Zschäpes unglaubliche Erklärung zum Heilbronner Polizistenmordfall

München/Heilbronn  Beate Zschäpe hat in ihrer Aussage ein Motiv für den Heilbronner Polizistenmord genannt. Nach dem Prozesstag gibt es erste Reaktionen aus der Region.

Von Carsten Friese, Daniel Stahl und lsw

Am 25. April 2007 hatten skrupellose Täter die Polizeibeamten Michele Kiesewetter und Martin A. in den Kopf geschossen, als diese im Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese gerade bei geöffneten Fenstern Pause machten. Foto: Archiv/HSt

Die Terrorgruppe NSU soll die Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet haben, um an deren Dienstwaffe zu kommen. Das geht aus der Aussage der mutmaßlichen Terroristin Beate Zschäpe hervor, die ihr Anwalt Mathias Grasel am Mittwoch im NSU-Prozess in München verlas.

Darin hieß es, Zschäpes Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten ihr erklärt, es sei ihnen nur um die Pistolen der beiden Polizisten gegangen, auf die sie im April 2007 geschossen hatten. Kiesewetter starb durch die Schüsse, ihr Kollege überlebte schwer verletzt. Landespolitiker in Stuttgart äußerten große Zweifel an Zschäpes Aussage. 

Im Landtag beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss seit langem mit Ungereimtheiten bei dem Mord an Kiesewetter. Zschäpes lange erwartete Aussage bringe dessen Arbeit aber nicht voran, kritisierte der Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD). Zschäpe brach am Mittwoch ihr mehr als zweieinhalbjähriges Schweigen im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München und ließ ihren Anwalt Grasel eine 53-seitige Aussage verlesen.

Zschäpe bestritt, an dem Mord in Heilbronn beteiligt gewesen zu sein. In der Prozess-Aussage hieß es, sie habe ihre Freunde nach der Tat gefragt, warum sie nicht ein Waffengeschäft beraubt hätten. Sie habe darauf aber nur Ausflüchte zu hören bekommen. Ihr sei klar geworden, dass Böhnhardt und Mundlos mit unvorstellbarer Gefühlskälte Menschen getötet hätten.
In dem zerstörten Wohnhaus waren die beiden Dienstpistolen aus dem Heilbronner Polizistenmordfall sichergestellt worden. Foto: HSt/Archiv

„Die Einlassung von Frau Zschäpe ist für mich persönlich enttäuschend“, sagte Drexler in Stuttgart. Die für Freitag mit Blick auf Zschäpes Äußerungen eigentlich geplante öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses werde nicht stattfinden. Die Angeklagte habe die große Chance einer echten Klärung vertan, betonte Drexler. Zschäpe habe nach seinem Eindruck versucht, entlang des mutmaßlich bereits Bewiesenen die eigene Rolle so klein wie möglich zu halten.

Auch das von Zschäpe angegebene alleinige Motiv für den Mord in Heilbronn überzeuge nicht. Er halte es eher für wahrscheinlich, dass der NSU die beiden Polizisten als Repräsentanten der Staatsgewalt habe treffen wollen, sagte Drexler. Auch Grünen-Obmann Jürgen Filius hegt massive Zweifel, „dass nur die Waffen das Motiv für einen Polizistenmord gewesen sein sollen“.

Die 40-Jährige bestritt auch, an den übrigen neun Morden und den zwei Sprengstoffanschlägen beteiligt gewesen zu sein, die die Bundesanwaltschaft dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) vorwirft. Böhnhardt und Mundlos hätten sie immer erst hinterher darüber informiert. Als sie davon erfahren habe, sei sie sprach- und fassungslos gewesen. Außerdem habe sie erfolglos versucht, die Männer von weiteren Taten abzuhalten. Sie selbst will nicht einmal Mitglied des NSU gewesen sein.

In ihrer Aussage entschuldigte sie sich auch bei den NSU-Opfern. „Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte“, ließ Zschäpe erklären. Die Schuld für die Verbrechen trügen allerdings ihre Freunde Böhnhardt und Mundlos.

Zschäpe ist als Mittäterin an sämtlichen Verbrechen angeklagt, die dem NSU angelastet werden, darunter die zehn vorwiegend rassistisch motivierten Morde. Mundlos und Böhnhardt starben 2011 nach einem Banküberfall.

Reaktionen

Die Heilbronner Stadtverwaltung hält sich mit Bewertungen zu Zschäpes Aussage zurück. Pressesprecher Anton Knittel sagt aber: "Die Aussagen von Beate Zschäpe haben wir zur Kenntnis genommen, insbesondere, was den Mord an Michèle Kiesewetter anbelangt. Dennoch scheint nach fast zweieinhalbjährigem Prozess mit ihren ersten Angaben unseres Erachtens nichts klarer geworden zu sein. Die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen zu bewerten, ist Sache des Gerichts."

Aus der Sicht von Wolfgang Drexler, Vorsitzender des baden-württembergischen NSU-Ausschusses, war es eine „sehr enttäuschende Aussage“. „Dass Zschäpe ihren eigenen Beitrag an den Morden auf null reduziert, ist schwer zu glauben.“ Für den Stuttgarter NSU-Ausschuss habe die Aussage „keine erheblich neuen Erkenntnisse gebracht, sagt Drexler. „Wir haben bisher ja auch keine anderen Hinweise gefunden.“

Trotzdem stellt der Landtagsabgeordnete der SPD auch neue Punkte fest, gerade zum Heilbronner Polizistenmord. Mit der Aussage Zschäpes stehe jetzt fest, dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Mord auf der Theresienwiese verübt hätten. „Die beiden waren es, das hat sie jetzt deutlich gemacht. Und man kann im Grunde nicht mehr sagen, dass es da irgendeine Beziehung zu Kiesewetter gab.“

Das von Zschäpe angegebene Motiv, durch den Polizistenmord neue Waffen zu beschaffen, überzeugt Drexler nicht ganz. Ob das das alleinige Motiv war, bezweifle er. Möglicherweise könnten jetzt Nachfragen an Zschäpe noch kleine weitere Erkenntnisse bringen. „Aber nach der Linie, die sie fährt, wird sie da eventuell auch nichts Neues sagen.“

>>Der Prozesstag im Protokoll

 

 

 

 

 

 

 


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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