Stundenlanges Warten auf Frau Zschäpe

München/Heilbronn - Es ist ein Tag der Superlative. Zum NSU-Prozessauftakt ist das mediale Interesse riesig, die Sicherheitsvorkehrungen enorm. Vor dem Gerichtsgebäude warten einige seit Sonntag. Unter ihnen unser Kollege Carsten Friese.

Von Carsten Friese

 

Stimme-Redakteur Carsten Friese am frühen Montagmorgen im Zelt vor dem Justizgebäude.
München/Heilbronn - Es ist ein Tag der Superlative. Zum NSU-Prozessauftakt am heutigen Montag ist das mediale Interesse riesig, die Sicherheitsvorkehrungen enorm. Vor dem Gerichtsgebäude warten einige seit Sonntag. Unter ihnen Stimme-Redakteur Carsten Friese. Sein Erlebnisbericht:
 
 
10.20 Uhr
 
Beate Zschäpe ist da. Als erste der Angeklagten betritt die 38-Jährige den Gerichtssaal, dreht nach wenigen Momenten der wartenden Fotografenschar den Rücken zu. Schwarzes Sakko, weiße Bluse, Schwarze Hose, ihr Gesicht wirkt blass. Rasch scharen sich ihre drei Anwälte um sie, wie eine Art menschlicher Schutzschild vor den Medien. Die Opfer des Terrortrios NSU hatten solch einen Schutz nicht. 
 
9.30 Uhr
 
Geschafft! Nach viereinhalb Stunden in der Schlange ist die Sicherheitsschleuse überwunden. Ich bin auch ohne Sitzplatzkarte auf der Zuhörertribüne des NSU-Prozesses angelangt - und darf mein Smartphone bis zum Prozessstart sogar noch benutzen. 
 
Rentner Helmut S., der die ganze Nacht vor dem Eingang ausgeharrt hat, sitzt neben mir und macht ein Nickerchen. Der erste Eindruck vom Gerichtssaal unten mit den knallorangefarbenen Sitzen für Angeklagte und Verteidiger: Ist der klein! Da ist der Heilbronner Schwurgerichtssaal ja ein Luxus an Geräumigkeit.
 
Unten und oben auf der Tribüne sind überall Polizisten verteilt. Auf dem Flur ist ein Trinkwasserspender samt Plastikbechern aufgebaut. Es tut gut, nach fünf Stunden wieder etwas zu trinken.
 
In einer halben Stunde sollen Beate Zschäpe und die vier weiteren Angeklagten auf ihren Stühlen Platz nehmen. Der Mammutprozess gegen die rechtsextreme Terrorbande, die eine beispiellose Blutspur durch Deutschland zog, kann beginnen.
 
 
8.30 Uhr
 
Im Gerichtssaal rund eine Stunde vor Prozessbeginn.
Kurz vor Beginn des Prozesses um 10 Uhr herrschen vor dem Strafjustizzentrum scharfe Sicherheitsvorkehrungen. Zahlreiche Polizeibeamte sind rund um das Gebäude im Einsatz, selbst Fahrräder dürfen nicht direkt vor dem Gebäude abgestellt werden. Im Gerichtssaal bringen sich die Medienvertreter in Stellung.
 
6 Uhr
 
6 Uhr in der Schlange: Der große Ansturm bleibt aus. 35 Wartende stehen vor dem Haupteingang des Gerichtsgebäudes, für 15 weitere wären noch Plätze im Gerichtssaal vorhanden. Wo sind die interessierten Bürger bei diesem bedeutenden Prozess? Übersättigt von den vielen Medienberichten?
 
Vielleicht hätten sich viele von Berichten über die hohen Sicherheitsvorkehrungen abschrecken lassen, sagt Ralf Isermann, ein Münchener Journalist. "Beim Demjanjuk-Prozess war um diese Zeit die Hölle los." Was ihn freut: Rechte sind nicht zu sehen, die auf die Zuhörertribüne drängen.
 
Spiegel-Reporterin Gisela Friedrichsen (Mitte).
In der Reihe nebenan tröpfeln langsam die Journalisten mit fester Sitzplatzkarte ein. Spiegel-Reporterin Gisela Friedrichsen ist darunter. Sie rechnet nicht damit, dass am ersten Tag inhaltlich viel passiert. Bei der Masse an Anwälten werde der Vorsitzende Richter alle erst einmal zu Wort kommen lassen. Mit dem Verlesen der Anklageschrift rechnet sie heute noch gar nicht, wohl aber mit ersten Befangenheitsanträgen. "Aber über diese", sagt die erfahrene Gerichtsreporterin, "muss das Gericht ja nicht gleich entscheiden."
 
Noch gut eine Stunde. Ein Kollege kommt vom Bäcker mit belegten Brötchen und Cola zurück. Ich verkneife mir noch, einen Schluck aus der mitgebrachten Wasserflasche zu nehmen. Die Blase drückt noch nicht. Und das soll auch so bleiben.
 
4 Uhr
 
Gruppentreffen für Frühaufsteher: Um 4 Uhr morgens ist das große Zelt vor dem Münchener Justizzentrum noch spärlich gefüllt. Rund 20 Menschen stehen oder sitzen zwischen den Absperrbaken in der Zuschauerschlange für den Zschäpe-Prozess, wollen unbedingt in den Gerichtssaal.
 
Die Nacht war verdammt kurz. Doch jetzt überwiegt das gute Gefühl, aller Voraussicht nach einen Platz zu ergattern - wenn die Blase hält. Noch sind es drei Stunden, bis die Gerichtstore öffnen. Getrunken habe ich heute morgen nichts.
 
0 Uhr
 
Sicher ist sicher. Ein Flutlichtstrahler erhellt die Szenerie im Zelt. Yahya E. (25) ist Nummer 6 in der Schlange. Um Mitternacht kam der Student, ein türkischer Staatsbürger, her, will unbedingt die Emotionen im Gerichtssaal erleben. Es ist sein erster Strafprozess. Er erhofft sich ein "ehrliches und gerechtes Urteil" in der Mordserie, die so viel Leid über Familien gebracht habe. "Es hätte jeden von uns treffen können." 
 
Die Nummer 1 in der Warteschlange, Rentner Helmut S.
Die Nummer 1 in der Schlange ist Rentner Helmut S. (68). Sei Sonntag, 13.30 Uhr, ist er schon hier auf dem Platz, will sehen, wie die Münchener Justiz nach den Pannen im Vorfeld agiert. "Das Gericht ist nervös, und unter Druck, weil viel internationale Presse da ist." Er hat keine Sekunde geschlafen. "Das macht mir nicht aus." Er ist skeptisch, ob Beate Zschäpe verurteilt wird. "So sicher bin ich mir bei unserem Gericht nicht", sagt der Münchner.
 
Toiletten? Fehlanzeige!
 
Noch zweieinhalb Stunden bis zur Öffnung des Gerichtsgebäudes. Was er tut, wenn er mal auf Toilette muss? Mobile Toiletten stehen nirgends bereit. "Spazieren gehen", sagt der Rentner schmunzelnd. Er ist die Nummer 1 in der Schlange, er ist bekannt und viel gefragt bei den wartenden Journalisten. Er wird seinen Platz auf jeden Fall wieder zurückbekommen. Nach 15 Stunden, die er schon hier ausharrt, ist das Ehrensache für alle Mitwartenden. 
 

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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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