Frau ohne Gesicht bleibt konturlos

Heilbronn - Der Profiler des Landeskriminalamts und sein Team rätseln weiterhin über das Motiv des Verbrechens. Mit jeder weiteren DNA-Spur, die die mutmaßliche Heilbronner Polizistenmörderin seit 16 Jahren an 40 Tatorten in halb Europa hinterlassen hat, wird das Bild von ihr blasser. „Diese Frau widersetzt sich jedem Muster. Das habe ich noch nie erlebt“, sagt der Leiter der Abteilung „Operative Fallanalyse“.

Von Helmut Buchholz

Spurensicherer am Streifenwagen, in dem am 25. April 2007 eine Polizistin auf der Heilbronner Theresienweise erschossen wurde: Der Profiler des Landeskriminalamts und sein Team rätseln weiterhin über das Motiv des Verbrechens. Foto: Archiv/Friese


Heilbronn - Auf dem Tisch in seinem Büro steht eine große Glaskugel. Kollegen haben sie Andreas Tröster geschenkt. Wenn der Leiter der Abteilung „Operative Fallanalyse“ im Stuttgarter Landeskriminalamt (LKA) in das Wahrsager-Utensil schaut, erkennt er nichts. Auch wenn die Vorstellung schön ist, dass so auf einmal das Gesicht der „Frau ohne Gesicht“ erscheinen würde. „Wenn es nur so einfach wäre“, sagt der 49-jährige Chef-Profiler.

Doch mit jeder weiteren DNA-Spur, die die mutmaßliche Heilbronner Polizistenmörderin seit 16 Jahren an 40 Tatorten in halb Europa hinterlassen hat, wird das Bild von ihr blasser. „Es passt so vieles nicht zusammen“, denkt Tröster laut nach. „Diese Frau widersetzt sich jedem Muster. Das habe ich noch nie erlebt.“ Für Tröster ist der Polizistenmord darum ein Jahrhundertfall.

Puppe

Frau ohne Gesicht bleibt konturlos Normalerweise finden der Profiler und seine Mannschaft - darunter zwei Psychologen - ziemlich schnell heraus, wie ein Täter tickt. Warum hat er sich einen bestimmten Tatort ausgewählt? Was war sein Motiv? Warum hat er sich so und nicht anders verhalten? Die Profiler sammeln Informationen, lesen die Obduktionsberichte, sehen sich den Tatort an. Dann ziehen sie sich in einen Raum in dem riesigen LKA-Bau in Bad Cannstatt zurück. Mindestens drei Tage setzt Tröster dafür an. „Wir brauchen für unsere Arbeit Zeit und Ruhe.“ Das Werkzeug der Profiler: eine Puppe, um das Täterverhalten an seinem Opfer nachzustellen, und viel Hirnschmalz, um daraus Hinweise für die Ermittlungen abzuleiten. Die Fallanalyse engt den Kreis der Verdächtigen ein. Doch beim Phantom ist alles anders.

Der Profiler kann mit Bestimmtheit sagen, dass die unbekannte Frau mobil, skrupellos und extrem gewaltbereit sein muss. Sie verfügt über „Ankerpunkte“ im südwestdeutschen Raum, vor allem in den Regionen Heilbronn und Ludwigsburg sowie im Saarland, und bewegt sich in mehreren kriminellen Milieus. Die Serientäterin ist bereit, ein extrem hohes Risiko einzugehen. Tröster: „Wie sonst hätte sie sich einen so belebten öffentlichen Tatort wie die Heilbronner Theresienwiese ausgesucht?“

Völlig atypisch sei die extreme Deliktsbreite im Zusammenhang mit der DNA-Spur: vom kaltblütigen Mord aus Habgier bis zum Einbruch in ein Gartenhäuschen, um darin zu übernachten. Das Phantom ist vermutlich auch an groß angelegten Beutezügen mit hohem logistischen Aufwand beteiligt. Zu den Diebesgütern zählen Airbags, Autos, Motorräder, Brillen und Uhren. Seltsam nur, dass bisher kein einziges Stück der Hehlerware je wieder aufgetaucht ist. Nirgends. Auch nicht die Pistolen und Handschellen, die die Polizistenmörder ihren Opfern in Heilbronn abgenommen haben.

Großes Ding

Die Profiler überrascht zudem, dass die „unbekannte weibliche Person“, wie sie in den Fahndungsakten heißt, sich nicht entwickelt. „Jeder Ganove ist im Verbrechermilieu bestrebt, ein großes Ding zu drehen, damit er ausgesorgt hat“, sagt Tröster. Doch die mysteriöse Serientäterin „schwimmt seit Jahren auf einem Level“, pendelt wohl zwischen Mord und kleineren Eigentumsdelikten. Ist sie eher eine Randfigur oder Bandenchefin? „Das bleibt offen“, berichtet Tröster. Dass sie sich in unterschiedlichsten Milieus bewegt, lege den Schluss nahe, dass sie keine Chefin ist. Doch sie könnte auch einen gewissen Rückhalt haben, Macht besitzen, sonst wäre sie längst von den vielen Komplizen, die in Haft sitzen, verraten worden. Dass dies noch nicht geschehen ist, ist den Fahndern ein weiteres von vielen Rätseln.

Hintergrund: Fallanalytik, Profiler

Die Operative Fallanalytik ist noch eine relativ junge Disziplin in der Kriminologie. Die Profiler bilden eine Art Serviceteam und werden bei schwierigen Ermittlungsfällen angefordert. Sie erstellen ein Profil des Täters. Jedes Landeskriminalamt und das Bundeskriminalamt hat eine Profiler-Abteilung.

 



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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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