„Schlinge zieht sich immer enger zu“

Heilbronn - Der mysteriöse Tod der Weinsbergerin Diana Pawlenko hat die Polizistenmord-Soko elektrisiert. Sind die Ermittler der unbekannten Serientäterin so nah auf den Fersen wie noch nie? Soko-Leiter Frank Huber antwortet den Fragen von Carsten Friese und Helmut Buchholz.

Der Tod der Weinsbergerin Diana Pawlenko hat die Polizistenmord-Soko elektrisiert. Sind die Ermittler der unbekannten Serientäterin so nah auf den Fersen wie noch nie? Carsten Friese und Helmut Buchholz fragten bei Soko-Leiter Frank Huber (Foto: Archiv) nach.

Nach dem DNA-Fund im Zusammenhang mit der Weinsberger Leiche ist die Polizistenmord-Soko wieder aufgestockt worden. Ein Signal?

Frank Huber: Jede neue Spur ist für uns eine neue Chance. Insofern kann jede den Durchbruch bringen. Ich gewichte die Spuren nicht. Die Einbrüche beispielsweise in Oberstenfeld und Niederstetten oder auch die Serieneinbrüche im Saarland – alles relativ aktuelle Spuren – sind auch sehr interessant für uns. Die DNA-Spur im Auto von Frau Pawlenko hat uns jedenfalls alle überrascht.

Inwiefern?

Huber: Wir haben absolut nicht damit gerechnet. Schließlich wurden umfangreiche Abklärungen im Vorfeld des Treffers durchgeführt, bei denen sich keine Anhaltspunkte in diese Richtung ergaben. Diese Spur bietet uns weitere Ansätze, auch durch mögliche Bezugspunkte zum Klinikum am Weissenhof, dem Arbeitsplatz der Verstorbenen.

Wie kam die Spur vom Phantom ins Auto von Diana Pawlenko?

Huber: Das ist eine der entscheidenden Fragen. Für uns gilt es nun festzustellen: Wer saß in der Vergangenheit im Fahrzeug und wer hat es außer ihr benutzt? Wo war das Auto im Vorfeld? In der Inspektion? In der Werkstatt? Wir müssen den Wagen sozusagen „gläsern“ machen.

Ist die Krankenpflegerin nun getötet worden oder nicht?

Huber: Nach über neun Wochen ausgedehnter Überprüfungen gibt es keine konkreten Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden. Ich werde immer wieder darauf angesprochen, dass ein Tötungsdelikt jetzt ja, mit der Spur einer mutmaßlichen Serienmörderin im Fahrzeug, klar sei. Wir können zwar nach dem derzeitigen Stand die Beteiligung Dritter am Tod von Frau Pawlenko nicht ausschließen. Die Spur in ihrem Auto bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

Es gibt über 80 neue Hinweise im Fall Pawlenko, insgesamt rund 3600 Hinweise und Spuren im Polizistenmordfall. Warum war bisher noch nicht der entscheidende Hinweis dabei?

Huber: Fakt ist, dass sich bislang kein Augenzeuge zu dieser feigen Tat auf der Theresienwiese bei uns gemeldet hat. Das ist für mich erstaunlich. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass es jemanden geben muss, der etwas Relevantes beobachtet hat. An dem Nachmittag war der Ort sehr mit Personen frequentiert. Es geschah am helllichten Tag; Fußgänger, Radfahrer, Schausteller waren im Bereich des Tatortes.

Warum melden diese Zeugen sich nicht?

Huber: Das wissen wir nicht. Möglicherweise spielt Angst eine Rolle. Die 150 000 Euro Belohnung hat bisher noch nicht gegriffen. Wichtig ist uns in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass es Möglichkeiten gibt, den Namen eines Zeugen aus den Akten heraus zu lassen.

Haben Sie die Hoffnung aufgegeben?

Huber: Nein! Wir bekommen jetzt nach über eineinhalb Jahren immer noch Hinweise von Personen, die sich an den 25. April 2007 erinnern und lange überlegt haben, sich zu melden. Oft spielt bei der Entscheidung eine neue Veröffentlichung zum Fall eine Rolle. Die Leute erinnern sich an ein Fahrzeug oder an eine Person, die vielleicht eine Rolle spielen könnten. Kurioserweise gibt es eine Häufung solcher Hinweise in den letzten Wochen. Das hat uns zwar noch nicht weitergebracht. Aber genau so einen Hinweis erwarten wir uns von jemandem, der wirklich etwas Wichtiges gesehen hat.

Auch die Komplizen des Phantoms helfen nicht weiter und schweigen.

Huber: Ja, auch das ist für uns ein Rätsel. Diese Personen, die sie eigentlich kennen müssten, sind „Berufsverbrecher“, die am laufenden Band Straftaten begehen. Die zeigen fast keine Emotionen. Vielleicht spielt auch hier Angst eine Rolle, vielleicht auch die „Gaunerehre“.

Nach über eineinhalb Jahren Ermittlungen und Spuren an 38 Tatorten in mehreren Ländern gibt es noch kein klares Bild über das Phantom.

Huber: Deshalb ist das auch ein unglaublicher, einzigartiger Fall. Es gibt keine erkennbare Systematik, aber eine wahnsinnige Deliktsbreite. Das kann man nicht zusammenführen, wir sehen noch keine Schnittmenge. Diese Person ist unberechenbar. Man weiß nie, welche Straftaten sie morgen begeht. Sie ist uns immer einen Schritt voraus.

Wie wollen Sie die Serientäterin dann fassen?

Huber: Wir haben ungeheuer viele Informationen anhand der verschiedenen Straftaten gesammelt und weiterhin gute Ansätze. Irgendwann werden wir die gemeinsamen Bezugspunkte finden. Da sind wir natürlich auch auf die Bevölkerung angewiesen. Durch die ständige Sensibilisierung erhoffen wir uns, dass sich ein Tatzeuge meldet oder vielleicht mal jemand anruft und uns eine verdächtige Person im Bereich von Gartenhäusern, Wohngebieten mitteilt, die dort gar nicht ins Bild rein passt.

Wenn Sie durch die Straßen gehen: Sehen Sie sich Menschen so an, ob sie vielleicht das Phantom sein könnten?

Huber: Es ist schwierig abzuschalten. Man ertappt sich genau bei solchen Situationen immer wieder und denkt, so vielleicht...? Aber letztendlich kann man sich kein konkretes Bild machen. Das wäre auch gefährlich. Das versuchen wir zu vermeiden, um uns nicht in eine Richtung zu fokussieren und möglicherweise etwas zu übersehen.

Der Mord an der Polizistin Michéle Kiesewetter ist bald zwei Jahre her. Gibt es immer noch keine Antwort auf die Frage, warum sie sterben musste?

Huber: Das ist immer noch die große Frage, die uns nach wie vor beschäftigt. Warum? Fast alles ist möglich, außer einer Beziehungstat, die scheidet nach bisherigen Erkenntnissen aus. Aber beispielsweise ein Raubmord oder ein Mord, zum Verdecken einer Straftat, die vielleicht im Vorfeld stattgefunden hat, ist denkbar. Auch eine Tat als „Rache“ aufgrund eines Vorfalls, den wir nicht erkennen, ist möglich. Es könnte irgendwo irgendeine Kontrolle gegeben haben, vielleicht von einer anderen Streife, bei der sich jemand beleidigt fühlte.

Fangen Sie das Phantom 2009?

Huber: Ich wage keine zeitliche Prognose. Wir haben sehr viele Erkenntnisse zusammen getragen, die derzeit noch ein Puzzle mit vielen Einzelteilen darstellen. Ich bin überzeugt davon, dass wir ein schlüssiges Bild zusammenfügen können. Es ist nur eine Frage der Zeit. In den Fall ist in den letzten Wochen und Monaten enorme Bewegung gekommen. Deshalb meine ich: Die Schlinge zieht sich immer enger. 

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 


Zeitleiste




Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

Zeitleiste vergrößern

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 


Videos


Stimme Premium: Alle Videos zum Polizistenmord