Polizistenmord: Gastwirt verneint Mithilfe

Stuttgart/Heilbronn  Mit Spannung war der Auftritt eines Zeugen aus dem Heimatort der ermordeten Polizistin Kiesewetter am Montag im NSU-Untersuchungsausschuss erwartet worden. Der 40-Jährige verneinte, dass es irgendwelche Verbindungen gebe.

Von unserem Redakteur Carsten Friese

Polizistenmord: Gastwirt verneint Mithilfe
Löste viele Spekulationen aus: ein Landgasthof im Heimatort der ermordeten Michèle Kiesewetter. Bis wenige Wochen vor ihrem Tod betrieb ein Gastwirt das Lokal, der früher Verbindungen zum NSU-Trio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe hatte. Foto: dpa

Er kannte alle drei Hauptpersonen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU): Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt von der jugendlichen rechten Szene im Jena, mit Beate Zschäpe war er um das Jahr 1998 ein paar Monate liiert; sein Schwager ist zudem der im Münchener Neonazi-Prozess als NSU-Unterstützer Mitangeklagte frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben. Ausgerechnet in Oberweißbach, dem Heimatort der in Heilbronn ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter, betrieb David F. (40) bis wenige Monate vor dem Mordtag im April 2007 ein Lokal. Und da soll es keine Querbezüge zur Tat auf der Heilbronner Theresienwiese geben?

Nicht gekannt

Mit Spannung war der Auftritt des Zeugen am Montag im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags erwartet worden. Der 40-Jährige verneinte, dass es irgendwelche Verbindungen gebe. Er habe weder Michèle Kiesewetter gekannt noch seien Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe jemals in seinem Lokal gewesen. Das letzte Mal habe er sie vor ihrem Untertauchen im Jahr 1998 gesehen − danach nie mehr.

Dass es 2006 in seinem Lokal eine NPD-Veranstaltung gab, räumte er ein. Einen Button "Solidarität für Wolle" auf seiner Facebookseite − ein Statement zur Unterstützung des Angeklagten Wohlleben − ebenfalls. "Es ist mein Schwager." Er habe sich aber nie aktiv an politischen Veranstaltungen der rechten Szene beteiligt, habe in jungen Jahren der Spaßfraktion, nicht "der Scheitelfraktion" der Aktivisten angehört.

Die Beate Zschäpe, die er damals kannte, sei "ein Lebemädchen", gewesen, sie habe Spaß gesucht. Vom NSU will er erstmals beim Auffliegen der Terrorzelle 2011 gehört haben. Glaubwürdige Angaben? Für den Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler gibt es im Vergleich mit F.s Angaben bei der Polizei keine Hinweise, dass der Zeuge "uns etwas verschweigt". CDU-Obmann Matthias Pröfrock verwies auf mehrere Zeugenangaben im Komplex rechte Szene und Gasthof in Kiesewetters Heimatort. Es gebe "keine Bestätigung" für diese These.

Bei der Auswertung der Funkzellendaten im Umfeld des Tatorts in Heilbronn fanden die Ermittler keine Hinweise auf bekannte Mobiltelefone des NSU-Trios. Hinweise auf andere Personen − zum Beispiel Heilbronner Hells Angels − haben nach Angaben eines Experten des Landeskriminalamts nicht weiter geführt. Als später Bundeskriminalamt und Europol sogenannte Paralleltreffer der Datensätze zur organisierten Kriminalität aus Osteuropa übermittelten, prüften die Ermittler diese jedoch nicht weiter nach. Man habe "andere Prioritäten gesetzt", sagte der Zeuge. Aus heutiger Sicht ist dies für Ausschusschef Wolfgang Drexler überraschend. Zumal die Ermittler damals keine Hinweise auf konkrete Täter hatten.

Ominöse SMS

Geklärt ist offenbar eine ominöse Handynummer, die in einer Verbindungsliste vom Tattag acht Mal als SMS-Eingang Kiesewetters Handy zugeordnet wurde. Es war eine Service-Nummer vom Betreiber 02, die wohl acht SMS ihres neuen Freundes auflistete. "Das waren viele SMS", bestätigte der 28-jährige Polizist gestern als Zeuge. Man habe sich geschrieben, "wie sich unsere Gefühle füreinander entwickelt haben". Am Wochenende zuvor hatte die 22-Jährige bei ihm übernachtet.

Zeichen für eine Bedrohung oder ein komisches Verhalten bemerkte er bei ihr nicht. "Wir hatten ein schönes Wochenende." Drei Tage später war sie tot.


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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