Ganztägiger Warnstreik: Teilnehmer wollen Nullrunde nicht akzeptieren

Heilbronn  Mitarbeiter im öffentlichen Dienst fordern beim Protestzug durch Heilbronn eine angemessene Vergütung. Stadtbusse und Kitas sind ganztägig bestreikt, auch Mitarbeiter der SLK-Kliniken sind im Ausstand. OB Mergel hofft auf eine Einigung mit Augenmaß. Bisherige Forderungen würden den Stadthaushalt schwer belasten.

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Zum Warnstreik in vier Schichten sind die ersten 120 Angestellten der Stadt Heilbronn am frühen Morgen in einem Demo-Zug durch die Straßen gelaufen. Mit Transparenten, Fahnen, rollender Musikbox und einer Trommel zogen die Teilnehmer ab 7.30 Uhr durch Austraße, Weipertstraße und Mannheimer Straße zum Kiliansplatz. Flankiert werden sie durch Streifenwagen mit Blaulicht. Für kurze Zeit bildeten sich etwas längere Rückstaus in den Straßen. Nach Polizeiangaben hat es aber keine größeren Verkehrsbehinderungen gegeben.

Kitas sind zu, Stadtbusse fahren ganztägig nicht, Beschäftigte der SLK-Kliniken und der Heilbronner Versorgungsgesellschaft sind ebenso im Ausstand wie Angestellte der Stadt Weinsberg. 800 Mitarbeiter seien im Ausstand, stellt Verdi-Bezirksgeschäftsführerin Katharina Kaupp fest. Wegen der Corona-Pandemie sind einzelne Bereiche in Protest-Schichten nacheinander gestaffelt. Mehr als 200 Streikende sollen nicht auf einmal auf dem Kiliansplatz zur Kundgebung zusammenkommen. Alle tragen Maske. 

Verdi-Landeschefin: Null Lohnerhöhung lassen wir uns nicht bieten

Hanna Binder, stellvertretende Verdi-Landesleiterin, bestärkt die Streikenden, für eine Lohnerhöhung zu kämpfen.

Kämpferisch gibt sich Hanna Binder, stellvertretende Landesleiterin von Verdi Baden-Württemberg, beim Streikauftakt der Betriebsamtmitarbeiter.  Die Arbeitgeber hätten noch kein Angebot auf den Tisch gelegt. Keine Lohnerhöhung in Corona-Zeiten? „Das lassen wir uns nicht bieten“, sagt sie auf einer kleinen Bühne. Man werde dafür kämpfen, dass Mitarbeiter im öffentlichen Dienst angemessen vergütet werden. „Miete und Nebenkosten werden auch weiter steigen.“ 

Eine Sprecherin verweist auf Druck auf Beschäftigte

Der öffentliche Dienst sei das Rückgrat der Republik „und hält das Land am Laufen“, betont Sven Göbel, Personalrat im Betriebsamt. „Wer hat denn die Berge an To-Go-Müll in der Corona-Zeit aufgeräumt?, fragt er, wer setze denn wie die Raumpfleger jeden Morgen die Hygienekonzepte in öffentlichen Gebäuden um? „Sie gehen uns an den Geldbeutel“, warnt er, fordert mehr Gleichberechtigung bei der Bezahlung. Eine Sprecherin verweist zudem darauf, dass Gebäudereinigerinnen von ihren Chefs zum Beispiel in Schulen „unter Druck“ gesetzt würden, um ihre Arbeit auszuführen. Man wolle darauf hinwirken, dass beim nächsten Mal alle mit rausgehen. 

Warum er streikt? „Wegen dem Geld. Ich möchte eine vernünftige Erhöhung“, sagt  ein 63-jähriger Angestellter. „Wir arbeiten ja auch die ganze Zeit im Freien“. Gebäudereinigerin Anna Teresa (60), die an ihrem Geburtstag beim Streik im Nieselregen dabei ist, möchte auch mehr als den bisher niedrigen Lohn erhalten. Ohne einen verdienenden Mann komme man finanziell nicht über die Runden, sagt eine Kollegin.

Passant ist nachdenklich: Deutschland habe „nicht mehr viel Geld“

Nur wenige Bürger säumen am frühen Morgen den Weg der Streikenden. Am Marktplatz schimpft ein 55-jähriger Heilbronner gegen 8 Uhr leise vor sich hin. „Corona-Zeit und streiken“, sagt er. „Das ist nicht gut.“ Deutschland habe durch die Pandemie nicht mehr viel Geld. Er wollte eigentlich mit dem Stadtbus nach Hause fahren. Jetzt gehe er eben zu Fuß.

Der Heilbronner Oberbürgermeister Harry Mergel äußert sich differenziert zu den Streikaktionen. Es sei das gute Recht der Tarifbeschäftigten, zu streiken. Streik sei ein legitimes Mittel in der Tarifauseinandersetzung. Aufgrund der erwarteten Einbrüche bei den Einnahmen der öffentlichen Haushalte „erhoffe ich mir aber, dass die Tarifpartner zu einem Abschluss mit Augenmaß kommen, der der aktuellen Lage gerecht wird“. Eine geforderte Steigerung von 4,8 Prozent bei den Tarifbeschäftigten gegenüber 2020 hätte „allein bei der Stadt Heilbronn Mehrkosten in 2021 in Höhe von 5,572 Millionen Euro zur Folge“.

Krankenschwester: Viele Mitarbeiter sind am Limit

Bei der letzten Streikrunde von Mitarbeitern der SLK-Kliniken und der Stadt Weinsberg versammeln sich gut 170 Teilnehmer mit Trillerpfeifen und Klapperfächern auf dem Kiliansplatz. Gerade die Klinik-Belegschaften arbeiteten bis zur Erschöpfung - eine Corona-Prämie aber habe es nur in Einzelfällen gegeben, stellte Hanna Binder fest. „Wir  wollen ein echtes Angebot, das den Lohn auch wirklich erhöht.“ 

In den Kliniken sei zu wenig Personal, viele Ältere würden wegen der hohen Belastung gar nicht mehr 100 Prozent der Arbeitszeit schaffen, „viele sind am Limit“, berichtet eine 43-jährige Krankenschwester. Sie arbeitet auf einer Intensivstation. Es gehe insgesamt um bessere Bedingen, „was dann auch den Patienten zugutekommt“. Um mehr Nachwuchskräfte zu bekommen, sollte die Arbeit besser bezahlt werden. So, sagt sie, könne es auf den Stationen „nicht mehr weiter gehen“.

Die nächste Verhandlungsrunde der Tarifparteien im öffentlichen Dienst ist am 22. Oktober festgesetzt. Vorher soll es in Heilbronn und andernorts noch weitere Streikaktionen geben, kündigt Verdi-Bezirksgeschäftsführerin Katharina Kaupp an. Unter anderem ist kommenden Dienstag ein Krankenhaus-Streiktag geplant.  


Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.

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