Knorr-Erbswurst: Vom Ende eines Heilbronner Kultprodukts

Heilbronn  Fehlende Nachfrage: Nach 129 Jahren nimmt Knorr die Erbswurst aus dem Sortiment. Einst wurde die Mutter aller Fertigsuppen millionenfach verkauft. Auch deshalb blutet manchem Mitarbeiter nun das Herz.

Von Manfred Stockburger
Email
Erbswurst: Vom Ende eines Kultprodukts
Die Erbwurstmaschine ist nach genau 65 Jahren in den Ruhestand gegangen.

Oma nennt Sandra Schmidt die Maschine liebevoll, sie ist ja auch nicht mehr die jüngste. Bis Ende letzter Woche hat das mechanische Wunderwerk, das seit den 1950er Jahren im Heilbronner Knorr-Werk steht, Erbswürste gewickelt und abgebunden - 13 Stück pro Minute waren es zuletzt noch. Sandra Schmidt hat die fertigen Suppenwürste geprüft und in die Schachteln gelegt. Zu Weihnachten war endgültig Schluss damit: Jetzt ist die Erbswurst Geschichte.

Kein Arbeitsplatz wie jeder andere

"Es macht einfach Spaß, mit der Oma zu arbeiten", sagt Sandra Schmidt, als die letzten Erbswürste aus der Maschine kommen - wie alle Mitarbeiter in der Knorr-Fabrik trägt sie Hygienekleidung. Und Ohrstöpsel, denn leise ist die Maschine nicht gerade. Unglaublich fingerfertig ist Schmidt, wenn es darum geht, die Schleifen zu knoten - manuelle Handarbeit ist nötig, weil die Maschine auf ihre alten Tage nicht mehr immer wollte.

Schmidts Hauptaufgabe war bis zuletzt, die Knoten zu prüfen und wenn nötig von Hand ein Schleifchen zu binden. Aber dass die Maschine die Knoten überhaupt schaffte, das grenzt an ein Wunder der Technik - so ganz ohne menschliches Fingerspitzengefühl. Doch findige Maschinenbauer bei Knorr haben in den 1950er Jahren geschafft, woran Generationen von Eltern schier verzweifeln, wenn sie es ihren Kindern beibringen wollen.

Erst im Highspeed-Film, den der geschichtsbewusste Ausbilder Michael Schenk für seine Kollegen zum Abschied gedreht hat, wird wirklich sichtbar, wie ein Rädchen ins nächste greift, wie filigrane Greifer den Faden packen, abschneiden und um die Verpackung wickeln. Bis die Schleife passt und fest genug ist, dass der Kunde seine Erbswurst in den Vorratsschrank hängen kann.

Betriebswirte machen dem Traditionsprodukt den Garaus

Jetzt ist die Erbwurstmaschine in Rente, nach ziemlich genau 65 Jahren. Die Betriebswirte können das Kultprodukt beim besten Willen nicht mehr schönrechnen - und selbst Betriebsratschef Thilo Fischer räumt ein, dass ihm die Argumente ausgegangen sind, die für das Traditionsprodukt sprechen - auch wenn die Entscheidung Knorrianern das Herz bluten lässt.

Auch interessant: Die Erbswurst ist eine von 10 kuriosen Erfindungen aus Heilbronn

 

Die Erbswurst ist die Mutter aller Fertigsuppen

Seit 1889, als die Unternehmerbrüder Carl und Alfred Knorr in die Erbswurst-Produktion einstiegen, wurde die Mutter aller Fertigsuppen schließlich in Heilbronn produziert. Produktionsstart war nur ein Jahr nach der ersten Überlandfahrt, mit der Berta Benz das Zeitalter des Automobils einläutete. 129 Jahre lang wurde die so typisch geformte Suppe hergestellt und millionenfach verkauft. "Erst die Erbswurst hat Knorr zu einem Industriebetrieb gemacht", sagt Werkleiter Hans-Josef Ingelmann.

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass mit Produktions-Chefin Natacha Schwaller eine Französin das Ende der Erbswurst managen muss, deren Durchbruch 1870 im deutsch-französischen Krieg kam. Vor fünf Jahren kam die Ingenieurin als Spezialistin für schlanke Produktion nach Heilbronn - auch sie hat sich mittlerweile infizieren lassen vom Geist der Knorr-Heimat. Trotzdem sagt sie: "Wir sind stolz, dass wir die Erbswurst so lange produziert haben, aber jetzt hat sie ihre Zeit erreicht." In den letzten 15 Jahren seien 80 Prozent des Volumens verloren gegangen, erklärt die sympathische Chefin, die neben der Maschinen-Oma besonders jugendlich wirkt. "Die Essgewohnheiten haben sich verändert."

Für die Mitarbeiter gab es zum Abschied Gutscheine

Zum Abschied bekam jeder Mitarbeiter Gutscheine für eine gelbe und eine grüne Erbswurst - in diesen beiden Varianten produzierten Sandra Schmidt und ihre Kollegen die Knorr-Würste bis zuletzt. Einst gab es auch die Variation mit Schweinsohren. Die Kantine auf dem Standort servierte letzte Woche nochmal ein Erbswurstgericht.

Nicht nur für Knorr geht eine Ära zu Ende, auch für die Stadt: In der wirtschaftshistorischen Ausstellung im Heilbronner Rettenmaier-Haus hat die Erbswurst einen Ehrenplatz. Dem Archiv hat der leidenschaftliche Knorr-Historiker Matthias Meilicke noch einen Karton Erbswürste aus der letzten Produktionswoche vorbeigebracht.

Erbswurst: Vom Ende eines Kultprodukts
Eine der letzten ihrer Art: Sandra Schmidt bindet eine Erbswurst ab.

Bei ihrem Abschiedsbesuch bei der Erbswurstmaschine überkommt Regine Weimar doppelte Wehmut - bis zur endgültigen Verlagerung der Knorr-Entwicklung nach Holland forscht sie an neuen Geschmacksrichtungen. Ihr muss man die Anlage nicht erklären. "Als ich meine Ausbildung machte, habe ich selbst an der Maschine gearbeitet", erzählt sie. Das war in den 1980er Jahren, als die Erbswurst auch bei den Verbrauchern noch hoch im Kurs stand. Wie bei vielen Heilbronnern hat die Erbswurst einen besonderen Platz in ihrem Herzen - und die Maschine. "Es würde mich glücklich machen, wenn sie einmal in der Experimenta zu sehen sein würde", sagt Weimar. Am besten sogar im Betrieb.

Alte Erbswurstmaschine in der neuen Experimenta?

Bei Natacha Schwaller könnte sie damit durchaus auf offene Ohren stoßen: Dass sie in der Produktion Platz für modernere Produkte wie das neue Würzgeheimnis im Glasbehälter mit Retro-Etikett und für effizientere Maschinen schafft, heißt nicht, dass Sandra Schmidts Oma jetzt zum alten Eisen kommt. Vorsichtig abgebaut und sogar neu lackiert soll sie werden, verrät Natacha Schwaller. Damit sie an ihrem künftigen Ehrenplatz jung und frisch aussieht. Wo der sein wird, steht aber noch nicht fest.

 


Kommentar hinzufügen