Heilbronner Polizistenmord: Suchten die Fahnder an der falschen Stelle?

Heilbronn - Neue Details vom Polizistenmord in Heilbronn weisen möglicherweise auf einen Fehler bei der Fahndung nach den Tätern hin. Während ein Großaufgebot aus Sicherheitskräften am 25. April 2007 die Stadt bis zum späten Abend komplett lahmlegte, nahm die Polizei von den Personen, die sich in unmittelbarer Nähe zum Tatort auf der Theresienwiese befanden, lediglich die Personalien auf und befragte sie als mögliche Zeugen.

Von Helmut Buchholz und Andreas Tschürtz

Heilbronn - Neue Details vom Polizistenmord in Heilbronn weisen möglicherweise auf einen Fehler bei der Fahndung nach den Tätern hin. Während ein Großaufgebot aus Sicherheitskräften am 25. April 2007 die Stadt bis zum späten Abend komplett lahmlegte, nahm die Polizei von den Personen, die sich in unmittelbarer Nähe zum Tatort auf der Theresienwiese befanden, lediglich die Personalien auf und befragte sie als mögliche Zeugen. Die Taschen oder Schränke in den Wohnwagen der Schausteller und Landfahrer, die sich auf dem Festplatz aufhielten, kontrollierten die Fahnder nicht. Das erfuhr unsere Zeitung aus Ermittlerkreisen.

Vielleicht ein fatales Versäumnis: Denn möglicherweise flüchteten die Täter gar nicht, sondern blieben in der Nähe. Das würde auch erklären, warum sich bis heute nur wenige Zeuge gemeldet haben, die jemanden wegrennen sahen. Vielleicht hätten die Fahnder ja die Waffen gefunden, wenn sie nur richtig auf dem Festplatz gesucht hätten. Der Sprecher der Heilbronner Staatsanwaltschaft, Harald Lustig, kommentiert die wenig gründlichen Kontrollen so: „Es wurden Überprüfungen im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten gemacht.“

Warum sich die Polizei jedoch an anderen Orten in der Stadt, wo sie zum Beispiel Busse und Bahnen gründlicher durchsuchte, nicht so zurückhaltend verhielt, beantwortet Lustig nicht: „Ich kann nicht mehr sagen, als ich gesagt habe.“

Zeitfaktor

Mehr Zeit als bisher angenommen – für ein Abtauchen auf dem Platz oder eine Flucht – hatten die Täter ohnehin. Die Ermittler haben zwar nie der Darstellung widersprochen, dass die später getötete Michéle Kiesewetter (22) mit ihrem Kollegen (24) gegen 14 Uhr auf die Theresienwiese gefahren war. In der Pressemitteilung vom 25. April 2007 heißt es, dass ein Radfahrer kurz nach 14 Uhr die blutüberströmten Opfer fand. Doch nach Informationen unserer Zeitung sollen zwischen den Schüssen und der Entdeckung der Tat rund 30 Minuten vergangen sein. Staatsanwalt Lustig erklärt dazu lediglich, dass es „deutlich weniger als 30 Minuten waren“. Die exakte Dauer nennt er aber nicht. Vermutlich gab es sogar genügend Zeit für jemanden, der nicht an der Tat beteiligt war, die Opfer zu entdecken und die Waffen mitzunehmen.

Auch in diesem Punkt hat die Polizei bisher nicht die ganze Wahrheit enthüllt. Denn wie unsere Zeitung aus verschiedenen Quellen erfuhr, haben die Täter nicht nur die Waffen der beiden Polizisten mitgenommen. Sie rissen sie mitsamt den Holstern vom Gürtel ihrer Opfer, was brachiale Gewalt erfordert. Staatsanwalt Lustig will diesen Tathergang „weder dementieren noch bestätigen“.

Fragen

Doch dieses Detail könnte wichtig sein. Waren die Täter vielleicht nur auf die Waffen aus und setzten alles daran, sie zu bekommen? Hatten die Mörder dabei keine Ahnung, wie sie die Pistolen aus den Holstern bekommen? Denn die lösen sich erst aus ihrer Halterung, wenn man einen Bügel herunterdrückt und wegklappt. Selbst dann lässt sich die Waffe nicht aus dem Holster bewegen. Man muss sie in einem bestimmten Winkel herausziehen. Die Waffen der Opfer des Polizistenmordes sind nie wieder aufgetaucht. Die Tatwaffen wiederum sind vorher noch niemals bei einer Straftat benutzt worden.


Kripo und LKA dementieren Mafia-Gerücht


Unterdessen hat das Landeskriminalamt in Stuttgart am Mittwoch eine Meldung des „Stern“ zu weiteren Fehlern bei der Aufklärung des Heilbronner Polizistenmordes dementiert. Das Magazin schrieb auf seiner Homepage, die Ermittler hätten Hinweise auf einen Mafia-Hintergrund ignoriert.

Ritualmord?

Steckt also doch das organisierte Verbrechen hinter der Tat? Laut „Stern.de“ hatten die Ermittler schon kurz nach dem Mord Hinweise auf eine Mafia-Beteiligung, hätten diese aber nicht verfolgt. Anders als vor einer Woche, als der "Stern" mit seinen Recherchen das Wattestäbchen-Debakel aufdeckte, sorgen die neuen Meldungen bei den Ermittlern nicht für Aufregung sondern für ungläubiges Kopfschütteln. LKA-Sprecher Horst Haug sagte der HSt auf Nachfrage: „Solche Tathintergründe in Richtung Organisierte Kriminalität, Mafia und Banden waren von Anfang an Bestandteil der Ermittlungen der Soko Parkplatz.“ Anhaltspunkte für einen Zusammenhang mit der Mafia habe man nicht finden können.

Für den „Stern“ ist die Region Heilbronn jedoch „Drehscheibe der Organisierten Kriminalität (OK), speziell von osteuropäischen Mafiagruppierungen“. Es gäbe Hinweise, dass hier „mehrere Paten leben“. Der Leiter der Heilbronner Kriminalpolizei, Volker Rittenauer, bekräftigte gestern seine Aussagen vom HSt-Interview vor zwei Wochen: Die Heilbronner Kripo habe keine Hinweise auf Mafia-Aktivitäten. „Selbstverständlich ist das Weinsberger Kreuz ein Drehkreuz nach Osten. Das hat mit Mafia aber nur vielleicht und nur am Rande etwas zu tun. Die sitzen ja gar nicht hier, die fahren vorbei.“ Dasselbe gelte für die Anführer. „Wir haben keine Paten hier, zumindest kennen wir sie nicht, sonst würden wir ermitteln.“

Kein Umschlagplatz

Dass die Theresienwiese ein häufig benutzter Umschlagplatz „für mit Drogen und anderer heißer Ware beladene Lkw ist“, wie „Stern.de“ schreibt, verweist Rittenauer ebenfalls ins Reich der Märchen. „Es gibt keinen noch so geringen Hinweis, dass dort ein Schwerpunkt ist. 150 Meter weiter sitzen unsere OK-Ermittler.“

Wieso die Ermittler Hinweise auf ein Mafia-Verbrechen – vor der ersten Phantomspur – ignoriert haben sollten, macht für Rittenauer keinen Sinn. „Da ist man jedem Hinweis nachgegangen.“ Insbesondere die 28 Personen aus der Drogenszene im Stadtgarten, die Anfang 2007 festgenommen wurden, habe man „akribisch“ samt ihrem Umfeld überprüft – einen Bezug zur Organisierten Kriminalität fand man nicht.



Chronik: Tattag, 25. April 2007

  • 13.30 Uhr: Michéle Kiesewetter und ihr Kollege beginnen ihre Streife in Heilbronn. Sie parken auf der Theresienwiese, um zu vespern. Ein Radfahrer findet dort kurz nach 14 Uhr die durch zwei Kopfschüssen blutüberströmten Körper.

  • 14.10 Uhr: Der erste Notruf erreicht die Polizei. Die ersten Beamten eilen zum Festplatz.

  • 14.40 Uhr: Polizeichef Roland Eisele ordnet an, alle Heilbronner Ausfallstraßen zu kontrollieren. Der Verkehr bricht zusammen.

  • 21.45 Uhr: Ringfahndung beendet. Die Staus lösen sich auf. mut


- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 


Zeitleiste




Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

Zeitleiste vergrößern

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 


Videos


Stimme Premium: Alle Videos zum Polizistenmord