2020 werden, Lidl hat das Zwischenziel in der tierwohlgerechteren Sortimentsgestaltung dagegen bereits erreicht: Mittlerweile seien durchschnittlich rund die Hälfte der Fleischwaren mindestens auf Stufe 2, die in etwa der ersten Stufe des Klöckner-Labels entspricht. Umsatzrückgänge gab es bei dem Händler deswegen offenbar nicht: "Mit dem Abverkauf unserer Frischfleischprodukte sind wir weiterhin zufrieden", sagt Jan Bock.

Mit einer detaillierten Aussage darüber, wie die Kunden auf das veränderte Sortiment reagieren, tun sich die Neckarsulmer allerdings schwer. "In den Filialen bieten wir ein Fleischprodukt in einer Haltungsstufe an", erklärt der Manager das Vorgehen. "Daher ist eine zuverlässige Auswertung, ob Verbraucher durch ihr Einkaufsverhalten Fleisch aus einer tierwohlgerechteren Haltung fördern, schwierig."

Einen Preisunterschied gibt es zwischen den Stufen 1 und 2 nicht, das hatte der Händler vergangenes Jahr so versprochen. Insofern spielt der Geldbeutel bei dieser Unterscheidung keine Rolle. Nach eine im Januar veröffentlichten Studie der Universität Osnabrück sind nur 16 Prozent der Kunden bereit, mehr Geld für ein Tierwohl-Produkt auszugeben - bei Edeka.

Kunden müssen ab Stufe 3 mehr bezahlen

Ab Stufe 3 - im Lidl-Jargon Außenklima - verlangt der Discounter mehr Geld für die Produkte. Bei ganzen Hähnchen ist das ein Aufpreis von an die 50 Prozent. Stichproben in einer Filiale in der Region haben mehrfach ergeben, dass 30-Prozent-Rabatt-Aufkleber auf Stufe-3-Produkten klebten, mit denen das Unternehmen Artikel kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums noch an den Kunden bringen möchte.

"Grundsätzlich müssen wir Fleischprodukte in der Haltungsstufe 3 nicht rabattiert anbieten, damit Kunden sich für diese Artikel entscheiden", relativiert Bock. In Einzelfällen könne es jedoch vorkommen, dass der Tagesbedarf geringer war als der Warenbestand. Die Unterschiede zwischen den Haltungsstufen seien aber "nicht nennenswert", erklärt der Lidl-Chefeinkäufer.

 


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