Phantom verbreitet Unbehagen und Angst

Die mutmaßliche Polizistenmörderin hatte bei Einbruch Glück, nicht entdeckt zu werden. Warum tauchte sie gerade in Niederstetten auf ? Das fragen sich sowohl die Ermittler der Heilbronner Soko, als auch die Bewohner des 6000-Einwohner Städtchens im Hohelohischen.

Von Helmut Buchholz

Eine Passantin nimmt den Tatort in Augenschein: Das Phantom und seine Komplizen sind durch das jetzt mit einem Brett gesicherte Fenster gestiegen.Foto: Buchholz

Niederstetten/Heilbronn - Der Nachbarin läuft es eiskalt den Rücken herunter. „Mir wird erst jetzt klar, in welcher Gefahr wir alle waren.“ Ihr Schlafzimmer liegt Luftlinie rund 25 Meter von dem stillgelegten Hallenbad in Niederstetten entfernt, in dem eine der kaltblütigsten Verbrecherinnen der deutschen Kriminalgeschichte in einer Osternacht schlief. „Eigentlich höre ich jedes Geräusch vor meinem Fenster.“ Nur in der Nacht zum 23. März unterbrach nichts die Nachtruhe. Ausgerechnet. Fast drei Monate später, nach der Analyse von Blutresten, die die Spurensicherer am Tatort fanden, ist klar: Die „Frau ohne Gesicht“, nach der ganz Europa seit 15 Jahren wegen zahlreicher Straftaten fahndet, darunter der Heilbronner Polizistenmord, war hier in der Hohenloher Provinz.

Mulmiges Gefühl

Auch einige Kirchgänger im Ort sprechen von einem mulmigen Gefühl. Die Kirche St. Johannes, Bücherei, Schule und Turnhalle: alles Nachbargebäude des Hallenbades. Die Serientäterin suchte sich diesmal kein besonders abgelegenes Quartier. Selbst in Zaisenhausen und Hollenbach, Niederstettener Nachbardörfer im Hohenlohekreis, verbreitet das Phantom nun Unbehagen. Eine ältere Dame, die erst gestern in der Hohenloher Zeitung von der DNA-Spur erfahren hat, sagt: „Hoffentlich fangen sie das Luder bald.“

Warum Niederstetten? Das fragt sich nicht nur die Heilbronner Polizistenmord-Soko. Oliver Käss hat auch keine Erklärung. „Einbrüche? Diebstähle? Das gibt es bei uns so gut wie nicht“, sagt der Leiter des städtischen Betriebsamtes. Niederstetten ist ein friedliches Örtchen. Die Autobahn ist weit weg, es gibt kaum Kriminalität, nur wenig Vandalismus. Käss ist zuständig für die Liegenschaften der 6000-Einwohner-Stadt – und kontrolliert nachts einige Häuser wie das wegen technischer Mängel 2001 geschlossene Bad. Nur an Ostern nicht. Der Grund: Die Judo-Abteilung des Sportvereins hatte in dem Anbau ein Trainingslager aufgeschlagen. Sie übten normalerweise bis 22 Uhr. Am Samstag aber nur bis 18 Uhr. Am Sonntagnachmittag entdeckten die Judoka die Einbruchspuren und dachten zunächst an einen Lausbubenstreich. Bis die DNA-Analyse vorlag. Da war das Phantom längst wieder über alle Berge.

Käss wundert sich über den Dilettantismus der Einbrecher. Sie zerschlugen den oberen und nicht den zum Einsteigen besser geeigneten unteren Teil des Fensters. Möglich, dass sie in der Dunkelheit in den tief liegenden Raum stürzten und sich die mysteriöse Unbekannte dabei verletzte. Zum Aussteigen rückten sie jedenfalls eine Turnbank zurecht, sonst wären sie nur mit Mühe wieder herausgekommen. Auf dieser Bank fanden sich die Blutreste. Käss berichtet, dass sie mit bloßem Auge zu sehen waren.

Hinweise

Warum suchte sich die mutmaßliche Heilbronner Polizistenmörderin ein Nachtquartier in Niederstetten - 75 Kilometer von Heilbronn entfernt? Eine Theorie: Sie kennt den Ort, weil sie zeitweise mit dem Schaustellergewerbe zu tun hat. An dem großen Platz vor dem stillgelegten Hallenbad in der Stadt im Main-Tauber-Kreis findet im September immer das Herbstfest statt - mit Zelt und Kirmes. Es ist das größte Fest am Ort und dauert mehrere Tage. Auch die Theresienwiese ist der Heilbronner Festplatz. Während des Polizistenmordes am 25. April 2007 bauten Helfer gerade das Maifest auf. Diese mögliche Verbindung prüfen die Fahnder. „Ansonsten gibt es im Fall Niederstetten keine neuen Erkenntnisse“, sagt Jürgen Witt, Sprecher der Heilbronner Polizei. Die Ermittler erhoffen sich mehr Hinweise und veröffentlichen einen Aufruf im Amtsblatt der Kommune.




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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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