NSU-Ausschuss: Pistole und Machete in Auto von Ex-Neonazi gefunden

Stuttgart  Überraschung im NSU-Ausschuss: Im ausgebrannten Wagen des toten Ex-Neonazis Florian H. finden sich eine Pistole und ein seit langem gesuchter Schlüsselbund. Eine weitere Panne der Sicherheitsbehörden?

Von Bettina Grachtrup, dpa

Ein angeblicher Freitod und viele Fragezeichen
In diesem Pkw starb Florian H.: Was wusste er über den Kiesewetter-Mord? Foto: dpa

Die baden-württembergische Polizei ist wegen ihrer Untersuchungen zum angeblichen Suizid eines früheren Neonazis und möglichen NSU-Zeugen in die Kritik geraten. Der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag, Wolfgang Drexler (SPD) sagte am Mittwoch in Stuttgart, die Schwester des toten Florian H. habe am vergangenen Sonntag noch mehrere Gegenstände in dem Wagen gefunden, in dem ihr Bruder verbrannt ist.

Darunter seien der seit langem vermisste Schlüsselbund des Wagens, ein Feuerzeug, eine Pistole und eine Machete. Die Polizei hatte das ausgebrannte Fahrzeug untersucht, diese Gegenstände aber offenkundig übersehen. Florians Familie habe die Sachen dem NSU-Untersuchungsausschuss übergeben, sagte Drexler.

Florian, der aus der rechten Szene ausgestiegen war, starb im September 2013 in einem brennenden Auto in Stuttgart. Während die Polizei von Suizid ausging, glaubt die Familie, dass der 21-Jährige in den Tod getrieben oder sogar ermordet wurde. Allerdings sprechen das Feuerzeug und der nun doch gefundene Schlüsselbund nach Drexlers Einschätzung eher für die Suizid-These. Der Ausschuss will den Wagen aber nun genauer von einem Gutachter untersuchen lassen, um zu klären, ob das Feuer per Fernzündung entfacht worden sein könnte.

Andeutung

Florian soll vor seinem Tod angedeutet haben, er wisse, wer die Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn getötet hat. Der Mord wird den Rechtsterroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zugerechnet. Am Tag seines Todes sollte Florian eigentlich noch einmal von der Polizei befragt werden. Seine Familie hatte im Ausschuss geklagt, die Ermittler hätten sich nicht für Florians Laptop und andere Geräte interessiert. Die Familie will die Sachen ebenfalls dem Untersuchungsausschuss übergeben, damit sie von einem unabhängigen Sachverständigen untersucht werden können.

Drexler sagte zu den nun im Wagen entdeckten Gegenständen: „Wir können uns keinen Reim darauf machen, warum die Polizei sie nicht gefunden hat.“ Grünen-Obmann Jürgen Filius wurde deutlicher: „Wenn die Polizei tatsächlich eine Pistole, den lange gesuchten Schlüsselbund und ein Feuerzeug im Autowrack übersehen hat, bin ich bestürzt über die Qualität der Ermittlungen.“ Für ein abschließendes Urteil sei es aber noch zu früh. Der Ausschuss werde den Polizisten, die den Wagen untersucht haben, kritische Fragen stellen. „Zudem wollen wir mit einer Untersuchung des verbrannten Autos und der jetzt übergegebenen Gegenstände durch einen Gutachter auf Nummer sicher gehen, was die Herkunft und Bedeutung der Gegenstände angeht.

Weitere Zeugen sollen befragt werden

Der Landtagsausschuss soll Kontakte und Aktivitäten des NSU im Südwesten sowie die Aufklärungsarbeit der Behörden beleuchten. Er will am 13. April weitere Zeugen zum Thema Florian H. befragen, darunter auch einen Mann mit Spitznamen „Matze“. Mit ihm soll Florian in der rechten Szene rund um Heilbronn unterwegs gewesen sein. Das Brisante: Angeblich war „Matze“ Mitglied in einer bislang unbekannten rechtsextremen Organisation namens „Neoschutzstaffel“ (NSS). „Matze“ war erst kürzlich namentlich identifiziert worden.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur gab „Matze“ vor einigen Tagen in seiner Befragung bei der Polizei an, dass er bei einer Demonstration in Dresden im Jahr 2010 von einer unbekannten Person auf die „Neoschutzstaffel“ angesprochen und per Unterschrift zum Mitglied gemacht worden sei. Er habe Florian H. in Heilbronn kennengelernt. „Matze“ soll in seiner Befragung aber bestritten haben, mit Florian an einem Treffen in Öhringen östlich von Heilbronn teilgenommen zu haben. Hingegen hatte Florian erklärt, bei einer Veranstaltung in Öhringen seien der NSU und die NSS vorgestellt worden. Die Polizei hat dies aber bislang nicht verifizieren können.


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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