Audi hat 2019 immer noch gut verdient

Ingolstadt/Neckarsulm  Audi hat heute die Geschäftszahlen für das Jahr 2019 vorgestellt. Beim Gewinn verzeichnet der Autohersteller einen leichten Rückgang. Eine verlässliche Prognose für das Jahr 2020 kann Audi angesichts der weltweiten Lage nicht abgeben.

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Audi stoppt Produktion ab Montag
Audi stoppt angesichts der Coronakrise in Kürze die Produktion. Foto: dpa

Seinen ersten großen Auftritt bei Audi hat sich Arno Antlitz sicher etwas anders vorgestellt. Zumal es am Ende gar keinen Auftritt im eigentlichen Sinne gab. Keine drei Wochen ist der 49-Jährige Finanzvorstand von Audi – nun musste er am Donnerstag für das Geschäftsjahr 2019 die Zahlen verkünden, die ihm sein Vorgänger Alexander Seitz hinterlassen hat. Die Corona-Krise machte sich auch bei der Jahrespressekonferenz bemerkbar.

Normalerweise findet die Veranstaltung im werkseigenen Museum in Ingolstadt statt, nun sollten dort die sonst anwesenden Journalisten per Livestream online zugeschaltet werden. Doch auch das fiel aus. Das Zahlenwerk wurde letztlich zugeschickt. Und obwohl Antlitz noch ganz neu im Unternehmen ist, das Geschehen bei Audi im vergangenen Jahr ist dem neuen Finanzchef freilich nicht fremd. Schließlich war er zuvor in derselben Position bei VW in Wolfsburg tätig. Zum 1. März hat er mit Alexander Seitz den Platz getauscht.

Zahl der Auslieferungen stieg weltweit

„Das war ein tougher Start“, sagt Antlitz. „Die Ausbreitung des Coronavirus beschäftigt meine Vorstandskollegen und mich intensiv.“ Aber zumindest hat ihm sein Vorgänger Seitz für 2019 ein ganz gut bestelltes Haus hinterlassen. Der operative Gewinn der VW-Tochter fiel zwar von 4,7 auf 4,5 Milliarden Euro, aber in einem insgesamt rückläufigen Markt sei das ein „sehr respektabler Wert“. Der Umsatz sank von 59,2 Milliarden Euro auf 55,7 Milliarden Euro, auch weil einige Vertriebsgesellschaften nun nicht mehr zu Audi gerechnet werden Die Umsatzrendite lag bei 8,1 Prozent (2018: 7,9 Prozent). Die Zahl der Auslieferungen stieg von 1,81 auf 1,85 Millionen Fahrzeuge weltweit.

Beim Umbau des Unternehmens komme man gut voran, heißt es aus der Zentrale in Ingolstadt. Im Rahmen des Audi-Transformationsplans will der Autobauer bis zum Jahr 2022 insgesamt 15 Milliarden Euro einsparen, um sich fit für die Zukunft zu machen. Seit 2018 hat die Marke mit den vier Ringen 4,4 Milliarden eingespart.  „Audi steht im Wettbewerb gut da. Wir haben uns 2019 auf unsere Stärken konzentriert und unser Geschäft stabilisiert“, sagt der scheidende Audi-Chef Bram Schot.

Schutz der Beschäftigten genießt höchste Priorität

2019 war zum Ende hin auch geprägt von den zähen Verhandlungen über die Zukunft. Die abgeschlossene Vereinbarung zwischen Vorstand und Betriebsrat sieht den sozialverträglichen Abbau von 9500 Stellen bis zum Jahr 2025 vor. Etwa sechs Milliarden Euro möchte das Unternehmen auf diese Weise über die Laufzeit des Vertrags einsparen und damit erreichen, dass die Rendite-Zukunft bei neun bis elf Prozent bleibt.

Nun wolle sich der Hersteller angesichts der weltweiten Corona-Krise zunächst einmal darauf konzentrieren, seine Beschäftigten, Auftragnehmer und Gäste zu schützen und in diesem schwierigen Umfeld die richtigen wirtschaftlichen Entscheidungen zu treffen. Als nächster Schritt fährt das Unternehmen, wie berichtet, bis Ende der Woche seine Produktion runter und beantragt für die deutschen Standorte Neckarsulm und Ingolstadt Kurzarbeit. Wie lange sie letztlich gehen wird, vermag heute noch keiner zu sagen. Wie auch in Zeiten der Corona-Pandemie.

Prognose für das Jahr 2020 ist derzeit nahezu unmöglich

Die Planungen gehen aber natürlich weiter. Im laufenden Jahr stellt Audi erneut rund 20 Modelle vor und setzt dabei auch die Elektrifizierung fort: Bis Ende 2020 führt der Autobauer fünf vollelektrische Modelle ein, die Zahl der Plug-in-Hybride steigt auf insgesamt zwölf Fahrzeuge. „Für die Umsetzung unserer Roadmap E zur Elektrifizierung investieren wir bis 2024 rund zwölf Milliarden Euro“, sagt Finanzchef Antlitz.

Mit einem Ausblick hält sich das Unternehmen zurück. „Die Auswirkungen der Ausbreitung des Coronavirus auf die Konjunktur und unser Geschäft sind ungewiss“, sagt der neue Finanzvorstand Arno Antlitz. „Dadurch ist eine verlässliche Prognose für das Jahr 2020 derzeit nahezu unmöglich.“ Nichts geändert hat sich daran, dass die Konzernmutter VW plant, Audi komplett zu übernehmen. In einem sogenannten Squeeze-Out-Verfahren sollen die Minderheitsaktionäre aus dem Unternehmen gedrängt werden. Volkswagen besitzt bereits 99,6 Prozent der Anteile. Bei der nächsten ordentlichen Hauptversammlung von Audi, die nach jetzigem Stand im Juli oder August stattfinden wird, soll der Übertragungsbeschluss gefasst werden.


 


Kommentar: Zeitenwende

Es gab Zeiten, in denen ein Gewinnrückgang von 200 Millionen Euro bei Audi für eine gewisse Aufregung gesorgt hätte. In Ingolstadt und in Neckarsulm ist man froh, 2019 noch 4,5 Milliarden Euro verdient zu haben. Ob Dieselskandal, Probleme mit dem Abgaszyklus WLTP oder die Unterauslastung der deutschen Werke: Audi hat sich ihm vergangenen Jahr angesichts der vielen Baustellen im Unternehmen immer noch erstaunlich gut geschlagen.

All diese Probleme erscheinen aber winzig klein im Vergleich dazu, was auf das Unternehmen nun im Zuge der weltweiten Corona-Krise zurollt. Bis heute Abend fährt das Unternehmen seine Werke herunter, ab Montag wird nicht mehr produziert, Kurzarbeit wird beantragt. Weltweit brechen die Verkäufe ein. Kein Mensch kann vorhersagen, wann wieder halbwegs Normalität einkehrt. Audi hat bereits einige Krisen hinter sich, nun aber wird das Unternehmen auf die härteste Probe seit seinem Bestehen gestellt.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob die angeschobenen Einsparungen, und die Rücklagen genügen, um den Autobauer auf Kurs zu halten. Als Glücksfall erweist sich nun, dass Audi Teil des großen VW-Konzerns ist, der strukturell und finanziell in der Lage ist, eine längere Durststrecke zu überstehen. Nun ist unter den Mitarbeitern der viel beschworene Audi-Spirit gefragt. Zusammenhalten − egal, was kommt.

 


Alexander Schnell

Alexander Schnell

Ressortleiter Leben und Freizeit

Alexander Schnell leitet seit 1. Juni 2006 das Ressort Leben und Freizeit und ist damit für alle Sonderveröffentlichungen des Medienunternehmens zuständig. Dazu gehören unter anderem auch das Wochenendmagazin Freizeit und die Autostimme. Ein Spezialgebiet des gebürtigen Heilbronners sind alle Themen rund ums Auto und Mobilität. Darüber hinaus ist Schnell Mitglied der Chefredaktion.

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