Rechte Szene: Wer war damals Gast im Bayernkeller?

Heilbronn  Bei der Aufklärung des Terrors, den Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) verbreitet haben, führt eine Spur in die Heilbronner Nordstadt. Sie versandet. Doch was bleibt, sind Fragen.

Von Heike Kinkopf

In den frühen 1970er Jahren gehen die Partys in einer Art Hobbykeller in der Heilbronner Nordstadt los. Es entwickelt sich ein Treffpunkt für Neonazis.Foto: Archiv/Kempf

Wie vernetzt die rechte Szene ist, zeigt sich klar. Ebenso deutlich wird, wie mühsam die Aufklärung ist.

In einem privaten Hobbykeller in Heilbronn trifft sich in den 80er und 90er Jahren die rechte Szene. Im sogenannten Bayernkeller verkehren nicht nur Fußballfans. Im Schnitt kommen rund 30 Personen über Jahre hinweg vor allem freitags zum Feiern, darunter Neonazis und Mitglieder des Motorradclubs Die Arier Heilbronn. Der Staatsschutz beobachtet den Treff.

Gibt es Verbindungen von den Kellerbesuchern in Heilbronn zum NSU-Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt? Die Bundesanwaltschaft macht die Drei für neun Morde und den an der Polizistin Michèle Kiesewetter verantwortlich.

Drei mögliche Neonazistreffs 

Hatten die Terroristen also Kontakt zu Menschen in Heilbronn? Möglich. Bewiesen ist nichts. Eine Kriminalhauptkommissarin des Landeskriminalamts (LKA) nennt im Prozess gegen Beate Zschäpe in München drei Neonazitreffs in Baden-Württemberg: einen Keller in Ludwigsburg, eine Gaststätte in Stuttgart und den privaten Bayernkeller in Heilbronn. In den drei Treffs hätte sich immer eine ähnliche Personengruppe aufgehalten.

Viele Namen tauchen bei den komplexen Ermittlungen zum NSU-Terror immer wieder auf. Es gibt Bilder und Zeugen. Sie belegen, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe den Ludwigsburger Keller besuchten. Keine Beweise, nur Aussagen gibt es, dass Mundlos und Zschäpe auch im Heilbronner Szenetreff waren. Die LKA-Beamtin sagt im Zschäpe-Prozess: Viele Zeugenaussagen stimmen nicht völlig überein und objektive Beweise fehlen.

Erinnerungslücken beim Besitzer

Licht ins Dunkel könnte der 61 Jahre alte Bernd P. bringen. Er ließ die Gäste in seinem Keller in der Heilbronner Nordstadt feiern. Seinen Angaben zufolge besteht der private Treff von Anfang der 70er bis Anfang der 90er Jahre. Bei der Befragung im NSU-Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags kommt wenig Konkretes heraus. Wer genau zu den Gästen von P. gehörte? "Ich kann mich nicht erinnern", ist eine häufige Antwort.

Die Arbeit im Untersuchungsausschuss verläuft zäh. Zeugen wollen selten dazu beitragen, "dass sich der Nebel, die Verflechtungen, lichtet", sagt Susanne Bay. Die Heilbronnerin sitzt für die Grünen im Landtag und gehört dem Ausschuss an ebenso wie Heilbronns FDP-Abgeordneter Nico Weinmann. Bay wundert sich im Nachhinein, "wie gut vorbereitet" sich Bernd P. im Ausschuss präsentiert. "Er wirkte aalglatt, konzentriert und bemüht, nicht allzu viele Infos preiszugeben", sagt Weinmann.

Ausschussvorsitzender Wolfgang Drexler (SPD) konfrontiert P. mit Namen, die im Zusammenhang mit dem NSU stehen. Zum Beispiel Torsten O.. Er stammt aus Heilbronn, war V-Mann des baden-württembergischen Verfassungsschutzes, Tarnname "die Erbse". Bernd P. kennt den Namen. Zeugen geben an, O. hinter der Theke des Bayernkellers gesehen zu haben. Auch habe dieser sich gegenüber der Polizei als zuständig ausgegeben. P. widerspricht.

Bernd P. weiß von einer "1000-Liter-Party" in Heilbronn. Ermittlungen zufolge sollen NSU-Kontaktpersonen aus Ostdeutschland mitgemacht haben. Der Verfassungsschutz spricht von 100 Teilnehmern aus der rechten Szene. Bernd P. bezeichnet sie als "Personen aus der Mitte der Gesellschaft".

Über einen Motorradclub ist wenig bekannt

Kaum Kenntnisse gibt es zum Motorradclub Die Arier Heilbronn. Ob das Landesamt für Verfassungsschutz den Club seinerzeit beobachtet, "lässt sich mit einem zeitlichen Abstand von mehr als 30 Jahren nicht mehr feststellen", teilt die Behörde schriftlich auf Stimme-Anfrage mit. Sollte es Akten gegeben haben, müssten diese gemäß der Löschfristen bereits vernichtet sein.

Die rechte Keller-Szene in Heilbronn bleibt im Dunkeln. Von Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Aktivisten berichtet die Heilbronner Stimme in ihrer Ausgabe vom Oktober 1989. Es kommt zu einer Schlägerei, Schüsse aus einer Schreckschusspistole fallen.

Elke Bauschert, damals Inhaberin der Kulturkneipe Club Pan in der Nordstadt, erinnert sich an den rechten Treff in ihrer Nachbarschaft. An die "eher unauffälligen Typen" die sich im Bayernkeller treffen, dort Bier trinken und dann losziehen, um Leute zu belästigen, darunter auch ihre Gäste.

Lokalpolitiker kennen den Keller nicht

Heilbronner Lokalpolitiker können mit dem Bayernkeller in der Nordstadt offenbar wenig anfangen. Alfred Dagenbach zieht Ende der 80er-Jahre für die Republikaner in den Gemeinderat ein. Vom damaligen Szenetreff habe er erst durch den Bericht der HSt erfahren, sagt er − ihm scheint der Bayernkeller eine "recht geheime Geschichte" gewesen zu sein. Grüne der ersten Stunde sind ebenfalls ahnungslos. Wolf Theilacker steht mit seiner Meinung nicht alleine da, wenn er sagt: Die rechte Gruppierung von damals sei anscheinend nicht in der Öffentlichkeit tätig gewesen.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Torsten O. sei verstorben. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen. 

 

 

 


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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