Heilbronner Allee geht seltsame Wege

Heilbronn - Promenade, Prachtboulevard, Trümmerfeld, Stadtautobahn - die Allee hat eine bewegte Geschichte. Schon bald wird auf der Heilbronner Hauptstraße ein neues Kapitel eingeläutet. Im Advent 2012 soll die Stadtbahn nach Norden einbiegen.

Von Kilian Krauth





Heilbronn - Vor 200 Jahren platzt die enge Altstadt aus allen Nähten, die Heilbronner beginnen, ihre Stadtmauern zu schleifen. Der Weg zur Allee ist frei. Die 1846 angelegte Grundgestalt des 700 Meter langen und 45 Meter breiten Boulevards überdauert sogar den Zweiten Weltkrieg: mit Flanierstreifen in der Mitte und mit Straßenbahnschienen. Erst 1959, vor genau 50 Jahren, wird die Promenade zur Stadtautobahn umfunktioniert - die heute 34.000 Autos am Tag befahren.

Neues Kapitel

Doch bald wird auf der Heilbronner Hauptstraße ein neues Kapitel eingeläutet. Im Advent 2012, pünktlich zum Fahrbahnwechsel am 9. Dezember, soll die Stadtbahn nach Norden einbiegen. Die Schienen werden in den Busspuren links und rechts am Straßenrand liegen. Neben einem neuen Radweg bleiben wie bisher vier Fahrbahnen für Autos reserviert.

Der südliche Teil der Allee ist bereits in Bewegung geraten: mit neuen Abbiegespuren zum Klosterhof-Kaufhaus und mit neuen Überwegen. Fußgänger, die vor 30 Jahren in die unterirdische Postpassage abgedrängt worden waren, dürfen die Straße wieder ebenerdig queren. Eine mit Schmetterlingsdächern ausgestattete Bushaltstelle entsteht. Fast alle sprechen von einer städtebaulichen Aufwertung. Klobigen 70er-Jahre-Vorbauten und dauernd kaputten Rolltreppen trauert kaum jemand nach. Manche Hausbesitzer ziehen bei der Umgestaltung sogar mit. Am Universum-Arthaus-Kino lässt Familie Jäger ihr stilvolles 50er-Jahre-Vordach rekonstruieren und die Post erstellt demnächst ein modernes Glasvordach.

Letzte Zeugen

Das 1933/34 errichtete Postamt No.1 übersteht die Zerstörung der Stadt am 4. Dezember 1944 übrigens als eines der ganz wenigen Gebäude. Andere, wie das Stadtbad am Wollhausplatz und das Jugendstiltheater am Nordende der Allee werden erst in den 70ern abgebrochen. Die Außenmauern der 1878 eingeweihten Harmonie prägen das Bild bis 1952.

Ein paar Schritte weiter steht an der Allee 18 bis heute noch ein historisches Gebäude. Es gilt als letzter Zeuge des klassizistischen Prachtboulevards. Gleich nach dem Krieg war es in Anlehnung an das Original aus dem Jahr 1910 im Neobarockstil wieder errichtet worden. Bauherr Ludwig Hauck (1870-1939) und Architekt Adolf Braunwald (1875-1951) zählen zu den herausragenden Köpfen der Stadt. Nun droht auch hier die Abbruchbirne. Denn der Hausbesitzer, die Volksbank Heilbronn, will das Grundstück zusammen mit dem benachbarten ehemaligen Kino neu überplanen. Die Teilnehmer eines Architektenwettbewerbs haben freie Hand. Die Bürgerbewegung Lokale Agenda 21 läuft Sturm und appelliert an das Geschichtsbewusstsein der heuer genau 100 Jahre alten Volksbank.

Vor 100 Jahren herrscht an der Allee rege Bautätigkeit. Die Ostseite wird mit Wohnvillen großzügig bebaut. Einige Firmen lassen sich an den Ecken zur Schillerstraße und zur Klarastraße nieder. Im Stadtgarten zeugen bereits Aktientheater und Harmonie vom Reichtum der aufstrebenden Stadt. Die geschlossen bebaute Westseite gehört Weingärtnern und Kaufleuten.

Wende

Moderne Akzente werden Anfang der 1930er gesetzt: mit Post, AOK und mit der Handels- und Gewerbebank. Das Nordende wird 1911 vom Jugendstiltheater gekrönt, im Süden steht die Synagoge - von 1877 bis 1938. 1944 gleicht die Adolf-Hitler-Allee einem Trümmerfeld. Nach dem Krieg werden rasch Geschäftshäuser hochgezogen. Später gilt die Straße als Kinomeile. Nachdem dem Kino-Sterben driftet sie in den 90ern ab, Spötter sprechen gar von einem Basar. Das Problem ist erkannt, die Wende eingeläutet. Und Baubürgermeister Wilfried Hajek hofft, dass die Aufwertung öffentlicher Räume bald auf Privathäuser überspringt.