Daimler-Chef will sparen und investieren

Stuttgart  Ola Källenius setzt nach schwierigem Jahr vor allem auf Elektromodelle. Ergebnisbeteiligung der Mitarbeiter und die Dividende sinken deutlich. Der angekündigte Stellenabbau kostet zwei Milliarden Euro.

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Daimler-Chef will sparen und investieren

Ola Källenius redet bei seiner ersten Bilanz-Pressekonferenz als Vorstandschef von Daimler Klartext.

Foto: dpa

Sollte Ola Källenius bei seiner ersten Bilanzvorlage nervös sein, lässt er sich am Dienstagvormittag zumindest nichts anmerken. Erst lächelt der Daimler-Chef - dunkler Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte - freundlich für die Fotografen, danach steht er breitbeinig auf der Bühne und verkündet den versammelten Journalisten im Stuttgarter Carl-Benz-Center, wie er die Marke mit dem Stern wieder auf die Überholspur bringen will. Selbstbewusst, konzentriert und eloquent präsentiert der Schwede seine Strategie, wechselt dabei immer wieder ins Englische. Klartext redet der Nachfolger von Dieter Zetsche dennoch.

"Das reicht nicht"

Källenius versucht erst gar nicht, das für Daimler-Verhältnisse miserable Ergebnis für das Jahr 2019 schönzureden. "Die finanziellen Ergebnisse wollen wir nicht in Zukunft sehen", sagt er. Auf 4,3 Milliarden Euro ist das operative Ergebnis zusammengeschmolzen - im Vorjahr, das auch nicht berauschend verlaufen war, waren es noch 11,1 Milliarden Euro. Unterm Strich bleibt den Stuttgartern ein Gewinn von 2,7 Milliarden Euro nach 7,6 Milliarden Euro im Vorjahr. "Das reicht nicht", stellt Källenius klar.

Daimler bleibt Nummer eins im Premiumsegment

Dabei lief das vergangene Jahr beim Absatz und Umsatz gar nicht schlecht für Daimler. 3,34 (Vorjahr: 3,35) Millionen Pkw und Nutzfahrzeuge hat der Konzern 2019 verkauft und damit einen Umsatz in Höhe von 172,7 (167,4) Milliarden Euro erzielt. Man habe die Spitzenstellung im Premiumbereich bestätigt, betont Källenius

Sondereffekte haben Daimler letztlich die Bilanz verhagelt. Der Dieselskandal, Rückrufe und Restrukturierungen haben den Konzern 2019 knapp sechs Milliarden Euro gekostet - ohne diese Effekte hätte das operative Ergebnis bei 10,3 Milliarden Euro gelegen, erläutert der Konzernchef.

Enttäuschende Ausschüttung

Die Beschäftigten und die Aktionäre bekommen das schwache Abschneiden von Daimler zu spüren. Die rund 130 000 Tarifmitarbeiter in Deutschland erhalten eine Ergebnisbeteiligung von bis zu 597 Euro und eine Anerkennungsprämie von 500 Euro. Im vergangenen Jahr konnten sich die Mitarbeiter noch über 4965 Euro freuen. Die Aktionäre sollen eine drastisch gekürzte Dividende von 90 Cent erhalten - 2019 gab es noch 3,25 Euro pro Daimler-Aktie. "Das ist für uns und unsere Aktionäre enttäuschend", räumt Finanzvorstand Harald Wilhelm ein.

Ola Källenius indes bekräftigt sein im vergangenen Jahr präsentiertes Spar- und Effiziensteigerungsprogramm. 1,4 Milliarden Euro an Personalkosten will er bis Ende 2022 einsparen. Wie viele Arbeitsplätze das kosten wird, sagt er nicht. Nach früheren Angaben sollen es mindestens 10 000 Stellen sein, die durch verschiedene Maßnahmen wie natürliche Fluktuation oder Aufhebungsverträge eingespart werden sollen - ohne betriebsbedingte Kündigungen. Die dafür anfallenden Restrukturierungskosten bezifferte Källenius mit zwei Milliarden Euro.

Fokussierung auf Elektromodelle

Die Wende sollen neben den Einsparungen Investitionen in neue Technologien bringen. Daimler will im laufenden Jahr den Absatz von Elektroautos und Plug-in-Hybriden vervierfachen - freilich ausgehend von einem bescheidenen Niveau. "Electric first", lautet die Devise des Konzernchefs. Außerdem soll die eigene Batterieproduktion kräftig ausgebaut werden. Zugleich will der Vorstandschef die Modellvielfalt und die Komplexität reduzieren. "Wir wollen profitabel wachsen", sagt der Schwede.

Im laufenden Jahr rechnet Källenius mit einem Absatz leicht unter dem Vorjahr und mit einem stabilen Umsatz. Der Gewinn soll deutlich über dem Ergebnis von 2019 liegen.


Kommentar: Ola Källenius muss liefern

Noch so ein Jahr darf sich Ola Källenius nicht leisten. Das weiß der Daimler-Chef selbst am besten. Ergebnisse wie 2019 werde er nicht mehr akzeptieren, kündigte der Schwede bei seiner ersten Bilanzvorlage an. Doch es ist klar, dass sich das raue Branchenumfeld nicht spürbar verbessern wird.

Der Dieselskandal ist für die Stuttgarter noch nicht ausgestanden, die Nachfrage nach Elektroautos ist nach wie vor bescheiden, und das Sparprogramm kostet erst einmal viel Geld − ebenso wie die angekündigten Investitionen in neue Technologien wie Brennstoffzelle oder den Ausbau der Batterieproduktion.

Die von Källenius eingeleiteten Maßnahmen sind sicherlich richtig, ebenso wie die forcierte Digitalisierung des Konzerns und das Ziel der CO2-Neutralität. Mag sein, dass Daimler "auf dem Weg" ist, wie der Vorstandschef immer wieder betont. Dennoch ist es fraglich, ob die schnelle Rückkehr zu früheren Renditen gelingt. Dem Schweden am Daimler-Steuer bleibt nicht viel Zeit. Viele Wettbewerber sind bei der Elektromobilität schon viel weiter als die Stuttgarter, die mit ihrem ersten vollelektrischen Modell EQC nicht zuletzt wegen Lieferproblemen deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben.

Die Stimmung im Konzern war auch schon einmal besser, der Abbau von rund 10?000 Jobs trägt sicher nicht zur Aufbruchstimmung bei, die der neue Chef verbreiten will. Und die Aktionäre werden sich kaum noch einmal mit einer Dividende von 90 Cent abspeisen lassen. Einen "Sack voll Arbeit" habe er in den nächsten drei Jahren vor sich, sagt Källenius. Bessere Ergebnisse wird er früher liefern müssen.


Jürgen Paul

Jürgen Paul

Stv. Leiter Politikredaktion

Jürgen Paul arbeitet seit 1998 bei der Heilbronner Stimme. Der gebürtige Pfälzer widmet sich der regionalen und überregionalen Wirtschaft, Schwerpunkte sind das Handwerk, die Bankenbranche, der Arbeitsmarkt und die Konjunktur.

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