Audi spart beim Management

Neckarsulm  Um kosten zu sparen, will Audi-Vorstandschef Bram Schot die Führung des Autobauers verschlanken. Er kündigte an, eine Ebene "rauszunehmen". Unterdessen pocht der Betriebsrat auf Einhaltung von Absprachen.

Von Manfred Stockburger

Tor 6 des Neckarsulmer Audi-Werks. Foto: Archiv/Mugler

Audi-Chef Bram Schot hat angekündigt, mehrere Hundert Stellen im Management zu streichen. "Wir haben heute zu viele Führungskräfte an Bord", sagte er dem "Handelsblatt". Zuletzt habe sich die Zahl der Manager stärker erhöht als die Zahl der Mitarbeiter. "Da müssen wir ran", sagte der Unternehmenslenker. Er kündigte an, eine Ebene "rauszunehmen".

Nach Stimme-Informationen soll die Zahl der Manager von aktuell 2800 sogar auf 2100 verringert werden. Insgesamt beschäftigt Audi rund 90.000 Mitarbeiter, knapp 17.000 davon in Neckarsulm.

Damit geht er auf eine Forderung der Arbeitnehmer ein: Gesamtbetriebsratschef Peter Mosch forderte in der "Süddeutschen Zeitung", dass "auch im Management Strukturen gestrafft werden − und zwar konsequent". Nicht nur die einfachen Arbeiter sollen die Last des Konzernumbaus tragen.

Weniger Modelle in Planung

Auch bei Modellen und Varianten zückt Schot den Rotstift. Galt bislang die Maxime, dass immer mehr Derivate nötig seien, streicht das Unternehmen sein Sortiment jetzt zusammen. Man habe die Komplexität um 30 Prozent verringert, sagte Schot. "Obwohl wir massiv abspecken, werden wir kaum Absatzvolumen verlieren", ist der Vorstandsvorsitzende, der seit Anfang Januar offiziell im Amt ist, überzeugt.

Bram Schot geht davon aus, dass die Nachfrage nach Elektroautos viel schneller als erwartet ansteigen wird. Nicht erst 2025 werde jeder vierte Audi ein Stromer sein, sondern schon ein oder zwei Jahre früher. "Jetzt müssen wir schauen, dass wir die Produktion dafür schnell hochfahren."

Nachtschicht beim A6

Am Standort Neckarsulm gibt es nach Stimme-Informationen trotz dieser Aussage allerdings Überlegungen, neben dem E-Tron GT vorerst nur eines statt der bislang geplanten zwei Volumenmodelle vom Band laufen zu lassen. Außerdem verzögere sich der Start, verlautet aus Unternehmenskreisen.

Gleichzeitig ist die Nachfrage nach den bestehenden Neckarsulmer Modellen weiterhin unter Druck. Die mehrfach verschobene Einführung einer Nachtschicht beim A6 wurde erneut abgesagt, ebenso der Aufbau einer zweiten vollen Schicht beim A8. Beide Modelle waren im vergangenen Jahr neu angelaufen. Von dem Modellwechsel hatte sich Audi eigentlich einen Nachfrageschub erhofft.

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Flugblatt-Aktion in Neckarsulm

Betriebsrat und IG Metall verteilten am Donnerstag Flugblätter an die Belegschaft, in denen sie Klarheit über die Zukunft der Produktionsweise einforderten. "Unsere Vereinbarung ist weiterhin gültig", sagte der Neckarsulmer Betriebsratsvorsitzende Rolf Klotz. Spätestens für Ende 2018 hatte das Unternehmen die Rückkehr in den Dreischichtbetrieb zugesagt.

Angesichts der jüngsten Verschiebung sehe der Betriebsrat die Verlässlichkeit von Aussagen des Unternehmens zunehmend auf dem Prüfstand, erklärte der Arbeitnehmervertreter. Das Unternehmen verwies in einer Stellungnahme auf die weiter geltende Beschäftigungssicherung, die bei Audi betriebsbedingte Kündigungen bis ins Jahr 2025 ausschließt.

Auslastung

Mit rund 184.000 Fahrzeugen lag der Standort Neckarsulm 2018 nochmals deutlich unter dem Vorjahreswert von 193.000 produzierten Autos . Die Kapazität beträgt bis zu 300.000 Fahrzeuge im Jahr. Größte Volumenbringer sind der A6 und der A7 sowie der A8. Außerdem werden in Neckarsulm das A5 Cabrio sowie ein Teil der A4-Limousinen hergestellt. Von den Stückzahlen her kaum ins Gewicht fällt der Sportwagen R8, der in der Heilbronner Manufaktur gebaut wird. 

 

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Über Jahrzehnte hinweg schien der Weg von Audi nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Die Transformation von der eher altbackenen zur sportlichen Marke, die auf Augenhöhe mit BMW und Mercedes fährt. Technische Highlights wie der Allradantrieb quattro, Leichtbau und vieles mehr. Dann ruhte sich die Marke auf den Erfolgen aus, statt mit Vollgas in die Zukunft zu starten. Der sprichwörtliche Vorsprung durch Technik ging verloren, der Dieselskandal kostete jede Menge Vertrauen, Image und Geld.

Apropos. Audi, das war einst die Ertragsperle des VW-Konzerns. Seit Jahren brechen Absatz und Rendite ein. Über die Jahre stiegen die Kosten statt zu sinken. Wichtige Projekte und Entscheidungen wurden in den vergangenen Jahren immer wieder vertagt. Als die Konkurrenz bereits neue Nischen besetzte, diskutierte man in Ingolstadt noch. Während andere die ersten Elektroautos auf den Markt brachten, entwickelte man bei Audi lieber Verbrennungsmotoren weiter.

Heute ist klar: Der Dieselskandal ist längst nicht mehr das größte Problem der Marke mit den vier Ringen. Zu hohe Kosten in nahezu allen Unternehmensbereichen, eine viel zu hohe Komplexität in der Angebotspalette und zugleich der Druck, die Zukunft mit alternativen Antrieben und Digitalisierung zu stemmen, führen zu einer explosiven Mischung. Man mag sich nicht vorstellen, was wäre, wenn es keine Beschäftigungsgarantie bis 2025 gäbe: Ein massiver Stellenabbau käme in der jetzigen Lage nicht wirklich überraschend. Um die Wende zu schaffen, muss Audi kräftig sparen. Weniger Führungskräfte, weniger Modellvarian-ten, weniger Schnickschnack. Das wird nicht jedem im Unternehmen schmecken. Doch alles andere als ein radikaler Umbruch mit teils harten Einschnitten und Veränderungen ist alternativlos, wenn das Unternehmen zu seiner alten Stärke zurückfinden will.

Ihre Meinung? alexander.schnell@stimme.de

 

 

 


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