Polizistenmord: Spur führt zu Bruderfehde (19.06.07.)

DNA-Muster auch bei Wormser Clanstreitigkeiten entdeckt - Hinweise auf Drückermilieu

Polizistenmord: Spur führt zu Bruderfehde
Trauer um Michéle Kiesewetter: Endlich hat die Heilbronner Sonderkommission eine heiße Spur, die zu ihren Mördern führen könnte.Foto: dpa

Heilbronn - Die Liste der Verbrechen wird immer länger und mysteriöser: Was hat das von Ermittlern als weiblich, drogensüchtig und kaltblütig beschriebene Phantom mit einem blutigen Bruderzwist in einem Familienclan von Sinti und Roma zu tun? Auf diese Frage haben die Ermittler noch keine Antwort.

Tatsächlich fand sich der genetische Fingerabdruck der gesuchten Serientäterin nicht nur an dem Streifenfahrzeug, in dem am 25. April Michéle Kiesewetter (22) und ihr Kollege (25) beim Mitagessen im Auto von mindestens zwei Tätern mit Kopfschüssen niedergestreckt wurden. Die gleiche DNA-Spur findet die Polizei seit 1993 außer an 22 weiteren Tatorten auch bei der Spurensicherung nach dem Schuss, den der jüngere auf seinen verhassten älteren Bruder am 5. Mai 2005 in Worms abgegeben hat. Das Motiv: Seit Jahren streiten sich die beiden über die Vorherrschaft in der in ganz Deutschland verzweigten Sippe mit 200 bis 300 Mitgliedern. Als der ältere Bruder auch noch bei der Pflege des väterlichen Grabes bevorzugt wird, explodiert der Frust des Jüngeren und macht sich in dem Schuss Luft. Das Landgericht Mainz verurteilt ihn zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis.

Der Fall fällt aus dem Rahmen des Bildes, das sich die Fahnder bisher von der mysteriösen Frau gemacht haben. Ihre Spur verfolgen sie seit 14 Jahren. Die Bandbreite der Taten ist ebenso groß wie der Radius, in dem sie sich bewegt. Agiert hat sie in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Österreich und wahrscheinlich Frankreich - mit mehreren Partnern.

Erstmals werden DNA-Spuren von der Frau bei einem Mord an einer Rentnerin in Idar-Oberstein im Jahr 1993 gefunden. Die gleiche DNA-Spur stellen Ermittler acht Jahre später bei dem Mord an einem Frührentner in Freiburg fest. Nach mehreren Einbrüchen in eine Laubenkolonie bei Mainz findet die Polizei in einem geknackten Wohnwagen Reste eines Kekses. Die genetischen Spuren an den Tatorten Idar-Oberstein, Freiburg und Mainz stimmen überein. In beiden Mordfällen vermutet die Polizei eine Drogenabhängige aus dem Drückermilieu. Sowohl in Freiburg als auch in Idar-Oberstein waren vor den Verbrechen Werberkolonnen unterwegs, die an Haustüren Zeitschriften verkauften. Die weiteren Verbrechen reichen von klassischer Beschaffungskriminalität wie dem Diebstahl einer Gitarre in Innsbruck im Jahr 2004, dem von Geld, Sonnenbrillen und einem Notebook Anfang März 2007 in Linz bis hin zum Diebstahl exklusiver Motorräder auf einer Raststätte im Salzkammergut.

Weite Kreise Zur bisher einzigen Spur der Serienverbrecherin, die nach Heilbronn führt, macht die Staatsanwaltschaft keine weiteren Angaben. Am Tankdeckel eines in Heilbronn gestohlenen Nissan, der nach sechs Wochen im Februar 2004 wieder auftauchte, fanden die Ermittler DNA-Spuren der mysteriösen Unbekannten. Im Zusammenhang mit dem Autodiebstahl wurde ein Mann zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Nähere Angaben über ihn machen die Ermittler nicht. „Wir haben nur die DNA-Spur am Fahrzeug, wir wissen nicht, ob der Mann das Phantom kannte“, sagte Pressestaatsanwältin Michaela Molnar. Der Mann werde sicher als Zeuge gehört. Und über Zeugen mache man keine Angaben.

Unterdessen hat die Heilbronner Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen möglichen Geheimnisverrats eingeleitet. Über die Spur der Serientäterin hatte eine Boulevardzeitung mit dem Verweis auf „hohe Polizeikreise“ erstmals berichtet. Nach HSt-Informationen sind aktuelle Ermittlungsergebnisse in dem Fall jedoch bundesweit an viele Dienststellen gegangen. Viele Polizeibeamte hatten dieses Insiderwissen. mut,mth,cf,

Hintergründe und Videos.


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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