Große Unsicherheit bei Thyssenkrupp

Essen/Region  Der kriselnde Essener Konzern stellt auch die Sparte auf den Prüfstand, zu der das Werk in Heilbronn gehört. Die IG Metall Heilbronn/Neckarsulm ist zuversichtlich, dass der Standort mit insgesamt 870 Mitarbeitern erhalten bleibt, weil er rentabel arbeitet.

Von Jürgen Paul
Große Unsicherheit bei Thyssenkrupp

In seinem Werk in Mühlacker fertigt Thyssenkrupp System Engineering Karosserie-Plattformen für Elektroautos.

Foto: Thyssenkrupp System Engineering

Spätestens nach den schlechten Quartalszahlen in der vergangenen Woche ist die ohnehin schon vorhandene Unruhe im Thyssenkrupp-Konzern weiter gestiegen. Denn Vorstandsvorsitzender Guido Kerkhoff hatte angekündigt, weitere Unternehmensbereiche auf den Prüfstand zu stellen, die aus heutiger Sicht nicht wettbewerbsfähig sind. Dazu gehört neben Federn und Stabilisatoren für die Automobilindustrie und Grobblech auch der Bereich System Engineering.

Ein Standort mit drei Werken

Zu der letzteren Sparte zählt der Standort Heilbronn, dem auch die Niederlassungen in Weinsberg und Mühlacker zugeordnet werden. 870 Mitarbeiter beschäftigt der Essener Konzern hier, davon 510 in Heilbronn, 290 in Weinsberg und 70 in Mühlacker. Schwerpunkt sind der Karosseriebau, Werkzeugbau, Prototypen- und Serienfertigung, globaler Service und Ingenieurdienstleistungen.

Die Ansage Kerkhoffs klingt unmissverständlich: "Dass Geschäfte ohne klare Perspektive dauerhaft Geld verbrennen und damit Wert vernichten, den andere Bereiche erwirtschaftet haben, wird es jedenfalls in Zukunft nicht mehr geben." Die genannten drei Bereiche stehen ihm zufolge für lediglich vier Prozent des Konzernumsatzes, aber für ein Viertel des im laufenden Geschäftsjahr erwarteten negativen Cashflows. Mit ihnen verdient Thyssenkrupp also kein Geld.

Schließung oder Verkauf als Optionen

Daher soll nun ein Team von Sanierungsexperten Restrukturierungskonzepte für diese Prüfstand-Geschäfte erarbeiten. "Sollte eine Restrukturierung nicht gelingen oder nicht möglich sein, werden andere strategische Optionen geprüft", teilte der Konzern mit. Am Ende könnte es auf einen Verkauf oder die Schließung dieser Bereiche hinauslaufen. Kerkhoff: "Wir werden das Potenzial der drei Geschäfte prüfen. Für eine Weiterentwicklung sehen wir durchaus Chancen, aber nicht notwendigerweise unter dem Dach von Thyssenkrupp."

Was das für den Standort Heilbronn bedeutet, ist völlig unklar. Ein Sprecher äußerte sich auf Anfrage weder zu einzelnen Standorten noch zu der Frage, bis wann eine Entscheidung fallen wird. Neben Heilbronn betreibt System Engineering noch Standorte in Hohenstein-Ernstthal, Wadern-Lockweiler, Bremen, Langenhagen und Burghaun. Im Ausland gibt es Niederlassungen in den USA, Mexiko, Großbritannien, Russland, Spanien, Italien, Frankreich, Indien, China und Japan. Der Umsatz von Thyssenkrupp System Engineering lag 2017/18 bei 1,1 Milliarden Euro, die Sparte beschäftigt 4600 Mitarbeiter.

Hiesige IG Metall bleibt entspannt

Während der Konzernsprecher bewusst nichts ausschließt, bleibt die IG Metall Heilbronn-Neckarsulm relativ gelassen. "Der Standort Heilbronn steht nicht zur Diskussion, es gibt keine Gespräche über irgendwelche Maßnahmen", sagt der Erste Bevollmächtigte Michael Unser. Er verweist darauf, dass in Heilbronn, Weinsberg und Mühlacker vor Jahren Restrukturierungsmaßnahmen durchgeführt wurden. "Das hat gut geklappt." Für den Gewerkschafter steht zudem völlig außer Frage, dass der Standort rentabel arbeitet.

Klarheit über die weitere Zukunft im Thyssenkrupp-Konzern und am Standort Heilbronn erwartet sich Unser nach der Aufsichtsratssitzung Anfang September. Bis dahin werden die Mitarbeiter wohl mit der Unsicherheit und Spekulationen über ihre Standorte leben müssen.

 


Schwache Quartalszahlen, gekappte Gewinnprognose

Der Industriekonzern Thyssenkrupp hat nach einem schwachen dritten Quartal und schlechter Geschäfte in der Stahl-sparte die Prognose für das Geschäftsjahr 2018/19 deutlich gesenkt. Das Unternehmen erwartet für das am 30. September endende Geschäftsjahr nunmehr ein bereinigtes operatives Ergebnis von rund 800 Millionen Euro. Zuvor war der Essener Konzern von 1,1 bis 1,2 Milliarden Euro ausgegangen. Unter dem Strich dürfte Thyssenkrupp rote Zahlen schreiben, bekräftigte der Konzern frühere Aussagen.

Im dritten Quartal brach das bereinigte Ebit (Gewinn vor Zinsen und Steuern) um fast ein Drittel auf 226 Millionen Euro ein. Für den Rückgang waren maßgeblich das Stahlgeschäft und der Stahlhandel verantwortlich. Der Stahlbereich litt unter einer schwächeren Nachfrage.

Der traditionsreiche Standort Heilbronn wurde 1900 gegründet − unter dem Namen Drauz-Werke als Karosseriebauer. Das Unternehmen, das mehrmals verkauft wurde und wechselnde Namen hatte, wurde zum wichtigen Zulieferer für die Autoindustrie. dpa/jüp


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