Warum kaufte NSU-Kontakt ein Haus in Hardthausen?

Stuttgart  Tino Brandt, Neonazi und früherer V-Mann des Verfassungsschutzes, besaß in Hardthausen zum Zeitpunkt des Polizistenmordes eine Doppelhaushälfte. Der NSU-Ausschuss beleuchtete am Montag die Hintergründe.

Von unserem Redakteur Daniel Stahl

Der baden-württembergische NSU-Ausschuss sucht Verbindungen des NSU-Trios ins Ländle. Auch in Hardthausen gab es möglicherweise Kontakte.Foto: dpa

Bei der Suche nach möglichen Helfern des NSU-Trios befasste der Stuttgarter NSU-Ausschuss sich am Montag mit Tino Brandt. Der Neonazi und frühere V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes hatte in Hardthausen zwischen 2004 und 2008 eine Doppelhaushälfte besessen − also zum Zeitpunkt des Polizistenmordes. Brandt kannte das NSU-Trio. Die Mitglieder des NSU-Ausschusses interessierte daher, ob es einen Zusammenhang mit dem Mord geben könnte.

Überfordert

Gerhard Schmidberger war zum fraglichen Zeitpunkt Zwangsverwalter für das Haus. Er berichtete, dass Brandt die Immobilie Ende 2004 ersteigert hatte. Wohl als Strohmann für den bisherigen Besitzer Herwig L. Denn nach Aussage des Zwangsverwalters blieb L. auch nach der Versteigerung mit seiner Frau im Haus wohnen.

Brandt zahlte für das Haus gut 26 000 Euro als Sicherheitsleistung an. Das Geld soll er von L. erhalten haben. Doch die noch ausstehenden gut 160 000 Euro soll L. nie bezahlt haben. Deshalb wollte Brandt das Haus wieder loswerden, erinnert sich Zwangsverwalter Schmidberger. Ähnliches hatte Brandts Vater schon 2012 gegenüber der Heilbronner Stimme gesagt.

Ende Januar 2007 wurde das Haus geräumt. Schmidberger ist sicher, dass bis zum erneuten Verkauf im Jahr 2008 niemand das Haus unerlaubt betreten hat. Direkt nach der Räumung habe er neue Schlösser einsetzen lassen. Für das NSU-Trio konnte das Haus also eher kein Unterschlupf gewesen sein.

"Eigenartig"

Zu diesem Schluss kam auch eine Ermittlerin des Bundeskriminalamts (BKA). Sie war 2012 in Hardthausen. Dabei hatte sie unter anderem die Abwasserrechnung der Doppelhaushälfte besorgt. 2007 wurde demnach kein Wasser im Haus verbraucht. Mit Nachbarn oder Anwohnern hatte die Ermittlerin allerdings nicht gesprochen.

Das fanden die Ausschussmitglieder "eigenartig". Alexander Salomon (Grüne) wunderte sich, ob das BKA immer so vorgehe. Was, wenn das NSU-Trio im Wohnmobil vor dem Haus campiert hätte, fragte Matthias Pröfrock (CDU). Das hätte die Abwasserrechnung nicht gezeigt. Trotzdem: Es sei unwahrscheinlich, dass das Trio die Immobilie genutzt habe, sagte er. Auch Nik Sakellariou (SPD) konnte nicht erkennen, "dass wir in dem Bereich tiefere Erkenntnisse bekommen".

Offene Fragen

Aufgeklärt ist der Komplex damit aber nicht. Unklar blieb etwa, warum der Thüringer Brandt ausgerechnet für einen Mann aus Hardthausen ein Haus ersteigerte. Matthias Pröfrock erwähnte, dass Firmen der beiden miteinander zu tun hatten. Sie sollen sogar eine Adresse geteilt haben.

Am liebsten hätte der Ausschuss darüber mit dem früheren Hausbesitzer L. selbst gesprochen. Man habe ihn aber nicht erreicht, sagte der Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD). Offenbar wohnt L. inzwischen in Österreich.

Auch weitere Verbindungen der rechten Szene blieben ungeklärt: Zwei frühere Landesvorsitzende der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) kamen aus Hardthausen. Einer von beiden war 1996 auch V-Mann für den baden-württembergischen Verfassungsschutz. Später half er mit, einen neuen JN-Ableger zu gründen: In Tino Brandts Heimat Thüringen.


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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