Ferdinand Piëch: Antreiber, Technologe, Machtmensch

Neckarsulm  Er prägte Audi und VW über Jahrzehnte und setzte am Standort Neckarsulm wichtige Impulse. Die Reaktionen aus der Region zu Ferdinand Piëchs Tod zeugen von einer großen Wertschätzung gegenüber dem Ingenieur und Manager.

Ferdinand Piëch: Antreiber, Technologe, Machtmensch
Ferdinand Piëch. Foto: Andreas Gebert

Wie eine Schockwelle verbreitet sich am späten Montagabend die Nachricht vom Tod des VW-Patriarchen Ferdinand Piëch. Der 82-Jährige hatte sich zwar vor vier Jahren aus dem Aufsichtsrat der Volkswagen AG zurückgezogen, nachdem er als Vorsitzender des Aufsichtsgremiums eine empfindliche Niederlage hatte einstecken müssen. Wie so oft zuvor hatte er versucht, einen Konzernlenker mit wenigen Worten zu demontieren. "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", diktierte er der Presse im April 2015 in den Block. Doch Winterkorn brachte die Belegschaft und vor allem Wolfgang Porsche auf seine Seite - damit hatte Piëch im Aufsichtsrat keine Mehrheit mehr.

Formal hatte der Enkel von Ferdinand Porsche damit keine Funktion mehr im Konzern. Und doch war er bis zuletzt ein Machtfaktor. Vielleicht weniger gefürchtet als früher, aber weiterhin verehrt. Nach einem Abendessen mit seiner Gattin Ursula in Rosenheim brach er zusammen. In einer Klinik verstarb der Manager wenig später, der von Anfang 1988 bis Ende 1992 Vorstandsvorsitzender von Audi war und danach bis 2002 VW-Konzernchef.

Wertschätzung für einen Ingenieur, der immer bis an die Grenze ging

Im Lauf des gestrigen Tages wird die Wertschätzung deutlich, die Ferdinand Piëch trotz aller Eigenheiten entgegengebracht wird. "Ferdinand Piëch war mutig, unternehmerisch konsequent und technisch brillant", sagt etwa VW-Konzernchef Herbert Diess - Piëch hatte ihn noch von BMW abgeworben. "Technisch ist er mit seinen Entwicklerteams immer wieder an die Grenzen des Machbaren gegangen: vom ersten Ein-Liter-Auto der Welt bis zum Bugatti Veyron mit 1001 PS."

Audi-Chef Bram Schot formuliert es so: "Eine der größten Stärken von Ferdinand Piëch war, dass er sich den Namen Audi, zu Deutsch Horch, zu eigen machte und Kunden wie Belegschaft immer gut zugehört hat." Piëch habe den Traum der Automobilität sein ganzes Leben lang gelebt und sei Motor von Innovationen gewesen. "Er hat Audi zur Premiummarke entwickelt und Vorsprung durch Technik geschaffen."

"Wir danken ihm für seine Leidenschaft und seinen Mut, mit dem er Porsche zu außerordentlichen Ingenieurleistungen geführt hat", ergänzt Oliver Blume, Vorstandschef der Porsche AG. Dort hatte Piëch 1963 seine Laufbahn als Sachbearbeiter begonnen - und schnell Karriere gemacht. Die Leidenschaft für das Auto war Ferdinand Karl Piëch in die Wiege gelegt: Er ist der Enkel von Ferdinand Porsche, dem Konstrukteur des Käfers und Gründer des Sportwagenbauers. Onkel Ferry Porsche holte den Maschinenbauer nach Zuffenhausen. 1971 wurde Piëch Technik-Chef.

Ferdinand Piëch: Antreiber, Technologe, Machtmensch

Bei seiner ersten Hauptversammlung als Audi-Chef unterhält sich Piëch mit dem damaligen VW-Chef Carl Hahn (rechts). Foto: Archiv/Probst

Ein Jahr später beschlossen die Gründererben, dass sich die Familie aus der Unternehmensführung heraushalten sollte. Ferdinand Piëch musste gehen - und heuerte bei der Audi NSU Auto Union AG an, deren Sitz damals in Neckarsulm war. Kurz nach dem Zusammenschluss von Audi und NSU war das Unternehmen auf der Suche nach dem richtigen Weg. In dieser schwierigen Situation kamen die herausragenden Fähigkeiten Piëchs richtig zur Geltung: als Konstrukteur, als technischer Visionär und als Mann mit einem sicheren Blick für Talente.

Der Quattro-Antrieb, der Fünfzylinder und später der TDI-Diesel, die großen V-Motoren und nicht zuletzt der Leichtbau: Jedes einzelne dieser für Neckarsulm so wichtigen Projekte ließ Konkurrenten und Beobachter zunächst an seinem Verstand zweifeln. Und alle wurden sie zu zentralen Bausteinen des Erfolgs. "Unser Vorsprung durch Technik muss jeden Tag aufs Neue erarbeitet werden", gab Piëch der Neckarsulmer Mannschaft bei seinem letzten Besuch im Werk mit auf den Weg.

Ferdinand Piëch: Antreiber, Technologe, Machtmensch
Im V8, den Audi 1988 auf den Markt brachte, trafen Piëchs Leidenschaften für große Motoren, Leichtbau und Premium zusammen. Foto: Archiv/Stockburger

Gern gesehener Gast in Neckarsulm

In jüngeren Jahren hat er dem Standort häufig Besuche abgestattet - auch ohne großen Tross. Und schaute dabei gerne bei den Entwicklern vorbei, ob sie nicht ein paar Extra-PS für ihn parat hätten, wie der frühere Leichtbau-Chef Heinrich Timm, einer seiner Technik-Schützlinge, gerne erzählte. Wie ein kleines Kind habe sich Piëch über einen neuen Motor freuen können.

"Für den Erfolg bei Audi waren und sind Personen mit Leidenschaft für Technik und Innovationen entscheidend. Das gilt auf allen Ebenen im Unternehmen", sagt Rolf Klotz, der Vorsitzende des Neckarsulmer Betriebsrats. Er ringt gerade um die Zukunft des Werks in der Ära nach Piëch, die mit dem Tod des Patriarchen jetzt endgültig begonnen hat. "Ferdinand Piëch war von der Ingenieurskunst in Neckarsulm überzeugt", sagt Klotz, dessen Vorgänger immer einen direkten Draht nach Salzburg hatten, wo die inoffiziellen Drähte im Konzern zusammenliefen. Ein Ort der Ingenieurskunst: "Diese Rolle wollen wir weiterhin bei Audi und im VW-Konzern einnehmen", sagt der Betriebsrat.

Der Zugang zur "Salzburg", wie Piëchs Büro bei Audi gerne genannt wurde, stand längst nicht allen offen. Wer sich ohne Termin zu dem Anwesen in den Bergen oberhalb von Salzburg aufmachte, für den war vor einem schweren Eisentor Schluss. Auf dem Hof standen stets die neuesten Modelle, einige von ihnen noch nicht einmal im Handel. Weiter oben steht das Piëchs Haus im landestypischen Stil. Groß, aber nicht protzig. Was hinter den Mauern des gelben Gebäudes abläuft, bleibt verborgen. Manche technische Idee nahm hier ihren Anfang, wegweisende Entscheidungen wurden getroffen.

Auch in der Familie sind die Verhältnisse nicht einfach

Der Ehrgeiz, VW zum weltgrößten Autobauer zu machen, hat Piëch immer weiter getrieben, seine Konsequenz machte ihn aber auch einsam - selbst in der Familie. "Ich bin ein Wildschwein, ihr seid Hausschweine", soll er 1970 bei einem Familientreffen der Verwandtschaft an den Kopf geworfen haben. Gattin Ursula war zuletzt eine der ganz wenigen Vertrauten des Mannes, der den Konzern mit eiserner Hand und spitzer Zunge zu führen wusste.

Mit kurzen, markigen Sätzen hat er zahlreiche Karrieren beendet. In einem Zeitungsinterview sagte er 2001 über Audi: "Da herrscht Stillstand." Kurze Zeit später war der damalige Vorstandschef Franz-Josef Paefgen Geschichte. Unvergessen bleibt der Abend des 11. Mai 2009. Auf Sardinien stellt VW die neue Generation des Polo vor. Für Schlagzeilen sorgt aber nicht der Kleinwagen, sondern Ferdinand Piëch, der über sein Verhältnis zum damaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking parlierte. Ob der denn sein Vertrauen genieße? "Zur Zeit noch. Das noch können sie streichen." Gut zwei Monate später verabschiedet sich Wiedeking unter Tränen von seiner Belegschaft. Sein Plan, dass Porsche VW mit riskanten Finanzgeschäften übernehmen sollte, war gescheitert. Bis heute ist unklar, ob nicht Piëch selbst die treibende Kraft gewesen war.

Ferdinand Piëch: Antreiber, Technologe, Machtmensch

Am 3. April 2014 besuchte Piëch (2. v. r.) mit seiner Frau Ursula letztmals den Audi-Standort Neckarsulm. Foto: Archiv/HSt

Der Abgang folg auf ein Zerwürfnis

Am 10. April 2015 geht der Patriarch dann auf Distanz zu Winterkorn. Eigentlich galt als ausgemacht, dass Winterkorn Piëchs Nachfolger als Chefaufseher werden sollte. Wenige Monate später war auch Winterkorn Geschichte: der Dieselskandal. Ob das Zerwürfnis damit zusammenhing?

Seither machte sich Piëch zunehmend rar. Gerüchte um seinen Gesundheitszustand machten die Runde - auch die lieben Verwandten fanden nicht nur nette Worte. Gestern würdigte Familienoberhaupt Wolfgang Porsche seinen Cousin aber als außergewöhnlichen Ingenieur, Strategen und Auto-Enthusiasten.

In Neckarsulm haben sie aber noch immer Respekt vor dem Ingenieur. "Er war eine große Persönlichkeit für die gesamte Industrie", sagt etwa der Brennstoffzellenentwickler Sven Rank. "Für mich hat er eine Vorbildfunktion mit seiner Willensstärke und Ingenieurkunst. Damit hat er eine Menge bewegt."

 

Manfred Stockburger

Manfred Stockburger

Chefkorrespondent Wirtschaft

Manfred Stockburger beschäftigt sich seit 1997 intensiv mit der Wirtschaft in Heilbronn-Franken und darüber hinaus. Die rasante Veränderung der Autobranche und des Lebensmittelhandels interessiert ihn besonders, außerdem die Entwicklung der Firmen in Hohenlohe.

Alexander Schnell

Alexander Schnell

Ressortleiter Leben und Freizeit

Alexander Schnell leitet seit 1. Juni 2006 das Ressort Leben und Freizeit und ist damit für alle Sonderveröffentlichungen des Medienunternehmens zuständig. Dazu gehören unter anderem auch das Wochenendmagazin Freizeit und die Autostimme. Ein Spezialgebiet des gebürtigen Heilbronners sind alle Themen rund ums Auto und Mobilität. Darüber hinaus ist Schnell Mitglied der Chefredaktion.

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