Diese Probleme haben Mitarbeiter auf Flusskreuzfahrtschiffen

Heilbronn  Die Razzia bei einem Heilbronner Reiseveranstalter für Flusskreuzfahrten macht auf Missstände aufmerksam. Verdi kritisiert Arbeitsbedingungen der Crew und setzt auf einen Tarifvertrag mit Arbeitgebervertretern. Erste Gespräche soll es in den kommenden Tagen geben.

Von Jürgen Kümmerle
Schiff legt an
Dass die Branche der Flusskreuzfahrten brummt, kommt bei den Besatzungen auf den Schiffen nicht an. Symboldbild: dpa

Etwa 250 Zollbeamte durchsuchen in Deutschland und Österreich Büros und Schiffe eines Heilbronner Reisevermittlers. Vorwurf: Schwarzarbeit und Verstoß gegen das Mindestlohngesetz. Die Firma streitet die Vorwürfe ab. Die Razzia weist auf Missstände in der Flusskreuzfahrt-Branche hin. Die Passagierschifffahrt auf Flüssen verzeichnet einen Gästerekord. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands waren vergangenes Jahr knapp 500.000 Passagiere aus Deutschland auf Flüssen unterwegs. Ein Plus von fünf Prozent gegenüber dem Jahr 2017.

Anbietern von Flusskreuzfahrten geht es gut. Und damit auch den Mitarbeitern, will man meinen. Doch Teile der Branche sind anfällig. Immer wieder werden illegale Machenschaften aufgedeckt. Für Peter Geitmannn, Schifffahrtssekretär bei Verdi, sind das keine Einzelfälle. Die Argumentation der Arbeitgeber laute: "Weshalb müssen wir deutsche Standards einhalten, wenn wir durch Rumänien oder Ungarn fahren?"

Agenturen vermitteln Personal

Die Ermittlungen in diesem Sektor seien nicht immer einfach. Gerade im Service werde Personal von sogenannten Bemannungsagenturen bezogen. Die Beschäftigten stammen hauptsächlich aus dem asiatischen Raum und aus Osteuropa. "Wenn sich der Mitarbeiter beschwert, wird er auf eine Blacklist gesetzt." Er fliegt bei den Bemannungsagenturen raus. Auch Geitmann weiß von guten Umsatzzahlen in der Branche. "Es brummt. Das kommt nur bei der Besatzung nicht an." In den nächsten Tagen sollen erste Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite aufgenommen werden.

"Die Branche braucht einen Tarifvertrag", sagt Gerit Fietze vom Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt. Auch er weiß von Verstößen gegen das Mindestlohngesetz. "Solche Fälle sind in der Tat vorgekommen." Dabei haben die Arbeitgeber bereits jetzt die Möglichkeit, ihre Mitarbeiter 14 Stunden pro Tag zu beschäftigen. Allerdings müssen Ruhezeiten eingehalten und protokolliert werden.

Überfüllte Kabinen vorgefunden

Flusskreuzfahrten erstrecken sich oft über mehrere Länder. Um die Arbeitnehmerrechte im gesamten europäischen Raum kümmert sich auch die Europäische Transportarbeiter-Förderation (ETF) mit Sitz in Brüssel. Sie vertritt fünf Millionen Arbeitnehmer in 41 europäischen Ländern. Die vermehrt von den Philippinen und aus Indonesien rekrutierten Mitarbeiter leiden oft unter schlechten Arbeitsbedingungen, erklärt ETF-Pressesprecher Bryn Watkins.

Der Vereinigung sind Fälle von überfüllten Kabinen der Mitarbeiter bekannt. Eine Bemannungsagentur aus den Niedelanden sei wegen ihrer Methoden "nah am Menschenhandel" nach einem Gerichtsprozess geschlossen worden. "Die Mitarbeiter mussten ein Monatsgehalt als Vermittlungsgebühr an die Agentur bezahlen." Watkins hofft, dass das avisierte Gespräch mit Vertretern der Arbeitnehmerseite die Lage der Mitarbeiter verbessert.

 

 


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