Audi-Werk Neckarsulm bleibt vorerst ein Verbrennerwerk

Neckarsulm  Das vom Vorstand schon vor zwei Jahren zugesagte E-Volumenmodell wird jetzt definitiv in Ingolstadt gebaut. Erst Mitte der 2020er-Jahre soll der Standort ein E-Modell mit großen Stückzahlen bekommen. Gleichzeitig wird die Kapazität des Standorts perspektivisch auf 225.000 reduziert.

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Eine Kernfrage der Zukunftsverhandlungen bei Audi, die jetzt offenbar abgeschlossen sind, war die Frage, welche Modelle künftig wo gebaut werden. Neckarsulm bekommt nach ersten Informationen den nächsten A4, muss die erste Generation der plattformbasierten E-Fahrzeuge aber Ingolstadt überlassen.

Hier haben wir zusammengestellt, wie sich der Standort Neckarsulm in den kommenden Jahren durch die jetzt getroffenen Entscheidungen verändern wird. Mittelfristig soll die Produktionskapazität des Standorts dadurch auf 225.000 Fahrzeuge pro Jahr reduziert werden. Bisher ist Neckarsulm auf 300.000 Fahrzeuge ausgelegt.

 

  1. A4 – ab 2023/24 exklusiv in Neckarsulm
    Fotos: Audi AG

    Ein zentraler Baustein der Zukunftsvereinbarung, dass die nächste Generation des Audi A4 (B10) abgesehen von den Modellen für den chinesischen Markt ausschließlich in Neckarsulm gebaut wird. Sie soll 2023/24 an den Start gehen – die geplanten Stückzahlen sind allerdings deutlich kleiner als diejenigen, die für den aktuelle Generation in den Büchern steht. Der A4 wird seit der Einführung der sogenannten Produktionsdrehscheibe im Jahr 2007 nicht mehr nur in Ingolstadt, sondern auch in Neckarsulm gebaut. Darüber sollte ein Ausgleich der Auslastung der beiden Standorte ermöglicht werden . Seit dem Modellwechsel im Jahr 2015 zum B9 gibt es für den A4 allerdings keinen vollständigen Karosseriebau mehr. Inzwischen läuft die Neckarsulmer A4-Linie nur noch im Einschichtbetrieb: Die Nachfrage nach dem klassischen Vertreter-Audi bleibt hinter den Erwartungen zurück.

     

  2. A5 Cabrio – Zukunft sehr unsicher
    Audi A5 Cabriolet

    Die offene Version der B-Baureihe von Audi, das A5 Cabriolet, wird auch in der zweiten Generation ausschließlich am Standort Neckarsulm gebaut. Cabrios gelten in der gesamten Branche zurzeit allerdings als wenig zukunftsträchtig. Dass es für dieses Fahrzeug einen Nachfolger geben wird, ist unwahrscheinlich.

     

  3. A6 – bekommt noch einen Nachfolger mit Verbrennungsmotor
    A6

    Als Audi 100 wurde das wichtigste Neckarsulmer Modell einst geboren, seit Mitte der 1990er Jahre heißt das Auto A6. Die achte Generation des Autos ist im Lauf des Jahres 2018 zu den Händlern gekommen - durch die Einführung des neue Abgasprüfstandards WLTP kam es allerdings zu Verzögerungen, was die Verfügbarkeit von Motoren angeht. Im Dreischichtbetrieb können bis zu 900 A6 pro Tag im Werk Neckarsulm gebaut werden, aktuell sind es allerdings deutlich weniger. Den A6 gibt es als Limousine und als Avant, als geländegängigen Allrad Quattro und als maximal motorisierten RS6. Die für den chinesischen Markt bestimmten A6-Fahrzeuge werden im chinesischen Werk Changchun gebaut. Teil der Zukunftsvereinbarung ist, dass es vom A6 eine neunte Generation geben wird, die ebenfalls in Neckarsulm vom Band laufen wird - auf einer Produktionslinie mit dem nächsten A4. Die Stückzahlerwartungen von einst sind aber auch bei dieser Modellfamilie nicht mehr zu erreichen.

  4. A7 – Zukunft offen

    Die zweite Generation des Oberklassen-Coupés A7 ist seit Frühjahr 2018 auf dem Markt. Technisch basiert das Auto wie der A6 auf dem Modularen Längsbaukasten (MLB) von Audi. Die beiden Varianten werden auch auf einer Linie gefertigt. Den ersten A7 stellte Audi 2010 in der Münchner Pinakothek der Moderne vor – der Ort war Programm. Nummer zwei präsentierte das Unternehmen im Oktober 2017 im Ingolstädter Design-Center. Wird es einen Nachfolger als Verbrenner geben? Das ist noch offen, aber nicht sonderlich wahrscheinlich.

     

  5. A8 – Nachfolger wird wohl nicht aus Neckarsulm kommen
    Audi A8

    Die S-Klasse von Mercedes und den 7er von BMW hat Audi mit der fünften Generation des A8 im Blick, der im Juli 2017 in Barcelona vorgestellt wurde. Nicht nur mit Luxus, sondern auch mit Technologie will Audi mit dem Fahrzeug punkten: Autonomes Fahren ist ein Kernthema des Fahrzeugs, dessen Entwicklung vier Milliarden Euro verschlungen haben soll. Aktuell ist die Produktion des Topmodells im Anlauf begriffen. Das erste Fahrzeug, mit dem Audi den Einstieg ins D-Segment anbahnte, war der V8, der von 1988 bis 1994 in Neckarsulm produziert wurde. Die fünfte Generation der Oberklassenlimousine leidet auf dem Markt weiterhin unter dem Umstand, dass viele Motoren wegen Abgasproblemen derzeit nicht verfügbar sind. Es gilt als sicher, dass der Nachfolger des A8 rein elektrisch unterwegs sein wird. Dieses Fahrzeug, das in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts auf den Markt kommen soll, dürfte nicht mehr in Neckarsulm produziert werden.

  6. E5 – gestrichen

    2021 sollte das erste der beiden Elektro-Modelle aus Neckarsulm auf den Markt kommen. Es handelt sich um ein Coupé-artiges Fahrzeug, dessen Positionierung der damalige Vorstandschef Rupert Stadler im Wettbewerbsumfeld zwischen dem Roadster von Tesla und dem Modell S der Amerikaner ansiedelte. Das Fahrzeug sollte auf dem gemeinsam mit Porsche entwickelten PPE-Baukasten beruhen. Angedacht war, dass dieses „attraktive Volumenmodell“ gemeinsam mit dem A8 montiert wird. Doch diese Pläne sind jetzt endgültig Geschichte: Nur das Werk Ingolstadt wird für den PPE-Baukasten eingerüstet.

  7. E7 - gestrichen

    Das zweite der beiden Neckarsulmer E-Modelle, die auf dem PPE-Baukasten beruhen sollten, hätte sich am A7 orientieren sollen – und diesen ersetzen. Montiert werden sollte das Fahrzeug gemeinsam mit der A6/A7-Familie. Schon vor der aktuellen Entscheidung hatte Audi dieses Produkt gestrichen. Stattdessen sollte ein Auto mit dem internen Namen E6 in Neckarsulm gebaut werden. Dass dieses Fahrzeug nach Ingolstadt wandert, steht jetzt fest. Der E6 wird etwas kleiner als der aktuelle A6 sein, soll aber dieselbe Zielgruppe ansprechen.

  8. R8 – kaum Zukunftschancen
    R8

    Mit dem R8 präsentierte Audi 2006 einen Porsche-Jäger, die Zuffenhausener waren damals noch nicht Teil der Konzernfamilie. Das Fahrzeug mit Mittelmotor ist die sportliche Speerspitze des Unternehmens. Bis Ende 2014 wurden von der ersten Generation gut 26.000 R8 produziert, etwa 5600 wurden in Deutschland zugelassen. Die zweite R8-Generation wird seit 2015 produziert – im Zuge des Modellwechsels zog die Fertigung in die eigens gebaute Manufaktur im Heilbronner Industriegebiet Böllinger Höfe um. In der zweiten Generation teilt sich das Auto eine Plattform mit dem Lamborghini Huracán. Was die Stückzahlen angeht, liegt der R8 allerdings weit hinter den Erwartungen. Aktuell werden pro Arbeitstag 10 der Supersportwagen produziert. Dass der R8 noch nicht gestrichen wurde, liegt vor allem daran, dass der Huracán mit an dem Fahrzeug hängt. Eine dritte Generation des R8 wird es aber mit großer Sicherheit nicht geben.

  9. E-Tron GT – bekommt ein Derivat
    E-Tron GT

    Auf der Basis des Taycan von Porsche entsteht im Heilbronner Industriegebiet Böllinger Höfe mit dem E-Ttron GT ein elektrischer Supersportwagen. Marktstart ist 2020. Neben dem Coupé soll es auch einen Avant geben. Für die Produktion des Fahrzeugs auf der J1-Plattform wird die Audi-Manufaktur in den Böllinger Höfen zurzeit großserientauglich umgebaut. Maximal vorstellbar sind Stückzahlen in der Größenordnung von 100 pro Tag, realistisch dürfte etwas mehr als die Hälfte sein. Die Auslastungsprobleme des Standorts wird der am oberen Ende der Preisskala angesiedelte E-Tron GT kaum lösen können.

  10. MEB-Elektro XYZ

    Teil des jetzt verhandelten Pakets ist die Zusage, dass Neckarsulm in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre ein Elektrofahrzeug produzieren darf, das auf dem MEB-Baukasten basieren soll. Um welches Fahrzeug es sich genau handeln wird, wurde bewusst offen gelassen, diskutiert wurde aber über die zweite Generation des Q4 E-Tron. Gebaut werden soll das Fahrzeug dort, wo aktuell der A8 produziert wird. Ein Nachfolger für dieses Fahrzeug könnte also, wenn Neckarsulm von drei auf zwei Linien reduziert wird, bestenfalls als E-Tron-GT-Nachfolger in den Böllinger Höfen laufen.

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Manfred Stockburger

Manfred Stockburger

Chefkorrespondent Wirtschaft

Manfred Stockburger beschäftigt sich seit 1997 intensiv mit der Wirtschaft in Heilbronn-Franken und darüber hinaus. Die rasante Veränderung der Autobranche und des Lebensmittelhandels interessiert ihn besonders, außerdem die Entwicklung der Firmen in Hohenlohe.

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