Zschäpe hielt sich womöglich in Backnang auf

München/Heilbronn  War Beate Zschäpe beim Polizistenmord von Heilbronn mit ihren mutmaßlichen NSU-Komplizen im Südwesten unterwegs? Eine Zeugin soll sie gesehen haben, sagen Nebenklage-Anwälte.

NSU Prozess
Die Angeklagte Beate Zschäpe (2.v.l.) zwischen ihren Anwälten Anja Sturm (l) und Wolfgang Heer (3.v.l.). Foto: Peter Kneffel/dpa

Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe könnte sich nach Ansicht von Opferanwälten beim Heilbronner NSU-Mordanschlag auf zwei Polizisten in der Nähe aufgehalten haben.

Nach einer Zeugenaussage sei Zschäpe zur Zeit des Anschlags im Jahr 2008 im 35 Kilometer entfernten Backnang gewesen und habe dort übernachtet, heißt es in einem Beweisantrag von sechs Nebenklage-Anwälten. Die Nebenkläger beantragten am Mittwoch, eine Beamtin der „Ermittlungsgruppe Umfeld“ im NSU-Prozess zu hören. Sie könne nähere Angaben über die Aussage der Zeugin machen.

„Es gab einen Hinweis. Ob sich das bewahrheitet, lässt sich noch nicht sagen“, sagte Nebenklage-Anwältin Seda Basay nach Ende der Hauptverhandlung am Mittwoch. Die Zeugin soll sich erst im Januar diesen Jahres bei den Behörden gemeldet haben. Die „Ermittlungsgruppe Umfeld“ hat Bezüge der Neonazi-Terroristen nach Baden-Württemberg untersucht.

Zschäpe hinterließ bei ihrem Untertauchen 1998 eine Waffensammlung und eine Reichskriegsflagge in ihrer Wohnung. Das berichtete am Mittwoch ein Polizeibeamter, der seinerzeit die Wohnung der NSU-Hauptangeklagten durchsuchte. Unter anderem fanden die Ermittler eine Druckgaspistole, ein Luftgewehr mit Zielfernrohr, eine Armbrust und einen Morgenstern. Bilder aus der Einraumwohnung in Jena zeigen eine Reichskriegsflagge an der Wand.

Unter dem Sofa war ein Exemplar des Brettspiels „Pogromly“ versteckt. Laut Anklage soll Zschäpe das nach dem Vorbild von „Monopoly“ entworfene, NS-verherrlichende Spiel gemeinsam mit ihren Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hergestellt haben. Ziel des Spiels ist es laut Anleitung, deutsche Städte „judenfrei“ zu machen.

Waffenbeschaffung 

Das Gericht versuchte am Mittwoch weiter, die Waffenbeschaffung der mutmaßlichen Neonazi-Terroristen zu klären. Nach Angaben der Angeklagten Holger G. und Carsten S. sollen zwei Pistolen aus dem Jenaer Szeneladen „Madley“ stammen. Eine Waffe soll der Angeklagte Ralf Wohlleben dort erhalten haben, eine andere - wahrscheinlich die „Ceska“, mit der neun Menschen erschossen wurden - hat Carsten S. nach eigenen Angaben im Auftrag Wohllebens dort besorgt.

Der frühere „Madley“-Inhaber Frank L. hatte in seinen Vernehmungen vor Gericht gesagt, er könne sich nicht an Anfragen nach Waffen erinnern. Am Mittwoch wurden nun Kriminalbeamte vernommen, die L. im Ermittlungsverfahren vernommen hatten. Damals - so die Beamten - habe L. gesagt, dass Wohlleben öfter in dem Laden war. Es könne auch sein, dass Wohlleben ihn nach einer Waffe gefragt habe. Damit habe er ihn jedoch wahrscheinlich an seinen Angestellten Andreas S. verwiesen. Konkrete Erinnerungen hatte er ber auch damals nicht geschildert.

Der frühere NPD-Funktionär Wohlleben ist wegen Beihilfe zu neun Morden des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) angeklagt. Insgesamt werden der Gruppe zehn Morde zugeschrieben, außerdem zwei Sprengstoffanschläge und mehrere Raubüberfälle. Zschäpe ist als Mittäterin bei allen Taten angeklagt.

 

Zeugen

An dieser Stelle in der Nähe der Heilbronner Otto-Konz-Brücke will ein Zeuge gesehen haben, wie sich ein Mann am Tag des Polizistenmords Blut von den Händen wusch. Ein weiterer Mann und einer Frau mit Kopftuch hätten ihn begleitet.

 

Es gibt auch Zeugenaussagen, die Beate Zschäpe in Heilbronn gesehen haben wollen, als Michèle Kiesewetter erschossen wurde (wir berichteten). So gab ein heute 61 Jahre alter Mann aus dem Süden Heilbronns im Mai 2009 bei der Polizei zu Protokoll – zweieinhalb Jahre, bevor der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) bekannt wurde –, dass ihm am Tattag gegen 14 Uhr nahe der Otto-Konz-Brücke, nicht weit vom Tatort entfernt, zwei Männer und eine Frau mit weißem Kopftuch entgegengekommen seien.

Aus heutiger Sicht könnte es gut sein, dass die Frau mit Kopftuch Beate Zschäpe war. Auf Fotos, die von ihr in den Medien veröffentlicht wurden, ist sie immer wieder mit Kopftuch zu sehen.

Kurz bevor er damals mit den drei Personen auf dem Neckaruferweg unterhalb der Brücke zusammengetroffen ist, sei einer der beiden Männer eine Treppe zum Neckar hinuntergegangen, sagte der Zeuge damals bei der Polizei aus. Er habe gesehen, dass dieser Mann Blut an den Händen hatte und sie sich im Neckar wusch.

Er habe seine Beobachtungen nicht gleich bei der Polizei gemeldet, weil er dachte, ihm glaube niemand, gab der Zeuge im Gespräch mit der Heilbronner Stimme an. „Meine eigene Familie hat mir nicht geglaubt“, sagt er. Aber als zwei Jahre später die Ermittlungen der Polizei mit der Wattestäbchen-Panne ins Leere liefen, konnte er eigenen Angaben nach nicht mehr anders.

Die Ermittler haben den Angaben offenbar Relevanz beigemessen. Mehrfach trafen sich Kripobeamte mit ihm, hörten sich seine Schilderungen an. Kurz nach dem Auffliegen der „Zwickauer Zelle“ seien Polizisten bei ihm gewesen. Sie hätten ihm Bilder gezeigt. Ob es sich bei der Frau, die er am 25. April 2007 gesehen hatte, tatsächlich um Beate Zschäpe handelt, wollte er aber – angesichts der Fotos des Neonazi-Trios – nicht 100-prozentig bejahen. lsw/red

 


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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