Gewinn geht vor Komfort bei Audi

Ingolstadt/Neckarsulm  Audi gibt auf die drängenden Fragen bisher nur ausweichende Antworten. Die deutschen Standorte sollen Rückgrat des Konzerns bleiben. Vorstandschef Bram Schot gibt einen verhaltenen Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr.

Von Manfred Stockburger
Mit einem harten Sparprogramm, Stellenabbau und Elektroautos will Audi-Chef Bram Schot sein Unternehmen nach einem sehr schwachen Jahr wieder auf Kurs bringen. Foto: dpa

Konkrete Antworten über die künftige Ausrichtung von Audi gibt es nur wenige bei der Jahrespressekonferenz in Ingolstadt. Bram Schot und seine Vorstandskollegen belassen es zumeist beim Formulieren der - durchaus richtigen - Fragen, Produktionsvorstand Peter Kössler darf auf bayerischem Boden außerdem seine neu gefundene Liebe zu Insekten und Bienen bekennen: Er schwärmt von Blühstreifen und begrünten Dächern einiger Fabrikhallen.

Aber es ist durchaus angekommen an der Unternehmensspitze, dass die drängenden Fragen auch beantwortet werden müssen, schließlich hat sich Bram Schot in den vergangenen Wochen viel Zeit genommen, seinen Mitarbeitern zuzuhören. Auch wenn Personalchef Wendelin Göbel Fragen nach einem möglichen Personalabbau entlang der demografischen Linie immer wieder ausweicht, so formuliert er doch klar die Erkenntnis, dass die Mitarbeiter tief verunsichert sind.

Mitarbeitern soll wieder Sicherheit gegeben werden

"Ingolstadt und Neckarsulm sind das Rückgrat von Audi", sagt er. "Das muss auch so bleiben." Auch die Kinder und Enkel der heutigen Mitarbeiter werden dort noch arbeiten können. "Unsere größte Aufgabe wird sein, den Mitarbeitern wieder Sicherheit zu geben", sagt Göbel. Der Zeitdruck ist enorm: Bis in vier Wochen will der Audi-Vorstand die Weichen für die nähere Zukunft gestellt haben, was die Auslastung der Standort angeht. Bis zu Jahresmitte sollen dann auch die längerfristige Werkbelegung feststehen.

In Zeiten, in denen Finanzchef Alexander Seitz für den 15-Milliarden-Euro-Transformationsplan jeden Stein im Unternehmen umdreht, ist das wichtig, "Mehr Produkte, mehr Rendite, mehr Premium", verspricht der Manager, der damit allerdings mehr die Finanzmärkte im Blick hat und bekundet, dass er mit dem Ergebnis des vergangenen Jahres persönlich enttäuscht ist. 2019 sieht er als "Jahr des Aufräumens". Die "deutlichen organisatorischen Defizite", die die WLTP-Umstellung ans Tageslicht gebracht habe, kritisiert er ganz offen: "Wir haben den Stresstest nicht bestanden."

Doppelstrukturen werden aufgegeben

Seine Schlüsse aus dem durchwachsenen Jahresabschluss sind klar: "Historische gewachsene Doppelstrukturen" möchte Alexander Seitz, der ja auch als Vorstandschef im Gespräch gewesen war, auflösen. "Wenn Kollegen in den Ruhestand gehen, stellen wir den Ersatzbedarf auf den Prüfstand", sagt er. Der Umbau "wird nicht bequem", sagt der Finanzvorstand. "Wir stellen die Gewinnzone klar vor die Komfortzone."

Auf die Seite der Gewinnzone stellt er ausdrücklich die E-Mobilität. "Das größte Erlöspotenzial sehe ich in unserer Elektro-Offensive." Das liegt auch daran, dass erden CO2-Bonus der E-Tron-Flotte mit der dem Malus der Verbrenner in Sachen CO2 bei den Fahrzeugprojektrenditen verrechnen möchte. "Mit jedem Stromer vermeiden wir aktiv CO2-Strafzahlungen und damit echte Kosten."

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Bonus für die Audianer

Trotz aller Probleme sagt Vorstandschef Bram Schot: "2018 war kein verlorenes Jahr." Und: "Unsere Mitarbeiter haben für das Unternehmen hart gekämpft". Das zahlt sich auch in barer Münze aus, auch wenn der Bonus weit von den Werten der Rekordjahre vor 2015 entfernt ist und unter der Summe liegt, die die VW-Kollegen bekommen: Facharbeiter in den deutschen Werken erhalten 3630 Euro Ergebnisbeteiligung, kündigt Schot an.

Was den angekündigten Sparkurs angeht, bleibt auch der Audi-Chef allerdings im Ungefähren, erst bei der Hauptversammlung im Mai in Neckarsulm werde er ausführlicher über den Inhalt der Strategie sprechen. Vor der versammelten Presse listet er erneut die fünf Überschriften auf: China stärken, bei den Kosten ("Benchmark-Ziele") auf Wettbewerbsniveau kommen, die Marke schärfen, die Organisation formen und schließlich: Die richtigen Technologien entscheiden.

Dieselskandal darf sich nicht wiederholen

So etwas wie die Dieselkrise hätte niemals passieren dürfen, betont der Vorstandsvorsitzende. "Und so etwas wird es hier nie mehr geben. Nie mehr." Die Klärung der juristischen Sachverhalte werde aber noch weiter Zeit in Anspruch nehmen. Und was ist mit Rupert Stadler, sein Vorgänger, dessen Verhaftung im Juni das Unternehmen in die Krise gestürzt hat? "Er habe die Basis für die Produktoffensive gelegt", sagt Schot. "Er hat Audi zu einem Global Player gemacht. Das vergessen wir nicht."

Die Zukunft aber gehört anderen Themen, auch wenn längst noch nicht alle Entscheidungen getroffen sind. Einige wesentliche Punkte werden bei der Veranstaltung dennoch deutlich.

  • E-Plattformen: Anders als die VW-Konzern-Plattform MEB wird die Premium Plattform Elektro (PPE) nicht mit Wettbewerbern außerhalb des Konzerns geteilt.

  • Brennstoffzelle: Entwicklungsvorstand Hans-Joachim Rothenspieler sieht diese Technologie mittelfristig als Ersatz für den Diesel bei Langstreckenfahrzeugen. "Mittelfristig werden wie den Diesel dafür noch brauchen."

  • Modelle: Ob TT und R8 Nachfolger bekommen, ist offen. "Die Marke braucht Ikonen", sagt Bram Schot. Aber man müsse auch auf die Volumenentwicklung schauen. Den Q4 wird es nicht als Verbrenner geben.

  • China: Bis 2022 möchte Seitz, der auch China-Chef ist, dort im Jahr eine Million Fahrzeuge absetzen, etwa 400.000 mehr als im vergangenen Jahr. Damit wird die Bedeutung des längst schon größten Einzelmarktes weiter steigen.

"Wir brauchen Audi-Mitarbeiter, die keine Angst haben", sagt Bram Schot. Menschen die Mutig entscheiden und mit jeder Handlung ein Ziel verfolgen: Fortschritt." Mut und Konsequenz ("Es wird Dinge geben, die wir in Zukunft nicht mehr machen") wird er auch selbst benötigen in den kommenden Monaten, denn der Ausblick für das laufende Jahr ist verhalten: Der Umsatz soll nur leicht steigen, die operative Zielrendite, die nach neuer Rechnung jetzt neun bis elf Prozent beträgt, wird das Unternehmen voraussichtlich nicht erreichen.

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