Handelsranking: Amazon überholt Lidl und Kaufland

Neckarsulm  Amazon verdrängt die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland vom vierten Platz im Deloitte-Ranking der weltgrößten Händler und ist weiter auf Wachstumskurs. Die Neckarsulmer zeigen sich davon wenig beeindruckt.

Von Manfred Stockburger

Amazon
Amazon hat die Schwarz-Gruppe im Ranking der weltgrößten Einzelhändler überholt.

Es ist ein Weckruf für die Schwarz-Gruppe: Der Online-Gigant Amazon hat die Neckarsulmer im Ranking der weltgrößten Einzelhändler überholt. Lidl und Kaufland sind demnach erstmals seit vier Jahren nicht mehr auf Platz vier der Tabelle, die von der renommierten Beratungsfirma Deloitte seit 22 Jahren erstellt und immer im Januar veröffentlicht wird. Der Schwarz-Gruppe bescheinigt die Studie gleichwohl mit 7,4 Prozent ein starkes Wachstum.

Bei Amazon vermeldet die Studie "Global Powers of Retailing" aber ein Plus von 25 Prozent. Dies war auch getrieben durch die Übernahme des amerikanischen Lebensmittelhändlers Whole Foods, mit der sich die Online-Händler im Heimatmarkt eine starke Basis im stationären Geschäft sicherte.

Deloitte lobt Amazon als Innovationstreiber

Beinahe hätte sich Amazon auch am Drittplatzierten vorbeigeschoben: Bei einem Umsatz von zwischen 118 und 119 Milliarden Dollar fehlten dem Online-Riesen nur gut 400 Millionen Dollar, um die amerikanische Supermarktkette Kroger hinter sich zu lassen - da fehlte weniger als ein halbes Prozent. Die Schwarz-Gruppe taxiert Deloitte auf umgerechnet 111,8 Milliarden Dollar. "Amazon wird seine Position auch in diesem Jahr wohl weiter verbessern", sagt Karsten Hollasch, Partner und Leiter Consumer Business bei Deloitte. "Die große Stärke Amazons ist seine Position als Innovationstreiber, bei dessen Geschwindigkeit viele Unternehmen nicht mithalten können."

Amazons durchschnittliches Wachstum lag bei 18 Prozent

Einschließlich der Geschäftsbereiche, die nicht direkt mit Handel zu tun haben - Amazon ist einer der größten Anbieter von Online-Speicherkapazität - wäre der Konzern aus Seattle an der amerikanischen Westküste bereits auf dem zweiten Platz des Weltrankings. Vor zehn Jahren hatte der Internetpionier noch auf Platz 80 rangiert.

Im Schnitt der letzten fünf Jahre lag das Wachstum von Amazon bei stolzen 18 Prozent, die Schwarz-Gruppe legte laut Deloitte im gleichen Zeitraum um durchschnittlichen 7,5 Prozent zu. Aldi liegt als zweitgrößter deutscher Einzelhändler in dem Ranking unverändert auf Platz acht. Mit einem Umsatzplus von 7,7 Prozent waren Aldi Süd und Nord im Weltmaßstab ein bisschen besser unterwegs als Lidl und Kaufland.

Schwarz-Gruppe zeigt sich wenig beeindruckt

Im Tagesgeschäft lassen sich die Neckarsulmer wenig von dieser Rangliste beeindrucken, die aber zugleich die Bedeutung der Unternehmensgruppe für die Welt des Handels zeigt. Die Tabelle werde intern wenig bis gar nicht beachtet, sagte ein Sprecher der Stimme. Der Weg nach oben von Lidl und Kaufland führte in den vergangenen Jahrzehnten aber immer über Ranglisten, die in den Büros an den schwarzen Brettern hingen.

Erst waren sie regional, dann deutschland-, europa- und schließlich weltweit. Die Antriebsfeder der Expansionsjahre: Wer am Markt bleiben möchte, muss wachsen. Die deutsche Handelsgeschichte ist gepflastert mit einst klangvollen Namen von Unternehmen, die weichen mussten: Tengelmann, Pfannkuch, Coop, Spar, und auf regionaler Ebene auch Lichdi.

Als Gründe für das Wachstum der Schwarz-Gruppe nennt Deloitte in der Studie einerseits die guten wirtschaftlichen Bedingungen im Heimatmarkt, aber auch die Stärke von Lidl in den europäischen Märkten Österreich, Spanien und in Tschechien. Die schwierigere Entwicklung bei Kaufland lassen die Autoren außen vor. Unter dem Strich, und das zählt, stimmen die Zahlen.

Die Zeiten für die Händler werden härter

Nach einem "guten Jahr für den Handel" erwarten die Autoren der Studie nunmehr schwierigere Zeiten, nicht nur, aber auch für die Schwarz-Gruppe. Die globale Wirtschaft stehe an einem Wendepunkt, heißt es. Bis Anfang 2018 sei sie durch eine Kombination aus relativ starkem Wirtschaftswachstum, geringer Inflation und einer lockeren Geldpolitik geprägt gewesen, im Lauf der letzten zwölf Monate habe sich sich das Wachstum insgesamt verlangsamt. "Zum Jahresauftakt 2019 sinkt die Verbraucherstimmung", warnt Karsten Hollasch.

Ein Selbstläufer ist das Handelsgeschäft keineswegs, und ein genauerer Blick ins Deloitte-Ranking zeigt, was passiert, wenn Unternehmen strategische Fehler machen: Sie fallen zurück. Metro etwa, einst die unangefochtene Nummer eins unter den deutschen Handelskonzernen, stand 2011 noch auf Rang drei.

Inzwischen sind die Düsseldorfer auf Platz 26 abgerutscht. Carrefour, der französische Supermarktbetreiber, hat dieses Jahr durchgesetzt, dass Deloitte ihn ganz aus dem Ranking gekommen hat. Bis 2013 war das Unternehmen die Nummer zwei der Welt, letztes Jahr waren die Franzosen auf Platz neun abgerutscht. Ähnlich sieht es bei Tesco aus, dem anderen großen Europäer unter den Supermarktbetreibern.

Experte fordert mehr Anstrenungen bei der Digitalisierung

Angesichts des Amazon-Durchmarschs legt der Deloitte-Analyst Hollasch seinen Finger in eine weitere Wunde: "Deutsche Unternehmen müssen sich auf die digitale Zukunft einstellen und ihre Geschäftsmodelle entsprechend anpassen", sagt er. Die Investitionen der Neckarsulmer in diese Richtung sind gewaltig - die Pläne für den Projektcampus in Bad Friedrichshall sind an dieser Stelle nur die Spitze des Eisbergs. Unter anderem streben die Neckarsulmer eine Zusammenarbeit mit Microsoft an, die Zugang zu den neuesten Technologien bieten soll.

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Microsoft arbeitet auch mit Kroger

Microsoft-Chef Satya Nadella nannte unlängst aber einen anderen Partner, mit dem er das Einkaufserlebnis für Millionen von Kunden neu definieren wolle: Kroger, die Nummer drei im Ranking. Die beiden US-Firmen wollen gemeinsam Amazon in die Schranken weisen und neue Standards für Innovation in der Handelswelt setzen. Die ersten beiden Kroger-Märkte, die wie der legendäre Amazon-Store in Seattle ohne Kassierer auskommen sollen, sind bereits im Aufbau.

Wal-Mart steht unangefochten an der Spitze

Und Wal-Mart, mit erstmals mehr als 500 Milliarden Dollar Umsatz der uneinholbare Marktführer? Dort zahlen sich die Investitionen ins Onlinegeschäft aus. Schon 2017 wohlgemerkt. Außerdem vermeldet der US-Konzern, dass es gelinge, durch die Verknüpfung des Internet- und des Filialgeschäfts zusätzliche Kunden in die Einkaufszentren zu locken - nicht nur 2017, sondern auch im vergangenen Jahr.

 


Ranking: Das sind die Top Ten der globalen Einzelhändler

Die Umsätze beziehen sich auf das Jahr 2017.

  1. Wal-Mart Stores, Inc., Umsatz: 500,343 Mrd. $

  2. Costco Wholesale Corporation, Umsatz: 129,025 $

  3. The Kroger Co., Umsatz: 118,982 Mrd. $

  4. Amazon.com, Inc., Umsatz: 118,573 Mrd. $

  5. Schwarz Group, Umsatz: 111,766 Mrd. $

  6. The Home Depot, Inc., Umsatz: 100,904 Mrd. $

  7. Walgreens Boots Alliance, Inc., Umsatz: 99,115 Mrd. $

  8. Aldi Einkauf GmbH & Co. oHG, Umsatz: 98,287 Mrd. $

  9. CVS Health Corporation, Umsatz: 79,398 Mrd. $

  10. Tesco PLC, Umsatz: 73,961 Mrd. $


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