Mysteriöse Frau hinterlässt blutige Spur brutaler Taten (18.06.07)

Polizistenmord Ermittler wähnen sich am Ende der Durststrecke erfolgloser sieben Wochen, doch sie jagen ein Phantom

Von Iris Baars-Werner und Helmut Buchholz

Mysteriöse Frau hinterlässt blutige Spur brutaler Taten
Tatort Theresienwiese: Am Dienstfahrzeug, einem 5er-BMW-Kombi, fanden LKA-Experten nach wochenlanger, akribischer Suche einen genetischen Fingerabdruck. Die heiße Spur, auf die die Fahnder so lange gewartet haben.Foto: dpa

Heilbronner - Die Frau ist ein beängstigendes Phantom: Seit 1993 treibt eine vor nichts zurückschreckende Kriminelle in Deutschland, Österreich und womöglich weiteren Nachbarländern ihr brutales Unwesen. Sie hinterlässt an jedem der über 22 Tatorte Spuren. Doch mehr als Blut, Schweiß und Hautabschürfungen hat die Polizei noch nie von ihr zu fassen gekriegt: Niemand kennt ihr Gesicht, ihr Alter, niemand weiß, wo sie sich aufhält.

Serienkillerin? Dabei haben sich in den 14 Jahren mehrere Sonderkommissionen und Kriminalwissenschaftler ausgiebig, die Fernsehfahnder von „Aktenzeichen XY ungelöst“ gleich zweimal mit der unfassbaren Serientäterin auseinandergesetzt. Dennoch ist jetzt ihre DNA-Spur, die die Unbekannte am 25. April zwischen 13.45 und 14.15 Uhr am Streifenwagen auf der Theresienwiese hinterlassen hat, womöglich der Durchbruch für die Ermittler im Heilbronner Polizistenmord. Staatsanwalt Volker Link spricht von Hoffnungen nach einer „längeren Durststrecke“: der Hoffnung, dass man über diese „interessante“ Spur die Tat klären könne, der Hoffnung, „dass sie uns entscheidend weiterbringt“.

Ist die Kriminelle, die ihren genetischen Fingerabdruck an jenem Frühsommermittag am Streifenwagen der beiden Bereitschaftspolizisten hinterließ, eine Serienkillerin und die hinterhältige Mörderin von Michéle Kiesewetter? Haben sie und ein Komplize die 22-jährige Polizistin durch einen gezielten Schuss in den Kopf getötet und deren 24-jährigen Kollegen ebenfalls mit einem Kopfschuss so schwer verletzt, dass er nach bangen Wochen erst dieser Tage aus dem Koma erwachte? Nach Informationen der Heilbronner Stimme sind die DNA-Hinweise keine zufälligen Spuren vorangegangener Tage. Ihre Fundstelle am Streifenwagen lassen nur einen Schluss zu: Die europaweit gesuchte Frau war am Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese.

Mehrmals in Heilbronn? Würde der Polizistenmord in die lange Liste ihrer Verbrechen passen? Klar ist, dass sie 1993 in Idar-Oberstein am Tatort ist, als eine 62-jährige Rentnerin ermordet wird: Die Polizei findet ihre Speichelspuren. Als im März 2001 in Freiburg ein Rentner ebenfalls erdrosselt wird, ist ihr Schweiß nachzuweisen. Ihre DNA wird mit einem versuchten Raubmord in Worms in Verbindung gebracht. Womöglich erhärtet sich, dass sie an einem Raubüberfall in Frankreich beteiligt war. Dort soll ihre DNA an einer Pistole nachweisbar sein - eine bisher unbestätigte Vermutung.

Äußerst brutal waren viele Taten: Ihrem ersten Mordopfer war ein Gartendraht zwölfmal um den Hals geschlungen. Allerdings nahmen Fahndungsprofis bisher immer an, dass die Verbrechen als Beschaffungskriminalität einzustufen seien. Die Profiler hatten das Phantom nicht nur als „erschreckend kaltblütig“ charakterisiert. Sie hatten zudem ausgemacht, dass die Frau drogenabhängig und ohne festen Wohnsitz sein muss. Dafür sprachen ihre Hautpartikel an einer Drogenspritze, die Landkarte der Taten, und dass sie an Einbrüchen in Gartenlauben, Geschäften und Gaststätten beteiligt war. Dort beschafften sie und ihre männlichen Kumpane sich verkaufbare Waren, Geld, Essen und Schlafplätze und ließen Kleidungsstücke zurück.

Im April 2007 war sie womöglich nicht zum ersten Mal in Heilbronn: Ihre DNA fand sich am Tankdeckel eines Autos, das am 26. Dezember 2003 hier gestohlen wurde. Das Auto wurde vier Wochen lang „benützt“ (Oberstaatsanwalt Volker Link), im Februar 2004 wurde es wieder in Heilbronn gefunden. Ein Mann wurde im Jahr 2006 wegen dieses Diebstahls zu einer Haftstrafe mit Bewährung verurteilt. Staatsanwalt Link: „Er kann oder will nicht sagen, wer die Frau ist.“ In Heilbronn sei er „jetzt nicht mehr“.

Auch in Österreich wurden zwei Männer festgenommen, die mit der Gesuchten zumindest zeitweise gemeinsame Sache machten. Ein Pole und ein Serbe sitzen seit einem Jahr beziehungsweise eineinhalb Jahren im Gefängnis, weil ihnen jeweils ein Einbruch nachgewiesen wurde. An beiden Tatorten: die DNA der Frau.

Dass die beiden Osteuropäer die Identität der Gesuchten und damit der möglichen Polizistenmörderin kennen, daran hat die österreichische Polizei keinen Zweifel. Doch die Häftlinge verweigern die Aussage, zeigen „keinerlei Kooperationsbereitschaft“, wie Rudolf Keplinger, Chef des Landeskriminalamtes Oberösterreich, bedauert. Er geht davon aus, dass eine „kriminelle Gruppierung“ die Einbruchsserien verübt, die zwar „grundsätzlich in der Eigentumskriminalität“ tätig sei, die aber auch vor „schweren Gewalttaten“ nicht zurückschrecke.

Die Polizei sucht weiterhin Zeugen zu dem Polizistenmord. Eine Belohnung von 100 000 Euro ist ausgesetzt. Telefon: 07131/104-2077.


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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