Tote Zeugin: Ermittlungen gehen in die Tiefe

Karlsruhe/Heilbronn  Es wird immer mysteriöser: Der plötzliche Tod einer Zeugin zur NSU-Mordserie lässt Gerüchte ins Kraut sprießen. Die zuletzt heftig kritisierten Behörden wollen sich diesmal nichts vorwerfen lassen.

Nach dem überraschenden Tod einer Zeugin im Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss wollen die Ermittler alle Zweifel an der Todesursache ausräumen. Nach der Obduktion, die keine Hinweise auf ein Fremdverschulden ergab, ordnete die Staatsanwaltschaft Karlsruhe weitere Untersuchungen an der Leiche der 20-Jährigen aus Kraichtal an. „Wir sind uns der Brisanz des Falles bewusst“, sagte Staatsanwalt Tobias Wagner am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Zum einen wird die Leiche auf Spuren von Medikamenten oder Giften untersucht, zum anderen wird sie mikroskopisch etwa auf Gewebeveränderungen geprüft.

Die Grünen im Bundestag forderten den Generalbundesanwalt auf, ergänzend zur örtlichen Staatsanwaltschaft zu ermitteln. „Auch der Generalbundesanwalt sollte sich einschalten und sich öffnen für ein breiteres Spektrum von Arbeitshypothesen“, sagte die für den NSU-Komplex zuständige Grünen-Abgeordnete Irene Mihalic. Nach Auffassung der Grünen soll der Blick von der alleinigen Täterschaft des NSU-Trios auf ein womöglich größeres rechtsextremes Netzwerk gerichtet werden. Der Vorsitzende des U-Ausschusses, Wolfgang Drexler (SPD), kann das Anliegen zum derzeitigen Zeitpunkt nicht nachvollziehen. Dafür müsse erst ein Bezug des Todesfalls zum NSU gegeben sein.

Lungenembolie 

Die junge Frau sei an den Folgen einer Lungenembolie gestorben, hatten Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag mitgeteilt. Das sei das vorläufige Ergebnis der Leichenschau in der Universität Heidelberg. Bei der Toten handelt es sich um eine Ex-Freundin von Florian H., einem ehemaligen Neonazi, der im Herbst 2013 in einem Wagen in Stuttgart verbrannt war. Florian H. soll gewusst haben, wer die Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn getötet hatte. Die junge Frau war vor kurzem vom U-Ausschuss in nicht-öffentlicher Sitzung vernommen worden, weil sie sich bedroht gefühlt hatte.

Der Eppinger Florian H. starb im September 2013 auf dem Cannstatter Wasen in einem brennenden Auto. Foto: Archiv/dpa

Drexler begrüßte die weiteren Analysen. Damit werde verhindert, dass Lücken für Spekulationen entstünden. Er selbst hat keinen Zweifel an den Schilderungen der Behörden. „Es ist ein sehr tragischer und bedauerlicher Fall.“ Die Polizei habe umfassend und rasch ermittelt und ihre Ergebnisse ausführlich dargelegt. Die Behörden würden aus eigenen Erkenntnissen entscheiden, wie sie weiter vorgehen. „Es bleibt abzuwarten, ob sich noch etwas Zusätzliches ergibt.“

Nach Angaben von weiteren Ausschussmitgliedern hatte die junge Frau vor dem Ausschuss aber keine konkrete Gefahr benannt. Ihr sei der Auftritt vor dem Landtagsgremium offensichtlich schwer gefallen, schilderte SPD-Obmann Nikolaos Sakellariou: „Ihr war nicht wohl dabei.“ Sie sei von ihrem Lebensgefährten begleitet worden. Ihre Beiträge vor dem Ausschuss hätten die Aufklärung nicht vorangebracht,
sagte Drexler.

Krankheitsverlauf 

Der Krankheitsverlauf der jungen Frau stellt sich den Behörden wie folgt dar: Sie habe sich am vergangenen Dienstag bei einen leichten Motorradunfall eine Prellung im Knie zugezogen. Zwar sei die Frau mehrfach ärztlich auch mit Anti-Thrombosemitteln behandelt worden, trotzdem habe diese Verletzung letztlich eine Verstopfung eines Blutgefäßes der Lunge ausgelöst. „Anzeichen für eine wie auch immer geartete Fremdeinwirkung haben sich bei der Obduktion nicht ergeben“, hieß es in der Mitteilung.

Eine Lungenembolie wird manchmal auch als Lungeninfarkt bezeichnet. Auslöser sind zumeist Blutgerinnsel (Thrombus). Eine Lungenembolie gehört zu den häufigsten nicht oder falsch diagnostizierten Krankheiten.

Der U-Ausschuss soll die Verbindungen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) in den Südwesten und mögliches Behördenversagen genauer betrachten. Den Rechtsterroristen des NSU wird der Mord an neun Kleinunternehmern ausländischer Herkunft und an der Polizistin Kiesewetter zugeschrieben. In den vergangenen Ausschusssitzungen hatten sich die Abgeordneten mit Florian H. beschäftigt, dessen Tod die Polizei für einen Suizid hält. Die Familie glaubt aber nicht daran, dass Florian sich selbst getötet hat. Die Polizei steht in dem Fall unter Druck, weil sie hier schlampig ermittelt und auch Gegenstände in dem ausgebrannten Wagen übersehen haben soll.

Der Ausschussvorsitzende Drexler sieht derzeit keinen Anlass, den Tod der Zeugin im Ausschuss zu thematisieren. Für die Aufklärung dieses Falls gebe es keinen Untersuchungsauftrag, sie werde von der Staatsanwaltschaft vorgenommen. Anders seien die Umstände um den Tod von Florian H., den der Ausschuss behandele, nachdem die Ermittlungen dazu eingestellt worden waren. Inzwischen sind sie aber wieder aufgenommen worden.

Bei der nächsten Ausschusssitzung am 13. April wird Drexler zufolge die Zeugin mit dem Tarnnamen „Bandini“ vernommen. Die Frau aus Baden-Württemberg ist eine langjährige Freundin von Florian H. Sie wurde dem Gremium durch einen Tipp der Familie des Toten bekanntgemacht. Die Familie des jungen Mannes vertraue dem Ausschuss mehr als der Polizei. lsw

 

 

 

 

 

 


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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