Neue Zeugen zum NSU-Mord?

Stuttgart/Heilbronn  Zum Polizisten-Mord auf der Heilbronner Theresienwiese haben sich neue Zeugen beim NSU-Untersuchungsausschuss gemeldet. Einer soll mit dem Handy Aufnahmen vom Tatort gemacht haben.

Achteinhalb Jahre nach dem Mord an der Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter gibt es nach Angaben des NSU-Untersuchungsausschusses in Stuttgart zwei neue Zeugen. Diese hätten sich bei dem Gremium des baden-württembergischen Landtags gemeldet.

Ein Zeuge will mit seinem Handy womöglich aufschlussreiche Videoaufnahmen am Tatort gemacht haben. „Da geht es um Handyaufnahmen möglicherweise während der Tat“, sagte der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) am Freitag in Stuttgart. Der Mann, der sich bislang nicht bei der Polizei gemeldet habe, sei dem Generalbundesanwalt „übergeben“ worden.

Noch vor Abschluss der Arbeit des Gremiums im Dezember soll ein weiterer Hinweisgeber - ebenfalls ohne bisherige Kontakte zur Polizei - durch den Ausschuss vernommen werden. Die Polizistin war im April 2007 in Heilbronn erschossen worden, ein Kollege wurde schwer verletzt. Der Mord wird wie neun weitere an Menschen mit türkischen und griechischen Wurzeln dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) zugeordnet.

Wohl neuer Ausschuss nach der Landtagswahl

Ein neuer NSU-Untersuchungsausschuss soll nach der Wahl im März die bisherige Arbeit fortsetzen. Grund für dieses in der Landtagsgeschichte erstmalige Vorgehen sei, dass noch offene oder neue Fragen zu der Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zu klären seien, sagte Drexler weiter. Zugleich schilderte ein Thüringer Polizist dem Gremium, wie er zu einem frühen Zeitpunkt dazu kam, einen Zusammenhang zwischen dem Mord an der Polizistin Kiesewetter und neun Bürgern ausländischer Herkunft herzustellen. 

Der thüringische Kriminalhauptkommissar aus Saalfeld hatte nach eigenen Angaben aus der Brutalität der Morde seine Schlüsse gezogen. „Eine Art Hinrichtung war das ja jeweils“, sagte der 52-Jährige. Nach den Worten Drexlers war er „der erste Polizeibeamte, der auf diese Idee gekommen ist“. Der Polizist hatte seine Folgerungen nach eigenen Angaben ausschließlich aus polizeiintern verfügbaren Informationen geschöpft und diese gegenüber dem Kollegen und Onkel von Kiesewetter geäußert. 

Der Zeitpunkt des Gesprächs ließ sich nicht aufklären. Der Onkel Kiesewetters, die ebenfalls aus Thüringen stammt, datierte den Zeitpunkt vor dem Ausschuss auf wenige Tage nach dem Mord am 25. April 2007 in Heilbronn. Der 52-Jährige hingegen sagte, es sei längere Zeit danach geführt worden, möglicherweise auch erst ein Jahr später. Er habe darin zu dem Kollegen gesagt: „Da wird doch nicht einer rumreisen und Leute umbringen.“ Seine Annahme, die auch auf der Gleichheit der Kaliber der Tatwaffe beim Kiesewetter-Mord und bei zumindest einem anderen Mord an einem ausländischen Kleinunternehmer beruhe, habe er niemand anderem mitgeteilt. Er habe ein „Urvertrauen“ in die akribische Arbeit der ermittelnden Kollegen gehabt und sich überdies nicht von Thüringen aus in deren Arbeit einmischen wollen.

Erst im November 2011 kamen die Beamten dem NSU auf die Spur und stellten die Mordserie in Verbindung mit Rechtsterrorismus. Damals waren die zwei Dienstwaffen, die die Täter der toten Kiesewetter und ihrem schwer verletzten Kollegen entwendet hatten, im vom NSU gemieteten Wohnmobil gefunden worden. 

Ein auf den Polizistenmord angesetzter Fallanalytiker des Landeskriminalamtes sagte, selbst bei Bekanntwerden des Verdachtes des Thüringer Kollegen wäre dieser „unter Abwägung aller Wahrscheinlichkeiten durch den Rost gefallen“. Das „völlig neue“ Phänomen eines Anschlags auf Polizeibeamte sei bis zum Heilbronner Fall 2007 nicht bekanntgewesen. „Jeder ist jetzt dafür sensibilisiert“, erläuterte er. „Die Lehren, die sich aus diesem Fall ergeben haben, fließen ein.“ Mehrere Mitglieder des Ausschusses hielten dem Experten allerdings Beispiele von rechtsextremistisch motivierten Anschlägen auf Polizisten vor. 

Der Fallanalytiker erläuterte, dass es sich bei dem Mord an der Beamtin um einen Anschlag gegen den Staat und eine Demonstration von Macht handeln könnte, sei damals nicht als mögliches Motiv erschienen. Man sei eher von einer verschworenen Gemeinschaft ausgegangen, die eine Mutprobe oder als „Selbstbestätigung etwas total Verwegenes“ habe machen wollen. 

Der sichtlich bewegte Onkel der erschossenen Polizistin sagte, ihm seien keine Kontakte seiner Nichte zur rechten Szene bekannt. Er halte die junge Frau für ein Zufallsopfer. Zu dem Mord sagte er: „Das ist für mich unerklärlich. Ich kann mir das Warum, das Motiv nicht erklären.“


 

Rückblick

Im April 2007 wird die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn erschossen, ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Diese Videos entstanden in den ersten Stunden nach dem Attentat.  lsw/red

 

 

 

 

 

 

 


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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