Vor Ort werden Fragezeichen noch größer

Heilbronn/ Stuttgart  Der NSU-Ausschuss des Landtags hat sich Großes vorgenommen: Er will mehr Licht in die Ermordung der Polizistin Kieswetter bringen. Nach einer Ortsbegehung dämpfen die Abgeordneten aber die Erwartungen.

Von Daniel Stahl und Helmut Buchholz

Wer sich vor Ort ein eigenes Bild eines Geschehens macht, sieht die Dinge eigentlich klarer. Beim NSU-Untersuchungsausschuss ist es etwas anders. Für die Landtagsabgeordneten, die die Umstände des Heilbronner Polizistenmordes aufarbeiten sollen, wird das Verbrechen auf der Theresienwiese noch unfassbarer und mysteriöser. Zwei Stunden lang führt sie der frühere Leiter der Sonderkommission Axel Mögelin (41) vom Festplatz bis in den Wertwiesenpark. Immer wieder bleibt der Chefermittler an Stellen stehen, wo Zeugen blutverschmierte Personen gesehen haben. Aus den Beobachtungen entstanden Phantombilder, die die Fahnder aber nie veröffentlicht haben.

Verdächtig

Mögelin weist immer wieder darauf hin, wie schwer es teilweise war, die Zeugenaussagen zusammenzubringen. Mal wurden drei Männer, mal zwei Männer, dann nur eine Frau gesehen. Die Richtungen, in welche die verdächtigen Personen teilweise flüchteten, seien teilweise auch sehr unterschiedlich gewesen. Manche Zeugen hätten sich auch erst Jahre nach dem Polizistenmord im April 2007 bei den Fahndern gemeldet. Fazit: Es gibt viele Einzelbeobachtungen, aber "keine zwei Zeugen, deren Beobachtungen sich gegenseitig stützten. Das ist das Problem in dem ganzen Verfahren", erklärte Cheffahnder Mögelin. So sieht es auch das Untersuchungsausschuss-Mitglied, die CDU-Landtagsabgeordnete Friedlinde Gurr-Hirsch aus Untergruppenbach: "Da passt keine Zeugenaussage zur anderen zusammen."

Den Zeugen wurden nach Auffliegen der Zwickauer Terrorzelle Bilder der mutmaßlichen Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sowie der in München angeklagten Beate Zschäpe vorgelegt, berichtet Mögelin. Ergebnis: Keiner hat sie auf den Fotos wiedererkannt.

Noch ein Handicap für die Ermittler: "Wir haben für den eigentlichen Tatzeitraum keine Zeugen, die wir zweifelsfrei zuordnen können." Einige der Beobachtungen fanden auch schon vor der Tat statt. So berichtete ein Zeuge der Polizei von einem wild gestikulierenden Mann bei den Bahngleisen. Das war allerdings gegen 13 Uhr, die Schüsse auf die zwei Streifenpolizisten fielen aber eine knappe Stunde später.

Eine andere Zeugin beobachtete einen verdächtig wirkenden Mann beim Trafohäuschen, jedoch ebenfalls vor dem Mord. So kommt der frühere Soko-Leiter zu dem Schluss: "Es gibt verschiedene Puzzlestücke, aber kein stimmiges Bild."

Keine Linie

Die großen Abstände zwischen den Stellen, an denen Zeugen Beobachtungen gemacht haben, ergibt auch für den Ausschuss-Vorsitzenden Wolfgang Drexler keine Linie. "Da passt kaum eine Aussage zur anderen." So hatte ein Zeuge in mehr als zwei Kilometer Entfernung zum Tatort in der Sontheimer Straße beobachtet, wie ein blutverschmierter Mann regelrecht in einen Audi mit laufendem Motor gehechtet sei. Der Wagen brauste mit quietschenden Reifen davon. Bei der Entfernung zum Tatort stellt sich Drexler die Frage, ob ein Täter nicht schneller vom Tatort flüchten würde, als 2,5 Kilometer zum Fluchtauto zu rennen.

Solche Fragen müsse der Ausschuss in den kommenden Wochen aufarbeiten, sagt das Hohenloher Ausschuss-Mitglied Arnulf von Eyb (CDU). Er könne sich vorstellen, dass es auch Aussagen von Zeugen gebe, "die vielleicht mit der Tat gar nichts zu tun haben". Denn das ist auch sein Eindruck: Die Entfernung zwischen einigen Beobachtungen und dem Tatort sei schon sehr groß.

 

Die Geschichte der Terrorzelle NSU soll ins Kino kommen. Erzählt werde von den drei Neonazis, die in den 1990er Jahren eine Terrorgruppe gründeten, raubten, mordeten und Bomben legten, teilte Constantin Film am Montag in München mit. Grundlage für den Spielfilm ist das Buch „Heimatschutz - Der Staat und die Mordserie des NSU“ von Stefan Aust und Dirk Laabs.

Die Autoren rekonstruierten darin die Jagd nach den Neonazis und geben Einblick in den Kampf des Bundesamts für Verfassungsschutz gegen den rechten Terror, erläuterte die Produktionsfirma. Produziert wird der Streifen von Oliver Berben und Martin Moszkowicz. Die Besetzung des Films ist noch unklar.

Zusammenhang

Constantin hat bereits 2008 Austs Buch „Der Baader Meinhof Komplex“ über die Mordtaten der Roten Armee Fraktion (RAF) verfilmt. „Beide Themen haben viel miteinander zu tun: Es geht um Terrorismus, deutsche Geschichte und die Bruchstellen einer Gesellschaft. Vor allem aber um die Versuche von Polizei und Verfassungsschutz, die Gewalt zu bekämpfen und dabei eine unheimliche Allianz mit rechtsradikalen Tätern eingeht“, sagte Aust. dpa

 

 

 

 


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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