Theorien und Spekulationen - Motiv der unfassbaren Bluttat liegt immer noch im Dunkeln

Es fielen Schüsse wie bei einer Hinrichtung: Die Täter feuerten von schräg hinten aus kurzer Distanz in die Köpfe der zwei Polizisten, die auf der Heilbronner Theresienwiese im Streifenwagen gerade Vesperpause machten. Von Tätern und Motiv gab es keine Spur. „Wir haben keine Ahnung, was passiert ist“, sagte ein Polizeisprecher an diesem 25. April 2007. Viel weiter sind die Ermittler bis heute nicht

Von Carsten Friese

Es fielen Schüsse wie bei einer Hinrichtung: Die Täter feuerten von schräg hinten aus kurzer Distanz in die Köpfe der zwei Polizisten, die auf der Heilbronner Theresienwiese im Streifenwagen gerade Vesperpause machten. Eine Lähmung überzog die ganze Stadt. Von Tätern und Motiv gab es keine Spur. „Wir haben keine Ahnung, was passiert ist“, sagte ein Polizeisprecher an diesem 25. April 2007. Viel weiter sind die Ermittler bis heute nicht.

Blut, Schweiß, Speichel, winzige Hautreste – das ist alles, was die Polizei von jenem weiblichen Phantom hat, dessen DNA-Spur nicht nur am Streifenwagen der Beamten entdeckt wurde. Immer wieder schlugen die Datenbanken Alarm. An rund 30 Tatorten, vom einfachen Einbruch in ein Gartenhaus bis zum Mord an zwei Rentnern, taucht der Gencode der Unbekannten auf. Spuren, immer nur Spuren. Warum die 22-jährige Polizeibeamtin Michéle Kiesewetter sterben musste und ihr 24-jähriger Kollege lebensgefährlich verletzt wurde? Theorien und Spekulationen gab es viele.

Eifersucht: Von einer Beziehungstat, einem Eifersuchtsdrama, ist am Abend nach der Tat die Rede. Es ist heiße Luft. Die Polizisten hatten keine Beziehungskrisen.

Drogen: Die Drogenmafia kommt ins Gespräch. Wenige Wochen zuvor hatte die Polizei die Drogenszene im Stadtgarten ausgehoben, 28 mutmaßliche Dealer verhaftet. Von Russlanddeutschen wird die Szene beherrscht. Auch auf der Theresienwiese finden Drogendeals statt.

Lockvogel: Neue Nahrung erhält die Theorie, weil Michéle Kiesewetter zum Schein einmal einem Dealerpärchen Heroin abgekauft hatte. Vorwürfe werden laut: Wurde die junge Beamtin zum Opfer, weil sie nach dem Lockvogel-Einsatz fahrlässigerweise wieder in der gleichen Stadt unterwegs war? Die Aufregung legt sich, als die Polizei das Dealerpärchen überprüft und einen Zusammenhang ausschließt.

Gezielter Schlag: Für Wirbel sorgt Ministerpräsident Günther Oettinger, der von einem „gezielten Schlag gegen die Landespolizei“ spricht. Ein Schlag von wem? Und warum? Fakt ist, dass die Täter den Beamten Dienstpistolen, Munition und Handschellen abnahmen. Dies komme einer symbolischen Entmachtung gleich, werden Stimmen laut. Belegt ist nichts.

Clan-Streit: Die Spur der Unbekannten tauchte auch bei einer Clan-Fehde im Sinti- und Roma-Milieu im Mai 2005 in Worms auf. Stammt das Phantom aus dem fahrenden Volk?

Auto-Spuren: Bei Einbrüchen in Gartenhäuser in Kornwestheim im August 2007 finden Ermittler die weibliche DNA-Spur. In der Nähe ist ein Automarkt, auf dem sich oft Osteuropäer tummeln. Osteuropäische Autohändler sind auch beim Dreifachmord im Raum Mannheim im Januar 2008 im Spiel, als der Gen-Code der Unbekannten im Wagen eines V-Mannes entdeckt wird. Er lieferte Informationen aus der Islamistenszene an die Polizei. Wieder zwei Spuren, die hellhörig machen.

Einbrüche: Immer wieder Einbrüche in Häuser und Geschäfte, gestohlenes Geld, gestohlene Autos, entwendete Lebensmittel. Reine Beschaffungskriminalität. Mordet das Phantom vielleicht auch, um Polizeiwaffen zu Geld zu machen?

Mannweib: Von verhafteten Einbrechern kennt niemand die Unbekannte oder es will sie niemand kennen. Auch 100 000 Euro Belohnung lockern keine Zunge. Was ist das für eine Frau, vor der manche offenbar Angst haben? Ein Transsexueller, ein Mann im Frauenkörper oder die Geliebte eines Schwerverbrechers?

Dass jemand gezielt DNA-Spuren legt, ist für Heilbronns Polizeisprecher Peter Lechner abwegig. „Warum sollte jemand so etwas bei einem Gartenhauseinbruch tun?“ Das Tatmotiv für die Schüsse auf der Theresienwiese, räumt Lechner ein, „ist weiter vollkommen offen“.

Das Phantom bleibt ohne Gesicht. Doch eines fällt meist unter den Tisch: Mit zwei Pistolen wurde von zwei Seiten auf die Polizisten geschossen. Vom zweiten mutmaßlichen Mörder gibt es nicht mal eine DNA-Spur. Das ist viel weniger, als die Ermittler im Fall der mysteriösen Unbekannten in Händen halten.

Nächste Folge: Aktuelle Pressekonferenz der Polizei zum Polizistenmord

 

 

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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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