Hunderte protestieren in Heilbronn gegen Rechts

Heilbronn - Ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Rechtsextremismus haben am Samstag mehrere hundert Teilnehmer einer Protestkundgebung in der Stadt Heilbronn gesetzt.

Von Franziska Feinäugle und Carsten Friese

Heilbronn - Mehrere hundert Demonstranten haben bei einem Gedenkmarsch am Samstag in Heilbronn ein Zeichen gegen Fremdenhass und rechte Gewalt gesetzt. Mehr als 700 Menschen beteiligten sich nach Polizeiangaben an dem Protestmarsch „Kein Platz für Rassismus – weder in Heilbronn noch anderswo“, die Veranstalter zählten nach eigenen Angaben rund 1000 Teilnehmer.

Seynep Seker sagt: „Wir sind doch alle Brüder und Schwestern.“ Deshalb ist die 60-jährige Heilbronnerin mitten in der bunt gemischten Menschenmenge, die von der Heilbronner Theresienwiese in die Innenstadt zieht. Die Bündnisse „Heilbronn sagt Nein“ und „Heilbronn stellt sich quer“ haben dazu aufgerufen.

Ausgangspunkt des Protestzuges ist die Gedenktafel, die am Neckarufer an die tödlichen Schüsse auf die junge Polizistin Michéle Kiesewetter im April 2007 erinnert: an jene Bluttat, von der man heute weiß, dass sie zu einer Serie von Morden zählt, die eine Thüringer Neonazi-Gruppe begangen hat.

Stille

Als der Bundestagsabgeordnete Richard Pitterle (Linke) kurz nach 11 Uhr die Namen aller neun weiteren Opfer der Thüringer Täter vorliest, ist es ganz still, schon vor der eigentlichen Schweigeminute.

Den Nazis vor Augen zu führen, „dass wir alle zusammengehören“: Diesem Grundgedanken einer 34-jährigen Heilbronnerin mit Zuwanderungsgeschichte war wie berichtet die Idee für die Demonstration entsprungen.
Murat Gül von der türkischen Arbeiterverein-Föderation DIDF appelliert an die Anwesenden, „die Gemeinsamkeiten zu zeigen“.

Als sich der Protestzug in Bewegung setzt, kniet sich ein junger Vater zu seinen Kindern hinunter und erzählt ihnen vom April 2007. Der 35-jährige Neckarsulmer demonstriert mit, um seinem Sohn und seiner kleinen Tochter „verständlich zu machen, was Recht und was Unrecht ist“, und weil er findet, „dass man Position beziehen muss“.

Am Bahnhof erinnert ein Sprecher der Verdi-Jugend an den Neonazi-Aufmarsch in Heilbronn am 1. Mai 2011 und die Einkesselung der Gegendemonstranten, ruft dazu auf, „überall den Nazis und ihrer Ideologie entgegenzutreten“, denn rechte Untaten „können sich dort ausbreiten, wo weggeschaut wird“.

Ärger über Transparente

Ein 46-Jähriger aus Bad Friedrichshall ärgert sich über Transparente der Marxistisch-Leninistischen Partei. „Ich laufe nicht unter der Flagge der Kommunisten“, betont er, „sondern gegen Gewalt. Egal aus welcher Richtung.“

Wohin nationalsozialistische Gewalt führen kann, daran erinnert an der Allee die umgestürzte Synagogenkuppel. Hier spricht Avital Toren. „Erschüttert und wütend“ ist die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde über den Fremdenhass, der sich in der Mordserie gezeigt hat. „Es ist wichtig, dass die Gesellschaft aufsteht und sich wehrt.“

Ergün Özcan (41), der sich unter anderem im Heilbronner Integrationsbeirat engagiert, hat seine Tochter Shilan (9) dabei. Er freut sich zwar über die große Beteiligung, findet aber, „es hätten noch mehr kommen sollen, auch mehr Migranten“.

Mit allen Menschen in all ihrer Vielfalt zusammenleben, „uns nicht auseinanderdividieren lassen“: Dazu ruft DGB-Regionssekretärin Silke Ortwein auf, als der Protestzug am Gewerkschaftshaus Halt macht. Bei der Kundgebung am Berliner Platz unterstreicht Ulrich Schneider (Grüne), „dass Nazis in dieser Stadt nicht willkommen sind“, sein Bundestagskollege Josip Juratovic (SPD) dankt den Hunderten, „dass Sie so offen und mutig Ihr Gesicht gegen Rassismus zeigen“. Nach zwei Stunden und 21 Minuten ist die Demonstration zu Ende.

Die Polizei hatte rund 50 Beamte entlang der Zugstrecke verteilt, die in erster Linie den Verkehr regelten. Die Gedenkveranstaltung wurde nach Angaben eines Polizeisprechers von keinem rechtsradikalem Protest gestört und verlief „ruhig und friedlich“.

Link und Throm kritisieren Veranstalter: Verpasste Chance

Deutliche Kritik an den Veranstaltern der Protestkundgebung haben FDP-Bundestagsabgeordneter Michael Link und CDU-Landtagsabgeordneter Alexander Throm geäußert. Sie waren nur zur Rede von Avital Toren, der Chefin der Jüdischen Gemeinde, an die Allee gekommen und dem weiteren Protestzug ganz bewusst ferngeblieben.

„Wir sind nicht eingeladen und auch nicht als Redner angefragt worden“, sagte Throm. Es sei offenbar von den Veranstaltern „nicht gewollt“ gewesen, gemeinsam gegen Rechts auf die Straße zu gehen. Auch Michael Link hatte den Eindruck, dass die Veranstalter „unter sich bleiben wollten“. Der Protest gegen Rechts sei aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das politische Ziel der Protestkundgebung ist in seinen Augen dadurch „verfehlt“. Er sprach von einer „verpassten Chance“, gemeinsam etwas zu machen.

Löffler: Vorwürfe "absolut fadenscheinig"

Als "absolut fadenscheinig" bezeichnet DGB-Regionsvorsitzender Bernhard Löffler die Vorwürfe von Alexander Throm und Michael Link. Die CDU sei "selbstverständlich" zur Vorbereitung der Demonstration eingeladen gewesen, aber nie bei den Treffen dagewesen. Die FDP sei bis zum heutigen Tag nicht Mitglied in dem breit aufgestellten Bündnis von "Heilbronn sagt Nein". Der breite Spagat, den man mit der Demo am Samstag hinbekommen habe, sei "etwas völlig anderes als eine verpasste Chance", kontert Löffler.

DGB-Regionssekretärin Silke Ortwein unterstrich, dass sie keinen der Redner direkt angefragt habe. Dies hätten "die einzelnen Bündnispartner" getan. Ortwein bestätigte, dass Michael Link wenige Tage vor der Demo bei ihr angerufen habe. Sie habe ihm erklärt, dass es organisatorisch zu spät sei, in dem breit aufgestellten Bündnis einen Nicht-Bündnispartner noch als Redner umzusetzen. Sie habe aber mit ihm besprochen, dass er bei der Kranzniederlegung an der Theresienwiese mitwirken könne, sagte Ortwein.
 


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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