Rechtsmediziner: DNA an Stäbchen ist immer möglich

Heilbronner Polizistenmord - Der Münsteraner Rechtsmediziner Professor Bernd Brinkmann hatte die Theorie bereits im Dezember öffentlich geäußert: Die fieberhaft gesuchte Phantomfrau könnte eine Luftnummer sein, wenn eine unachtsame Produktionsmitarbeiterin Ermittlerzubehör mit eigenen DNA-Spuren verunreinigen.

Von Andreas Tschürtz und Carsten Friese

Falsche DNA-Spuren? Polizei weist Theorie zurück

„Dann würde man nach einer Mörderin suchen, die gar keine ist.“

Rechtsmediziner Brinkmann

Heilbronner Polizistenmord - Der Münsteraner Rechtsmediziner Professor Bernd Brinkmann hatte die Theorie bereits im Dezember öffentlich geäußert: Die fieberhaft gesuchte Phantomfrau könnte eine Luftnummer sein, wenn eine unachtsame Produktionsmitarbeiterin Ermittlerzubehör mit eigenen DNA-Spuren verunreinigen.

Die Polizei verwarf damals die laut geäußerte Denkhilfe als nicht plausibel. Jetzt teilen die Ermittler überraschend mit, dass sie dieser Theorie seit längerem „intensiv“ nachgehen. „Das überrascht mich nicht“, sagt Brinkmann am Mittwochabend auf Stimme-Anfrage. Eigentlich komme in dem Fall „nur dieses Szenario in Frage“. Der 69-Jährige nennt die extreme Heterogenität der vielen dem Phantom zugeschriebenen Straftaten. Kriminalistisch sei das „gar nicht denkbar“. Der Zeitraum von 16 Jahren, in dem man ihre Spuren fand, macht ihn ebenso stutzig wie die Häufung der Tatortspuren im Saarland, der Region Heilbronn, in Österreich. Eine Mitarbeiterin in der Verpackungsabteilung, die „vielleicht einen letzten Handgriff tun muss“, könnte einen Teil der Produkte mit ihrer DNA versehen haben. „Es ist ungeheuerlich, wenn es so passiert ist“, sagt Brinkmann. Für die Labors wäre dies „fast ein Gau“, der größte anzunehmende Unfall.

Muss Ermittlungszubehör nicht unter strengsten Bedingungen hergestellt werden? Klaus Ziegler ist Laborleiter für Mikrobiologie bei der Heidenheimer Paul Hartmann AG, einem der führenden europäischen Anbieter von Medizinprodukten. DNA-Spuren an Wattestäbchen, auch wenn diese für medizinische Zwecke hergestellt werden, seien immer möglich, sagt er: „Sie sollen frei von Keimen sein. Das stellt man sicher durch Sterilisierung, Desinfektion, Hauben und Kittel.“

Gegen DNA-Spuren würde selbst Sterilisierung nicht helfen. DNA könne in der Produktion an die Stäbchen gelangen. „Die Mitarbeiter fassen sie beim Zählen an. Und die Watte wird in mehreren Herstellungsschritten berührt – zwar von sauberen Händen, aber von Händen.“

Produkt aus Osteuropa?

In Heilbronn werden für die Spurensicherung unter anderem Wattestäbchen der Heinz Herenz Medizinalbedarf GmbH verwendet, ein Großhändler aus Hamburg. Deren Geschäftsführer Dieter Cyll sagt auf Nachfrage: „Wir beliefern den Fachhandel weltweit. Wo unsere Produkte landen, wissen wir nicht.“ Anlass, an der Qualität der vertriebenen Ware zu zweifeln, sieht Cyll nicht. „Dieses Produkt lassen wir in einem EU-Staat herstellen. Unsere Partner werden vor Ort geprüft. Wir führen das Produkt seit über 20 Jahren und verkaufen davon Millionen.“ Bislang habe es weder Reklamationen von der Polizei noch von Laboratorien gegeben.

Rechtsmediziner schrieben dem Phantom wegen des Gencodes osteuropäische Wurzeln zu. Fast zwei Jahre Ermittlerarbeit könnten sich in Luft auflösen. „Schrecklich“ nennt Rechtsmediziner Bernd Brinkmann diese Aussicht. Auch wenn sich seine Theorie bestätigen sollte, ist er optimistisch, dass der Polizistenmord aufgeklärt wird. Dann werde man neu an den Fall herangehen und es „besser“ machen.


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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